Rezension: Als der Regen kam

Freitag, 24. August 2012 0 Kommentare


von Urs Augstburger

Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsdatum: 24. August 2012
Ausstattung: Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Sprache: Deutsch

Genre: Gegenwartsliteratur
ISBN-10: 3608939741
ISBN-13: 978-3608939743

Inhalt:

Es handelt sich um die demenzkranke Helen Nesta und ihre verlorene bzw. vergessene Vergangenheit. Ihr Sohn Mauro, der seit Jahren in Italien lebt, kommt zurück in die alte Heimat in der Schweiz. Als er aufgrund der Diagnose seiner Mutter zurückkehrt, weiß er noch nicht, wie schlimm und fortgeschritten Ihre Demenz wirklich ist. Er ist überfordert und erschrocken über Ihren Zustand und schöpft erst Hoffnung, als er Sie mit einem unsichtbaren Partner tanzen sieht und erkennt, dass seine Mutter nicht alles vergessen hat. Das sie vor allem eine ganz bestimmte Person nicht vergessen hat. Es liegt nun an Mauro, die große Lieber seiner Mutter ausfindig zu machen, in der Hoffnung ihr so helfen zu können und auch durch diese Person etwas über sich und seine Familie zu erfahren.

Handlung/Charaktere:


Der Autor Urs Augstburger führt den Leser langsam an die Thematik ran und erläutert vorab sogar einleitend im Interview die Idee zu dieser Geschichte und den Schauplatz. Es handelt sich um ein Jugendfest, welches seit 400 Jahren unverändert, traditionell in seinem Heimatstädtchen stattfindet. Sein Schreibstil ist anspruchsvoll und die Sprünge zwischen den Charakteren gewöhnungsbedürftig. Während man anfänglich auf Mauro, den Sohn der demenzkranken Helen fixiert ist, erlebt man parallel hierzu Helen in Ihrer Verwirrtheit. Ihre Gedankengänge ergeben anfänglich wenig Sinn, bis im Buch Jakob Matter, der Jazzmusiker und die wahre große Liebe von Helen auftaucht. Ebenso der ominöse Pius Kobelt, der Helen tagtäglich besucht, von dem aber in der Klinik, in der Helen lebt, niemand wirklich etwas weiß, spielt eine große Rolle. Erst nach und nach, als Mauro versucht, etwas über seine Familie und vor allem seine Mutter herauszufinden, fügen sich die einzelnen Geschichten, wie Teile eines Puzzles zusammen. 

Stück für Stück führt uns der Autor durch das Leben der vier Hauptpersonen. Mauros Kindheit, seine Flucht nach Italien, seine Bindungsangst. Helen Nesta, die einst so Schöne aus adligem, gutem Hause. Den geheimnisvollen Pius Kobelt, der nicht das ist, was er vorgibt und Jakob Matter, der arme, gebrandmarkte, vernarbte Mann, der viele Jahre zuvor zurückgekehrt ist und immer noch nicht die schlimmen Ereignisse der Vergangenheit verarbeitet hat. Die schwere und melancholische Atmosphäre dieser Geschichte ist einerseits sehr bedrückend und andererseits hilft es einem, sich besser einzufinden und die Charaktere zu verstehen und sogar zu leben. Genau diese Atmosphäre macht es dem Leser auch möglich, diese schwere Entdeckungsreise weiter zu verfolgen. Die Gefühle und Gedanken der Charaktere werden durch den Autor so präzise geschildert, dass wir dadurch die Wut und Trauer durchleben, die Mauro auf der Suche nach der Vergangenheit erlebt. Ob er wirklich die Wahrheit über seine Familie oder die große Liebe seiner Mutter erfährt bleibt bis zum letzten Drittel offen.

Meine persönliche Meinung:


Urs Augstburger vermittelt durch seine ehrliche und anspruchsvolle Schreibweise einen Bezug zum Krankheitsbild Demenz. Anfänglich viel es mir sehr schwer, mich in die Geschichte einzulesen. Der Wechsel zwischen den Charakteren und deren geschriebenen Gedankengängen bereitete mir Schwierigkeiten. Erst als auch die Verbindungen der einzelnen Personen langsam klar wurden, wurde meine Leselust geweckt. Bis circa zur Hälfte des Buches war ich sogar das eine oder andere Mal kurz davor abzubrechen, wurde aber dann im letzten Drittel noch positiv überrascht. Dennoch kann ich sagen, dass die Beschreibung der Personen und Schauplätze wirklich wundervoll detailliert waren und der Bezug der Geschichte, bezugnehmend auf das Jugendfest, auch einen realen Hintergrund hatte, machte es für sehr interessant. Auch seine Widmung „Für sie mit den weißen Haaren" findet eine, wie ich finde perfekte und wunderbare Erklärung und Erläuterung.

Ich zitiere den Autor:

„Sie ist ein Symbol für unsere Sehnsüchte. Steht für jene große Liebe, die oft als unerreichbar gilt. Ich glaube, fast jeder begegnet ihr irgendwann, aber so manchem entgleitet sie. Aus Unachtsamkeit, aus Blindheit. Zugleich ist die weiße Frau ein Symbol für Vergänglichkeit und unbeirrbare Träume."

Ein Schicksalsroman, mit der richtigen Mischung aus Intrigen unter Freunden, der verlorenen Liebe und dem Einblick in das Krankheitsbild Demenz. Dieses Buch erfordert wirklich Aufmerksamkeit und ist sicher kein Buch für Zwischendurch. Es verdient die nötige Ruhe und auch - wie ich finde - die richtige Stimmung. Abschließend möchte ich noch sagen, dass die kleine Beilage mit dem Vermerk zur eigenen Homepage eine nette Beigabe ist. Hier kann man sich nämlich noch zu den wichtigen Kapiteln kleine Filme anschauen, die unheimlich schön gemacht sind und sogar den perfekten musikalischen Hintergrund bieten.

(c) Rezension, Aygen

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