Rezension: Ein Brief aus England

Montag, 29. April 2013 1 Kommentar


Ein Brief aus England

Autorin: Brigitte Beil
Verlag: btb Verlag
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 9. April 2013
Ausstattung: Taschenbuch, 286 Seiten
ISBN13: 978-3-442-74572-2


Ein kleiner Einblick:

"Ohne den Brief wäre ich vielleicht unbehelligt durchgekommen bis an mein Lebensende: Sigrid Johansen, erfolgreiche Geschäftsfrau, selbstständig, unabhängig, unanfechtbar. Aber mit diesem Blatt änderte sich alles [...]" Seite 18

Alles schien in Ordnung, als Sigrid abends nach der Arbeit nach Hause kam. Alles unter Kontrolle, wie immer. Doch dann rennt ihre Tochter Judith wütend und verstört an ihr vorbei aus der gemeinsamen Wohnung und knallt die Türe kräftig zu und Sigrid weiß plötzlich, gar nichts mehr ist in Ordnung.
Karola, das ehemalige Kindermädchen von Judith, die gute Seele, die den Haushalt zusammenhielt, kommt ihr mit einem Blatt Papier entgegen. Es ist ein Amtsschreiben aus England, der den Tod von Mrs. Linda Hamstad verkündet - Sigrids Mutter.
Sigrid erzählte ihrer Tochter immer, dass ihre Großmutter schon lange gestorben sei, nämlich als sie - Sigrid - selbst noch ein kleines Kind war.  Nun flattert dieser Brief ins Haus und stellt Sigrid vor die Tatsache, dass sie sich gezwungenermaßen ihrer düsteren Vergangenheit stellen muss, die sie bis dato erfolgreich verdrängt, vergessen hat, gegen die sich sich mit eisiger Kälte und Distanz wunderbar abgeschottet hat.
Dieser Brief ist wie ein Steinwurf ins Wasser, der konzentrische Kreise zieht.  Ihr Schutzwall bröckelt und Familiengeheimnisse brechen Kreis für Kreis hervor... 

Meine Gedanken zu dem Buch

Die Münchner Autorin Brigitte Beil legt mit "ein Brief aus England" einen Roman vor, der den Leser mitnimmt auf eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise, die Etappe für Etappe eine düstere Familiengeschichte preisgibt, die bis dahin sorgsam versteckt, vergessen, verdrängt wurde.
Eine Familiengeschichte, mit der sich sicherlich in einigen Punkten viele Leser aus Sigrids Generation identifizieren können. Eine Familiengeschichte, die etwa Ende Mai 1940 in Kriegszeiten begann.

Was genau damals in Sigrids jungen Kinderjahren geschah, daran kann sie sich nicht erinnern. Zu gut hat sie sich selbst dagegen abgeschottet. Selbst wenn sie wollte, könnte sie ihrer Tochter nichts erzählen. Aber sie hat die gute Seele Karola an ihrer Seite, die alles miterlebte und die im Gegensatz zu Sigrid nichts vergessen hat.
Sigrid und Judith bilden eine kleine Familie, die man allerdings nicht als eine solche empfinden kann. Beide leben ihr eigenes Leben, schotten sich ab und lassen keine Nähe zu - auch nicht zueinander. Kälte und Kontrolle dominiert die beiden, Mutter als auch Tochter. Gefühle werden abgeblockt, gar nicht erst zugelassen, Liebe ist etwas für hoffnungslose Romantiker. Zielstrebig, gradlinig, immer alles unter Kontrolle - so muss es sein.

So sehr mir Sigrids Art, ihr Auftreten, eine Weile lang widerstrebte und ich ihre frostige Art und ihre kalten Augen beim Lesen fast spüren konnte, so sehr leidete ich aber auch mit ihr und ihren Erfahrungen mit und je mehr sie sich selbst offenbarte, desto mehr konnte auch ich mich für sie öffnen und zum Ende mochte ich sie am liebsten in den Arm nehmen.

Vielleicht kann man dieses Brief daher einfach als Schicksal bezeichnen, der einen Stein ins Rollen bringt, der es bitter nötig hatte, bewegt zu werden.
Eine psychologisch sehr tiefgründige Reise beginnt und man selbst als Leser fühlt mit den beiden mit, die auf sehr drastische Weise plötzlich ihre Familie und auch sich selbst kennenlernen.

So düster auch ab und an die Thematik ist, so packend ist es aber auch. Der Erzählstil ist sehr einladend und offen und man merkt, dass man selbst gefangen ist von diesen Offenbarungen und Stück um Stück diese Geheimnisse weiter freilegen möchte - und man somit das Buch kaum aus der Hand legen kann.

Kurz & gut - mein persönliches Fazit

"Ein Brief aus England" hat mich gefangen genommen und ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Schnörkellos und gradlinig, ohne zu viel Sentimentalität in der Sprache - denn etwas anderes wäre nicht Sigrids Art - und doch so mitreißend, spannend und berührend.
Viele Momente, unter anderem auch gesellschaftskritische, regten mich sehr zum Nachdenken an und das Gelesene hallte nach dem Zuschlagen des Buches noch lange nach.
Eine Geschichte mit psychologischem Tiefgang, die aber alles andere als trocken oder gar langweilig erscheint. Eine tolle Leseerfahrung, die ich definitiv weiterempfehlen kann!

© Rezension: Alexandra Zylenas
[alexandra]

1 Kommentar:

  1. Das klingt wirklich sehr gut, diese Art von Büchern schätze ich sehr.
    Danke für die Rezension, von dem Buch habe ich vorher noch nichts gehört gehabt.

    Viele Grüße
    Chimiko

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