Rezension {Alexandra} | Die Analphabetin, die rechnen konnte | Jonas Jonasson

Samstag, 19. April 2014 4 Kommentare

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Analphabetin im Soweto der Siebzigerjahre aufwächst und eines Tages mit dem schwedischen König und dem Ministerpräsidenten des Landes in einem Lieferwagen sitzt, liegt bei eins zu fünfundvierzig Milliarden siebenhundertsechsundsechzig Millionen zweihundertzwölftausendachthundertzehn.
Und zwar nach den Berechnungen eben dieser Analphabetin.


Ein kleiner Einblick in den Klappentext:



Die aberwitzige Geschichte einer jungen Afrikanerin Nombeko, die zwar nicht lesen kann, die aber ein Rechengenie ist, fast zufällig bei der Konstruktion nuklearer Sprengköpfe mithilft und nebenbei Verhandlungen mit den Mächtigen der Welt führt. Nach einem besonders brisanten Geschäft setzt sie sich nach Schweden ab, wo ihr die große Liebe begegnet. Das bringt nicht nur ihr eigenes Leben, sondern gleich die gesamte Weltpolitik durcheinander...




Der Unterschied zwischen Genialität und Dummheit ist der, dass die Genialität ihre Grenzen hat. ~ Unbekannter Denker

Meine Gedanken zu dem Buch:


Jonas Jonasson landete mit seinem Debütroman "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand", einen Weltbestseller, der nun sogar verfilmt wurde. Jetzt ist das zweite Buch von ihm erschienen und dieses Werk steht dem ersten an Skurrilität, Phantasie und vor allem Witz und Humor um nichts nach. Im Gegenteil: Ich habe mich mit "die Analphabetin, die rechnen konnte" nochmal um einiges mehr amüsiert. Ach was, ich musste Tränen lachen!
Wer einen Jonasson ließt, der muss sich von vornherein im Klaren sein, auf was er/sie sich hier einlässt. Denn Jonas Jonasson ist ein Ausnahmeschriftsteller sondergleichen. Ich bin begeistert,wie er es immer wieder schafft, aktuelle Problematik und politisch ernste und kritische Themen auf die Schippe zu nehmen, sie mit einer riesigen Portion Skurrilität zu verpacken und uns diese dann auf Humor der allerbissigsten Art zu präsentieren. Wenn man sich so in Ruhe die Rezensionen und Besprechungen durchliest, dann stellt man fest, dass er damit auch einigen auf den Schlips tritt und nicht jeder mit seiner Art umgehen kann. Ich denke, hier kommt es ganz arg auf die Betrachtungsweise an. Es ist ein Roman und kein Sachbuch. Trotz aller Themenaktualität hat der Autor doch die Freiheit auf Phantasie und diese nutzt er vollkommen aus. Und doch stupst er uns Leser permanent auf politische Problematiken hin, mal ganz subtil, mal regelrecht mit dem Vorschlaghammer. Aber immer mit Witz und Humor. Der Roman soll unterhalten und nicht belasten,aber subtil dennoch zum Nachdenken anregen. So empfinde zumindest ich, wenn ich seine Bücher lese.

Nombeko hat mich von der ersten Seite an begeistert.
Die neu ernannte Chefin (!) der Latrinenleerungstruppe von Sektor B in Soweto hatte nie die Schule besucht. Ihre Mutter starb, als sie zehn Jahre alt war und ein Vater war "nicht greifbar" (ihre eigenen Worte).
Wie schon in seinem ersten Roman jagt ein Zufall den nächsten und Nombeko bekommt plötzlich die Gelegenheit, lesen zu lernen. Sie stellt fest, dass sie nicht nur ein Rechengenie ist, sondern auch schnell lesen lernen kann und das Gelesene auch noch alles versteht, egal wie hochkompliziert es ist.
Als ein weiterer Zufall ihr ein Vermögen in Form von Diamanten zuspielt, beschließt sie, Soweto zu verlassen. Sie möchte etwas erreichen.
Leider kommt sie nicht sehr weit, denn ein betrunkener Ingenieur fährt sie mit seinem Wagen an. Ein paar verdrehte Rechtsprechungen später wird Nombeko dafür schuldig gesprochen (!) und muss als Putzfrau in den Dienst des Ingenieurs treten.
Der Ingenieur hinderte Nombeko jedoch nicht daran, die Bibliothek zu nutzen und in den Büchern zu blättern und so hatte er ihr quasi die Türe zur höheren Mathematik aufgestoßen. Nombeko liest alles, was verfügbar ist und dies waren nun mal Fachbücher der Mathematik, Physik etc. So lernt sie algebraische, transzendente, imaginäre und komplexe Zahlen bis bin zur Eulerschen Konstante, Differentialgleichungen und unendlich mehr. (Wohlgemerkt: alles Dinge, die dem Ingenieur selbst böhmische Dörfer waren...)
Mit ihrem Wissen wird sie neben ihrer Stafstelle als Putzfrau nun quasi auch zur rechten Hand des Chefs. Heimlich, natürlich! Dennoch hatt sie plötzlich Einblick ins geheimste Projekt der Welt. So bekam sie auch mit, das ungeschickterweise eine Atombombe zu viel produziert wurde. Die Geschichte nimmt ihren skurrilen Verlauf...

Ich möchte anmerken, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr weit im Buch vorangeschritten war. Ihr seht daran, wie sich die Situationen im rasanten Tempo verändern. Man kommt kaum zu Atem und genau das fesselt so ungemein. Die Geschehnisse sind wieder einmal so unfassbar, dass man einfach wissen will, was da noch folgen wird und ob das wirklich noch getoppt werden kann. Ich mag nur soviel verraten: Ja es kann! Definitiv! Es ist unfassbar, aber wahr!
"Das Leben muss nicht leicht sein, wenn es nur inhaltsreich ist" - Lise Meitner / Zitat Seite 213

Jonas Jonasson bringt wieder eine bunte Mischung an Protagonisten ins Spiel, die alle so ihre Macken und Eigenheiten haben. Sie alle treffen irgendwann, irgendwo und irgendwie aufeinander und ihrer aller Leben wird miteinander verstrickt. Alle Handlungsstränge verlaufen zu einem gewissen Zeitpunkt ineinander und es ist faszinierend, diese Wege zu verfolgen und ich musste mehr als einmal ungläubig den Kopf schütteln und den Hut ziehen vor so viel skurriler Phantasie, die mir da geballt präsentiert wird. Keine der vielen Personen und Handlungen geht unterwegs verloren, alles hat seinen Platz im großen Ganzen.
Und natürlich begeisterte mich wieder sein ganz eigener skurril-liebenswerter Erzählstil.

Kurz & gut - mein persönliches Fazit

Jonas Jonasson hat es wieder geschafft. Er hat mich Tränen lachen lassen! Spitzzüngig und mit viel Humor und Sarkasmus rechnet er erneut den aktuell brisanten Themen unserer Zeit ab. Er nimmt die Politik auf die Schippe und traut sich, sensible Themen wie den Rassismus oder das atomare Wettrüsten in eine amüsant-skurrile Geschichte zu verpacken. Dabei schreckt er, wie es scheint, vor nichts zurück, aber man darf und soll ihn auch nicht allzu ernst nehmen. Man sollte schon aufnahmebereit sein für seine ganz spezielle Art von Humor.
Ich kann mich nur wiederholen: ich bin begeistert. Gerne mehr davon, Herr Jonasson!

© Rezension: 2014, Alexandra Zylenas

 


Die Analphabetin, die rechnen konnte von Jonas Jonasson, erschienen bei carl's books
Originaltitel: Analfabeten som kunde räkna
Roman / 2013 / Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN13: 978-3-570-58512-2
Print: € 19,99 [D]* / eBook: € [D]*  Preisangabe zum Zeitpunkt der Rezension
https://www.skoobe.de/Leihen bei Skoobe  - Die mobile Bibliothek 



Quelle Coverbild:© Website carl's books, mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Buch Zitate:© by Jonas Jonasson

Kommentare:

  1. Liebe Alexandra,
    was für eine schöne Rezension. Danke für die Einblicke, die du uns in den neuen Roman von JJ gegeben hast!
    Liebe Blubbergrüße und ein schönes Osterwochenende
    Anka

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  2. Sehr schöne Rezension- und du hast mich nun doch überzeugt.
    Nachdem ein Bekannter nach 50 Seiten das Buch weggelegt hat, wusste ich nicht genau ob ich es mir holen soll.
    Den Hundertjährigen habe ich geliebt. Aber Jonasson ist wohl nicht für jeden was ;)
    Lg

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  3. Da hast du deine Eindrücke sehr ansprechend formuliert. Bis in mein Regal hat es das Buch bereits geschafft. Nun denke ich, rückt's gleich noch ein wenig näher an die Kante, um mir in die Hände zu fallen. Danke dir!

    Allerbeste Stöbergrüße,
    Kora

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  4. Oh, eine ganz toll geschriebene Rezension! Das Buch ist bei mir auch schon im Regal und wird demnächst gelesen. Nach dieser Rezension freue ich mich umso mehr darauf.
    Ihr habt hier einen echt schönen Blog mit vielen Rezensionen. Ich geh mal noch ein bisschen weiterstöbern.
    Einen schönen Sonntag noch, Tabea

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