Rezension || Geschichte für einen Augenblick | Ruth Ozeki

Donnerstag, 22. Mai 2014 0 Kommentare

»Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment Zeit hast, erzähl ich es dir.«

Ein kleiner Einblick in den Klappentext:

http://www.fischerverlage.de/buch/geschichte_fuer_einen_augenblick/9783100552204
"Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir."
So beginnt die junge Japanerin Nao ihr Tagebuch. Sie fühlt sich fremd im eigenen Land und im eigenen Leben. Da hilft es nicht, wenn der Vater selbstmordgefährdet und die Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs ist. Da hilft nur Jiko, Naos Urgroßmutter, die mit hundertvier Jahren immer noch auf dem Weg zur Erleuchtung ist und Nao in die Geheimnisse des Zen einweiht. Aber Weisheiten wie "Oben, unten, dasselbe" - machen die das Leben erträglicher?
Auf wundersame Weise überquert Naos Tagebuch den Pazifik und wird am Strand einer kanadischen Insel angespült. Die Autorin Ruth, die es findet, ist bald wie gebannt von Naos Notizen und beginnt zugleich, um Naos Leben zu fürchten - hat sie letztlich Selbstmord begangen? Ist sie im Tsunami gestorben? Die Suche nach Antworten gerät für Ruth zu einer magischen Reise durch die Gegenwart, die am Ende auch den Blick auf ihr eigenes Leben verwandelt.


Meine Gedanken zu dem Buch:


Ich muss gestehen, dass die Covergestaltung dieses Romans mich im ersten Moment nicht so recht angesprochen hat und ich dadurch dieses grandiose Werk beinahe "übersehen" hätte. Aber ich wurde von mehreren Buchliebhabern, deren Meinung mir sehr wichtig ist, darauf aufmerksam gemacht und so wurde ich richtig neugierig. Zum Glück, kann ich da nur sagen, denn jetzt weiß ich: ich hätte eine wahre Buchperle verpasst! Hieran sieht man wieder einmal, wie wichtig die Kommunikation von Buchmenschen untereinander ist. 
Und so habe ich das Lesen begonnen und war schon nach wenigen Seiten vollkommen überzeugt. Ich wollte mehr! Und ich habe mir für dieses 559 Seiten dicke Werk ausgiebig Zeit gelassen und jede Seite genossen.
"Ich greife durch die Zeit und berühre dich ... Du greifst zurück und berührst mich." ~ Zitat Seite 54
Die Halbjapanerin Ruth Ozeki greift in ihrem Werk viele Themen auf und verarbeitet sie geschickt. Zen-Philosophie, japanische Kultur und Alltag, Mobbing, Arm-Reich-Konflikt, Zweiter Weltkrieg bis hin zu aktuellen brisanten Themen wie Klimawandel durch Umweltverschmutzung (Müllkrise im Pazifik) und Fukushima samt der verheerenden Tsunami-Katastrophe.

"Ist die Halbwertszeit von Informationen mit dem Zerfall unserer Aufmerksamkeit verknüpft? Ist das Internet eine Art zeitlicher Wirbel, der Geschichten in seine Umlaufbahn zieht wie Trift? Was ist sein Wirbelgedächtnis? Wie misst man die Halbwertszeit seiner Trift?" ~ Seite 155

So breit gefächerte Themen - da denkt man erst einmal: wie kann das alles angemessen verarbeitet werden? Man kann! Besser gesagt: Frau Ozeki kann! Und dies ist ihr auf so eindringliche, intensive Weise gelungen, dass es mich fast sprachlos gemacht hat. In der Tat suche ich schon eine ganze Weile nach den richtigen Worten, um dieses Buch zu umschreiben / beschreiben und dabei dem Werk auch gerecht zu werden. Und so habe geschrieben - wieder gelöscht und das Ganze noch einmal von vorne begonnen. Nur um dann erneut zu löschen... Und zuletzt bin ich soweit, dass ich über den Inhalt gar nicht mehr sagen möchte, als tatsächlich in der Kurzbeschreibung steht. Denn einmal begonnen, kann man sich einfach schlichtweg nicht kurz fassen. Zu viel Gedanken, zu viele wirbelnde Emotionen, die ich so gerne  mitteilen möchte - und mit denen ich doch zuletzt so viel verraten würde, euch vielleicht sogar um diese wunderbare Magie berauben würde, die von mit Besitz ergriffen hat während des Lesens.

Ozeki weiß ihre Leser definitiv in ihren Bann zu ziehen. Ihr Schreibstil ist so einvernehmend und fesselnd - und nach wenigen Seiten fühlt man sich selbst beinahe in diesem Strudel, dem Trift, den sie so ausführlich beschreibt. Ihre Charaktere sind stark und voller individueller Persönlichkeit und ich fühlte mich ihnen die ganze Zeit über sehr, sehr nah und ja, ich fühlte mich mittendrin - ich litt und kämpfte mit Naoko Yasutani, kurz Nao, dachte viel über sie nach und genoss besonders die Zeit, als sie ihre Sommerferien im Tempel ihrer Uroma Jiko in Miyagi verbringt. Diese Ruhe ging direkt auf mich über, so kam es mir vor.
Nao's Art zu erzählen - die zynisch-ernsthafte und doch unterhaltsame Art, wie sie ihr Tagebuch führt - faszinierte mich ungemein. Sie verwendet auch viele japanische Wörter, die in Fußnoten erklärt werden. Die ganze Zeit kam es mir so vor, als spricht sie mich direkt an, als sitzt sie mir gegenüber und erzählt mir ihre Geschichte persönlich.Ich kam mir fast vor, als hätte ich ihr Tagebuch selbst gefunden!
Die gelungene Verknüpfung unterschiedlicher Erzählebenen, der ständige Wechsel zwischen Naos und Ruths Welt, fordert ganze Aufmerksamkeit und die Geschehnisse regen zum Nachdenken und Mitdenken an. Nach dem lesen dieses Werkes habe ich mich dann auch noch einmal eingehender mit der Cover-Gestaltung befasst - und kann nun mein eigenes anfängliches Zögern nicht mehr nachvollziehen. Wenn man die Geschichte kennt, dann ist es ... einfach völlig stimmig!

"Also, was soll ich machen? Ich kann doch gegen Dads psychologische Probleme nichts tun oder gegen die Dot-Com-Blase oder die miese japanische Wirtschaft oder dass mich meine sogenannte beste Freundin in Amerika im Stich gelassen hat oder dass ich in der Schule gemobbt werde oder gegen Terrorismus oder Krieg oder die Erderwärmung oder das Artensterben, oder?" ~ Seite 229

Kurz & gut - mein persönliches Fazit


Ozekis "Geschichte für einen Augenblick" inspirierte und berührte mich tief. Jede Seite wurde zu einem kostbaren Augenblick für mich. Ein Buch, dass noch lange nachhallt und definitiv noch ein weiteres Mal gelesen wird. Eine wahre Buchperle, die ich in meinem Regal nicht mehr missen möchte - und bisher mein größtes Lese-Highlight in diesem Jahr!
Meine absolute und ganz klare Leseempfehlung!

"Du musst ein bisschen verrückt sein. Verrückt sein ist der Preis, den du für deine Vorstellungsgabe bezahlst. " ~ Seite 423


© Rezension: 2014, Alexandra Zylenas


April 2014 - Roman - Hardcover mit 560 Seiten
ISBN13: 978-3-10-055220-4
Print: € 19,99 [D]* / eBook: € 17,99 [D] *Preis zum Zeitpunkt der Rezension


Quelle Coverbild: © Website S. Fischer Verlag, mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Buch Zitate: © by Ruth Ozeki

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