Rezension || Wo ein bisschen Zeit ist... | Emil Ostrovski

Sonntag, 28. September 2014 0 Kommentare

"Aber eine Welt, in der wir stets wüssten, was richtig ist, und keine andere Wahl hätten, als es zu tun, das wäre eine Welt voller Marionetten. Eine Welt ohne die Möglichkeit zum Bösen, aber auch ohne die Möglichkeit zum Guten, denn das Gute kann nicht automatisch geschehen. Man muss sich dafür entscheiden." ~ Zitat S.221-222


http://www.fischerverlage.de/buch/wo_ein_bisschen_zeit_ist/9783841421609
Der 18-jährige Jack Polovsky entführt seinen neugeborenen und zur Adoption freigegebenen Sohn, um ihn seiner dementen Großmutter zu zeigen.
Und so gerät alles aus den Fugen.Jack kauft ein Auto, holt seinen besten Freund Tommy und später auch die Mutter des Kindes dazu, und gemeinsam sind sie zwei Tage lang auf der Flucht vor der Polizei. Jack bespricht dabei schon mal die ganz großen Themen des Lebens mit seinem Sohn. Der heißt nämlich Sokrates – zumindest für Jack.
Am Ende wird alles gut: Jack bekommt Besuchsrecht, das Baby Sokrates bekommt einen richtigen Namen und sie finden (fast) den Sinn des Lebens.  (© Text- & Bildmaterial: FJB Fischer Verlag)

Meine Gedanken zu dem Buch: 

Meine Erwartungen an dieses Buch waren ehrlich gesagt sehr hoch, vielleicht letztlich zu hoch und haben mich manchmal vergessen lassen, dass ich hier ein Jugendbuch vor mir habe. Daher lasse ich diese Erkenntnis fairerweise in meine Gedanken und mein Urteil nun einfliessen.

Wenn man Jung ist und voller Tatendrang, dann kann dieser Tatendrang auch dazu führen, dass man sich mit dessen ungewünschten Folgen konfrontiert sehen muss. So geschehen auch bei Jack, dem seine Ex mitteilt, dass sie von ihm ein Kind erwartet. Was bei manchen zu einer tiefen Depression führen würde, bewirkt bei Jack das Gegenteil. Nachdem er vorher noch regelmäßig Suizidversuche unternommen hat, holt ihn ausgerechnet diese Nachricht ins Leben zurück. So verwundert es letztlich auch nicht, dass er nach der Geburt seines Sohnes diesen nicht wie geplant in der Klinik den wartenden Adoptiveltern übergibt, sondern mit dem kleinen durchbrennt. Anfangs noch absolut hilflos und mit der Verantwortung überfordert, sieht Jack nun , dass sein Leben durchaus einen Sinn hat und begibt sich mit seinem besten Freund Tommy und seiner Ex Jess auf die Flucht zu seiner Großmutter.

Der Klappentext verrät ja bereits viel von der Handlung und auch das Ende dieser Reise wird schon angedeutet, letztlich ist es aber wie so oft bei Roadtrips...hier ist der Trip an sich und die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen das Highlight. Sehr oft schmunzeln musste ich besonders über die kleinen freundschaftlichen Plänkeleien zwischen Tommy und Jack, deren Wirkung sich auch Jess trotz allem Groll irgendwann nicht mehr entziehen kann. Der Verlauf ihrer Beziehung ist irgendwie vorhersehbar, trotzdem gelingt es dem Autor, dass ich eine sehr große Sympathie für die 3 Jugendlichen entwickeln konnte und in den kritischen Momenten mitgefiebert und gehofft habe.

Was mir aufgrund der Beschreibung schon klar war, wurde nach dem lesen der ersten Seiten und allein schon durch die Namensgebung Sokrates für den kleinen Sohn unterstrichen: hier geht es dem Autor auch darum, philosophische Gedanken dem Leser näher zu bringen. Diese finden sich in relativ starr und für mich auch trockenen Abschnitten in Form von Zwiegesprächen, die Jack mit Sokrates führt. Inhaltlich sehr gut formuliert, wirken diese Abschnitte auf mich jedoch vielfach eher verstörend.

Kurz & gut - mein persönliches Fazit 
 

Der Versuch, Philosophie in einer unterhaltsamen Form zu vermitteln ist nicht neu und wie dieses Buch zeigt auch eine große Herausforderung. Ostrovski gelingt das immer dann sehr gut, wenn er sich die Handlung der Geschichte zu nutze macht. Dagegen wirkte es auf mich teilweise störend, wenn er sich eine "Auszeit" vom Erzählstil nimmt, um eine philosophische Frage zu vertiefen.

Unabhängig davon habe ich mich aber in diesem Buch sehr wohl gefühlt. Die Story ist gut und flüssig zu lesen, ohne dass die Erzählform zu schlicht gewählt ist. Es gibt viele Situationen zum schmunzeln und auch den einen oder anderen spannenden Moment, allerdings hätte ich mir für einen richtigen Roadtrip davon noch ein paar mehr gewünscht. 

Wie schon erwähnt, waren mir die Charaktere durchweg sympathisch, auch wenn der Autor hier in deren Beschreibung nicht sehr in die Tiefe geht. Der gesamte Handlungsstrang ist durchaus realitätsnah und könnte so auch irgendwo gerade in ähnlicher Form passieren. Allerdings wirkt die "Philosophische Reife" von Jack im Gegensatz zu seinem sonstigen, eher dem jugendlichen Alter angepassten Verhalten, zeitweise etwas unrealistisch.

Zum Schluss hätte ich mir ein etwas weniger offenes Ende gewünscht, so bleibt einiges der eigenen Spekulation überlassen. Insgesamt aber von mir eine klare Leseempfehlung für alle, die sich der Philosophie nicht abgeneigt fühlen, bisher aber vor reiner "Fachliteratur" zurückgeschreckt sind. Diese bekommen hier zudem eine sehr unterhaltsame Story dazu geliefert. Und ein wenig vom eigenen Roadtrip träumen darf man mit diesem Buch natürlich auch.



© Rezension: 2014, Christian Köhne




24. Juli 2014 / gebunden mit Schutzumschlag / 304 Seiten 


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