Rezension || Du mußt mir vertrauen | Sophie McKenzie

Freitag, 12. Dezember 2014 0 Kommentare



Livy und ihr Mann Will führen eine solide Ehe - wäre da nicht Wills Affäre mit einer Kollegin vor einigen Jahren gewesen. Will ist gerade auf Dienstreise, als Livys glamouröse Freundin Julia tot aufgefunden wird. Livy entdeckt, dass Julia eine Agentur beauftragt hatte, die mithilfe weiblicher Agenten testet, ob ein Mann seiner Frau treu ist. Gegenstand der Recherche war Will. Hatte Julia den Verdacht, dass Will erneut untreu war? Oder war sie selbst in eine Affäre mit ihm verwickelt? Während Livy diesen Fragen nachgeht, gerät sie in große Gefahr ...  


Die Autorin
Sophie McKenzie hat bereits mehr als fünfzehn Romane geschrieben, darunter die preisgekrönten Teenage-Thriller Girl, Missing, Sister, Missing und Missing Me. Sie erhielt zahlreiche Preise und stand zwei mal auf der Longlist für die Carnegie Medal. Sophie McKenzie lebt in London. (Text + Cover: Heyne Verlag)
Der Roman gliedert sich in 22 relativ ausführliche Kapitel, eine filmschnittartige Szenenabfolge sucht man vergeblich. Sowohl durch das Präsens als dominierendes Erzähltempus als auch die Perspektive der ersten Person wird der Leser zum ständigen Begleiter der Hauptfigur Livy Jackson, wird in hohem Ausmaß in ihren Alltag eingebunden. Durch kurze kursiv gesetzte Passagen, die als Briefe verfasst sind, in denen sich der Mörder persönlich an den Leser wendet, erhält dieser Einblicke in dessen Motivation. Inhaltlich drängt sich der Vergleich mit dem Vorgängerroman "Seit du tot bist" auf. Auch hier wird der Leser von einer mondänen Mittdreißigerin in die Londoner Oberschicht eingeführt, auch hier entpuppt sich dessen blendender Schein als Ansammlung von Oberflächlichkeiten. Hier wie dort verbirgt der Gatte der Protagonistin ein dunkles Geheimnis, hier wie dort gilt es, in einer Vielfalt von Namen, aus denen sich erst langsam konkrete Persönlichkeiten formen, die Orientierung zu bewahren. Während jedoch das Thriller-Debüt der Autorin, die bereits im Jugendbuchbereich wohlbekannt ist, im Zeichen einer problematischen Mutterschaft steht, kreist "Du musst mir vertrauen" um das Thema eheliche Treue. Somit gelingt es, trotz einer auf den ersten Blick verwechselbaren Figurenkonstellation, einen eigenständigen, auch ohne Kenntnis des Vorgängers genießbaren Roman zu schaffen. 

Der erwähnte Informationsvorsprung über den Antagonisten erweist sich als ein scheinbarer, da dessen Affinität zur Gewalt sich episodenartig zu einer Biographie fügt, Hinweise auf seine wahre Identität jedoch spärlich sind. Die seltenen Bezüge zur Gegenwart der Handlung saugt der Leser gierig auf, um sie mit den Charaktereigenschaften der bekannten Figuren abzugleichen. Wer aus Livys Umfeld könnte der Mörder sein? Wer weist dieselbe Vorliebe für Scotch, wer eine vergleichbare emotionale Kälte auf? In bester britischer Whodunnit-Tradition verführt der Roman zum neugierigen Mitraten.
Als besonders versiert zeigt sich die Autorin in der Variation des Tempos, dem Verhältnis der Erzählzeit zur erzählten Zeit. Dialoge, in denen die Persönlichkeiten der Protagonisten um einzelne Nuancen bereichert werden, sind mit all ihren verbalen und non-verbalen Kommunikationsbestandteilen wiedergegeben, während solche, die lediglich der Vermittlung von Sachinformation dienen, in wenigen Zeilen abgewickelt werden. So erfährt man aus einem kurzen Telefonat oder der Konversation mit einem Barkeeper lediglich die Inhalte, ohne zu fürchten, Essentielles zu versäumen.

Obwohl Sophie McKenzie also geschickt zu priorisieren und über das strukturelle Werkzeug der Geschwindigkeit inhaltliche Schwerpunkte zu setzen versteht, wirken gerade zu Beginn auftretende Längen befremdlich: Seitenlang ergeht sie sich in Details des privaten und öffentlichen Lebens der Ich-Erzählerin, während der Leser auf Nadeln sitzend der Aufklärung eines Mordes harrt. Beinahe paradox ist es daher, wenn der Leser nach gut hundert Seiten zwar bestens über die bevorzugte Garderobe der Ermordeten Bescheid weiß, nichts jedoch über die genaueren Umstände ihres Todes. Minutiös geschilderte Abläufe einer Dinnerparty oder Akte pubertierenden Aufbegehrens der zwölfjährigen Tochter Hannah bewirken somit ein Übergewicht auf der erzählerischen Waage gegenüber mörderischer Spannungselemente, das im weiteren Verlauf nur mehr schwer wieder ausgeglichen werden kann. Eine Dichte an handlungstragenden Spannungsmomenten, wie sie mit vergleichbarer Thematik etwa Gillian Flynn, Sophie Hannah oder auch Charlotte Link und Petra Hammesfahr bieten, wird niemals erreicht.

Dazu passt, dass auch der Klappentext des Buches, dessen Aufgabe üblicherweise darin besteht, die Neugier zu wecken, weit vorgreifen muss, um den Kern der Geschichte wiederzugeben. Im ersten Drittel ertappt man sich mitunter dabei, ungeduldig nochmals die Rückseite des Buches zu studieren. In der Tat wird der Leser erst nach einem Déjà-Vu-Erlebnis auf Seite 190 in die spannungsverheißende Ungewissheit entlassen.

Aufgrund der erwähnten Schwerpunktsetzung überzeugt der Roman daher weniger als schlafraubendes Stück Spannungslektüre, sondern vielmehr im Entwurf der Hauptfigur und Ich-Erzählerin. Diese ist derart sorgfältig ausgearbeitet, mit so vielen Nuancen und Variationen im Verhalten geschildert, dass alle anderen Charaktere neben ihr zu blassen Komparsen verkümmern. Die Verzweiflung, wenn sie ihren Mann Will der Untreue verdächtigt, der vollständige Zusammenbruch der jugendlichen Welt beim Tod ihrer Schwester, die zahlreichen emotionalen Ausnahmesituationen werden anhand körperlicher Manifestationen der nervlichen Belastung illustriert und scheinen wie durch eine optische Linse konzentriert. Daneben werden aber auch ganz alltägliche Situationen wie eine leere Waschmittelpackung oder die Hektik am Frühstückstisch durchlebt und authentisch kommentiert.
Obwohl gerade die Suche nach dem Mörder als roter Faden nicht aus den Augen verloren wird, kann diese nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei "Du musst mir vertrauen" eher um einen gemächlichen Whodunnit-Krimi als einen adrenaliberauschenden Thriller handelt. Zu wenige überraschende Wendungen lauern auf den Leser, zu wenige Momente, in denen er auf die Folter gespannt wird. 

© Rezension: 2014, Wolfgang Brandner 
 



Du mußt mir vertrauen - Sophie McKenzie - Heyne Verlag



Taschenbuch, 464 Seiten
Erschienen im Dezember 2014
ISBN 978-3-453-41448-8

Kaufen: eBook / Print



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