Rezension || Was wir nicht wussten | TaraShea Nesbit

Mittwoch, 3. Dezember 2014 2 Kommentare

Die Frauen von Los Alamos – Leben im Schatten der Atombombe

Ein Blick in die Buchbeschreibung:


http://www.dumont-buchverlag.de/buch/TaraShea_Nesbit_Was_wir_nicht_wussten/14499
Sie kommen von überall auf der Welt: Frauen, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass ihre Männer an der Entwicklung der Atombombe beteiligt sind. In New Mexico erwartet sie ein improvisiertes Leben hinter Stacheldraht. Die absolute Geheimhaltung des »Manhattan Project« durchdringt alle Aspekte ihres Alltags: Namen werden geändert, Kontakte unterbrochen. Ihr Leben ist definiert durch die Dinge, die sie nicht sagen, die Briefe, die sie nicht schreiben, die Freiheiten, die sie sich nicht nehmen können. Und doch bildet sich auf dem verlassenen Schulgelände mitten im Nichts allmählich eine Gemeinschaft. Babys werden geboren, Freundschaften entstehen. Das Leben behauptet sich. Und die Frauen wachsen zusammen, bis sie mit einer einzigen Stimme sprechen. Sie erzählt davon, was wirkliche Humanität im Angesicht des Kriegs bedeutet. TaraShea Nesbits unaufgeregte, ruhige Sprache und die ungewöhnliche Erzählperspektive entfalten einen meditativen Sog. 

TaraShea Nesbit 

TaraShea Nesbit lehrt Creative Writing an der University of Denver und der University of Washington. Ihre Texte erschienen in zahlreichen Literaturzeitschriften. Sie lebt in Boulder, Colorado. ›Was wir nicht wussten‹ ist ihr erster Roman.

Meine Gedanken zum Buch:


"Was wir nicht wussten" ist ein Buch aus Sicht der Frauen, die ihre Männer für das Manhattan Projekt begleiteten. Durch diese Sichtwiese allein deshalb schon sehr interessant. Der Bau der Atombombe, der eigentlich ungesagt ist und bleibt. Jede Seite fesselt und animiert dazu, das Buch nicht aus der Hand zu legen.

Es sind Frauen mit ihren Männern, eignen Kindern, den Wunsch nach Kindern, einem normalen Alltag, ein Haus, eine schöne Wohnung. Eigentlich ist Normalität eingekehrt. Doch diese wird unterbrochen, als die Männer nach Hause kehren und verkünden, dass sie umziehen. Für einen Job und eigentlich sei dort vieles möglich. Es gibt viele Fragen, aber keine Antworten. Alles ist geheim. Die Sachen werden gepackt. Verabschiedungen, die eigentlich zu kurz sind, kommen hinzu. Letzte Bilder, letzte Eindrücke und Gedanken, viele Fragen sind plötzlich auf einer Zugfahrt mit weiteren Familien aus anderen Ländern.
Gedränge, schreiende Kinder begleiten eine lange Fahrt nach New Mexico. Die Unsicherheit und die vielen Fragen sind nicht nur lesbar, sondern auch spürbar.
Es ist wie mitreisen, aber ganz vorsichtig. Nur um mehr zu erfahren oder zu wissen. Also weiterlesen. Unaufhörlich.
Das Ankommen nach der langen Zugfahrt ist eine Abfertigung, Fotos, Fingerabdrücke und dann schon recht bald die brutale Ernüchterung des Nichts. Denn nichts ist, wie es sein sollte, oder in guten Vorstellungen war. Es fehlt an vielem und die Männer, von der Arbeit fast nahezu gedemütigt, verlieren ihr Gesicht. Die Ausstrahlung muss weichen. An ihrer Stelle kommen Bartstoppeln und verdeckte Gesichter.
In jeder Zeile denke ich, wenn ihr es wisst, was ihr tut, es etwa spürt, "dann lauft doch." Ich möchte die Männer schütteln und sagen. "Tut dies nicht."

Doch all dies ist schon längst geschehen.
Der damalige Alltag ist eine schöne Erinnerung, die nun nicht mal einen Sonnenplatz für Wäsche hat, aber eine Glocke, die stets den tristen Tag mit einem unüberhörbaren Läuten untermalt und zur Arbeit ermahnt. Am Tag, am Abend, wenn es brennt, wenn kein Wasser mehr da ist. Sie läuten immer. Ein Geräusch, welches selbst beim Lesen dieser Zeilen schon in den Ohren weh tut.
Die Frauen leben mit ihren Familien und wachsen zusammen. Reden, bekommen Kinder, vermissen ihr Zuhause. Verlieren zu wissen, wie es ist das Meer zu riechen oder die Verwandtschaft, die fortblieb, herzigen zu können.
All das ist lesend so nach zu empfinden. Richtig nach zu fühlen. Ein Gefühl, dass nicht gut ist. Jeder möchte immer Klarheit und ein Zuhause, dass wirklich eines ist und kein Abschnitt zur offenen Welt.

Eines Tages gibt es auf dem von ihnen bewohnten, mit Stacheldraht umgebenen Gebiet einen lauten Knall. Einen Knall, der zu einer Explosion gehört.
Zu den vielen Fragen kommen langsam Antworten, die niemand wirklich wollte. Die Wahrheit trägt einen schmutzigen Schleier und in der Zeit des Zweiten Weltkrieges wird die erste Atombombe gebaut.

Im August 1945 fiel diese Bombe auf Hiroshima und die Frauen blicken auf Bildschirme, schalten das Radio an, besuchen sich gegenseitig. Unzählige Menschen wurden getötet und doch geht ein Gedanke durch die Köpfe der Frauen, dass alles endlich vorbei sein könnte. Er zeigt die Vielschichtigkeit der Dinge. Viele Leben gingen und doch geht Hoffnung in den Köpfen der Frauen um. Doch es kehrt auch die Einsicht über die Abscheulichkeit dieser Tat ein und damit weitere Fragen. All dies zu lesen macht fassungslos und es gibt einen Einblick, dass zu jeder schrecklichen, so grausamen Tat auch Menschen gehören, die dies umsetzen und ihr Leben einer zerstörerischen Explosion gleicht, wenn auch bedeutsam kleiner als die Atombombe.


Mein persönliches Fazit


Ein Buch, dass für mich zu den 5 besten Büchern 2014 zählt. Es ist schonungslos, gedankenreich und zeigt etwas sehr Geschichtsträchtiges aus der Sicht der Frauen. Oft war ich einfach nur schockiert, dann wieder gerührt und am Ende fast sprachlos mit dem Gedanken, dass diese Frauen dann hoffentlich mit all ihren Zweifeln, Fragen, Wünschen, mit ihren Männern, Kindern, Familien, ein leichteres Leben hatten. Dieses Buch sollte nie in Vergessenheit geraten und wird hoffentlich unendlich zahlreich gelesen. Ich finde ein so wichtiges lesenswertes Buch, dass es Literaturpreise verdient hätte.  

© Rezension: 2014, Sanny
Gedankenlabyrintherin




Was wir nicht wussten - TaraShea Nesbit - Dumont Buchverlag


2014, Roman, 256 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8321-9735-3
Preis: EUR 19,99 [D] *Zum Zeitpunkt der Rezension 


http://brpassepartout.shop-asp.de/shop/action/productDetails/25275517/tarashea_nesbit_was_wir_nicht_wussten_3832197354.html?aUrl=90008618&searchId=0




Kommentare:

  1. Das Buch klingt wirklich nach einer Geschichte, die man unbedingt lesen sollte. Bestimmt keine einfache Kost aber dennoch berührend. So stell ich mir das Buch vor. Danke für die Vorstellung und diese wunderschöne Rezension. So habe ich von dem Buch erfahren.
    Liebe Grüße,
    Vanessa

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  2. Sanni Bücherwurm7. Dezember 2014 um 03:56

    Ja, es ist wirklich ein Buch, das unvergesslich ist. Es stimmt keine einfach Kost, aber sehr berührend und interessant. Der Blick hinter allem. Einfach eine Sichtweise an die viel zu selten gedacht wird.

    Sanny

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