Rezension || Erlöse mich | Michael Robotham

Mittwoch, 7. Januar 2015 0 Kommentare

Da eine Rezension des Romans ohne Vorwegnahme einzelner Handlungselemente nur schwer möglich ist, sei an dieser Stelle eine SPOILERWARNUNG ausgesprochen.



Er ist dein Beschützer. Er ist dein Erlöser. Und er will dich vernichten. Ich habe mich verliebt, und ich bin ihr gefolgt. Sie sah mich nicht. Sie wusste nicht einmal von meiner Existenz. Jetzt bin ich die wichtigste Figur in Marnies Leben, doch sie weiß es noch nicht. Ich bin der, der aufpasst. Seit ihr Mann Daniel vor einem Jahr spurlos verschwand, liegt ein schwarzer Schatten über dem Leben von Marnie Logan. Aber sie leidet nicht nur unter der quälenden Ungewissheit über sein Schicksal - immer wieder übermannen sie plötzlich Ängste, immer wieder beschleicht sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Deshalb sucht sie auch Hilfe bei dem Psychologen Joe O’Loughlin, der aber schnell den Verdacht hat, dass Marnie ihm etwas verschweigt. Als eines Tages überraschend ein Album mit Fotos alter Freunde und Bekannter entdeckt wird, das Daniel seiner Frau zum Geburtstag schenken wollte, ist Marnie zunächst gerührt. Doch dann kommt die grausame Geschichte dahinter ans Tageslicht, die auch Joe zutiefst erschüttert

Michael Robotham
Der gebürtige Australier Michael Robotham war in London als Journalist für verschiedene Zeitungen tätig, bevor er als Ghostwriter Biographien beispielsweise für Geri Halliwell verfaßte. Schließlich trat er mit "Adrenalin", seinem ersten unter eigenem Namen veröffentlichen Roman aus dem Schatten seiner prominenten Klienten und markierte damit den Beginn einer neuen Serie. Mit Joseph O'Loughlin, einem unter Parkinson leidenden Psychiater und Vincent Ruiz, einem mürrischen Ex-Polizisten bereichert Robotham die Krimiszene um ein kaum an Originalität zu überbietendes Duo. 

Grob in zwei Abschnitte unterteilt, gliedert sich der Roman in 64 Kapitel, in denen die Handlung in wechselnder Perspektive, jeweils aus Sicht einzelner Figuren entwickelt wird. Als Erzähltempus funigiert dabei das ungewohnte und zunächst sperrig wirkende Präsens, für Rückblenden wird das Präteritum genutzt. Diese Wahl relativiert dabei das fiktionale Wesens des Romans und rückt ihn ein Stück in Richtung des Faktischen, läßt ihn schärfer, realistischer erscheinen.
Der perspektivische Schwerpunkt liegt auf dem Opfer des gegenwärtigen Falles, Marnie Logan, sowie natürlich Robothams Serienhelden, dem Psychiater Joseph O'Loughlin und dem ehemaligen Polizisten Vincent Ruiz. Diese Technik wird gleichzeitig auch dazu genutzt, inhaltliche Akzente zu setzen. So wird zunächst relativ viel Erzählzeit dafür aufgewendet, Marnies Lebenssituation zu schildern, in der zugleich auch ein Hauch Sozialkritik verpackt ist, bevor erst O'Loughlin und Ruiz in die Handlung eingebunden werden. Die Gleichstellung dieser beiden Konstanten des Robotham'schen Kosmos mit dem Opfer in der Erzählhierarchie unterstützt als Stilmittel auch ihre aktiven Rollen auf inhaltlicher Ebene.
Hier erweist sich außerdem einmal mehr eine Besonderheit der Reihe von Michael Robotham: Durch die Berufe seiner beiden Serienhelden - Psychiater und Ex-Polizist - sind sie von der unmittelbaren Pflicht zur Aufklärung des Falles entbunden. Es ist nicht ihre vordringliche Aufgabe, Marnies Problem zu lösen, vielmehr erweisen sie ihr einen Freundschaftsdienst. Anklänge an TV-Serien der 80er Jahre wie "A-Team" oder "McGyver" sind wohl erwünscht. Damit verlassen die beiden zugleich auch die neutrale Stellung des Berufsermittlers, können damit auch leichter im gesetzlichen Graubereich agieren, erhalten Parteistellung im Roman. Wie eine literarische Umsetzung der Heisenberg'schen Unschärferelation beobachten sie nicht defensiv, sondern werden zum integralen Teil der Handlung, ohne den dieser einen anderen Verlauf nehmen würde. Beispielsweise übt Joe als Marnies Psychiater einen wesentlichen Einfluß auf ihre Persönlichkeit aus, womit er unfreiwillig zum Rivalen des Antagonisten wird. Hinzu kommt, daß Joe an der Parkinson'schen Krankheit leidet, die ihm eine Fragilität verleiht, die spannungsgeladene Situationen oft noch verschärft.
Ein unverkennbarer Schwerpunkt des Romans liegt auf dem Suchen, Finden, Verlieren und Wiederfinden der eigenen Identität. Wer sich einen hauptberuflichen Psychiater als Protagonisten wählt, kommt wohl nur schwer an diesem Themenkomplex vorbei, in der Tat zieht es sich wie ein roter Faden durch die O'Loughlin/Ruiz-Serie. 

Wodurch wird die eigene Identität bestimmt?
Inwieweit prägen die Erinnerungen die Persönlichkeit? 

Mit dieser Frage regt der Autor seine Leser besonders zum Grübeln an. Marnie entdeckt, daß ihr verschwundener Ehemann Daniel ihr ein Geburtstagsgeschenk durch die Ergründung der verschiedenen Aspekte ihreres Wesens bereiten wollte, indem er mit prägenden Menschen auf ihrem Lebensweg Gespräche führte. Das Postulat, das hinter diesem Vorhaben steckt, ist somit, daß die Persönlichkeit immer nur als Momentaufnahme existiert, einer ständigen Entwicklung unterworfen ist. Jede Begegnung, jedes Erlebnis beeinflußt uns, gräbt sich ins Gedächtnis, initiiert einen Lernprozeß.
Existiert außerdem analog zu jenem nach Nahrung ein menschliches Urbedürfnis nach dem Wissen um das Ich?

Zwischen den Zeilen leuchten die genannten Fragen immer wieder aus dem Roman hervor und manifestieren sich insbesondere in einer Figur, die als Chamäleon durch die Welt streift. Süchtig nach Geschichten, findet er in Kino und Theater seine Glücksmomente, bevor er das Leben anderer Menschen als die ultimative Form eines interaktiven Films für sich entdeckt. Dem Shakespeare-Zitat "Die ganze Welt ist Bühne" folgend, empfindet er sich als unsichtbarer Regisseur, degradiert sein Opfer somit zum Objekt, das er meint, bewußt lenken zu können. Wie ein Vampir seinen Blutdurst, so kann er sein Bedürfnis nach Identität an der passiven Teilnahme am Leben anderer Menschen stillen. Der Originaltitel des Romans "Watching You" vermag seinen Inhalt hier wesentlich präziser auf einen Punkt zu verdichten als die deutsche Version.
Eine andere Facette der Fragestellung um die Konstitution des eigenen Bewußtseins wird anhand des Krankheitsbildes einer Persönlichkeitsstörung aufgegriffen. Analog zu bewährten Geschichten wie etwa dem Film "Zwielicht" mit Edward Norton oder Christophe Granges Roman "Der Ursprung des Bösen" wird das Faust-Zitat "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust" konsequent weitergedacht: Gibt es so etwas wie eine dominante, eine eigentliche Persönlichkeit? Wenn ja, welche ist sie? Und wollen wir die andere(n) auch kennenlernen? Indem der Autor anhand dieser Pathologie die Identität einer Figur infrage stellt, läßt er den Leser damit gleichzeitig an der Erzählung als ganzes zweifeln. Schließlich ist es genau diese Situation der Unsicherheit, des Zweifels, die sem Roman seine unvergleichliche Spannung verleiht. 

Michael Robotham inszeniert ein verwirrend-packendes Stück, das seine große Spannung ganz dem Genre Psychothriller entsprechend, aus dem lustvollen Spiel mit Identität und Bewußtsein bezieht.

© Rezension: 2014, Wolfgang Brandner   



ISBN: 9783442313174
Flexibler Einband: 448 Seiten
Sprache: Deutsch
Kaufen: eBook / Taschenbuch / Hörbuch


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