Hörbuch-Rezension || Control | Daniel Suarez

Dienstag, 3. März 2015 0 Kommentare

1969 eroberte der Mensch den Mond. Und was ist die größte Errungenschaft unseres Jahrhunderts? Facebook? Was wurde aus den Visionen der Vergangenheit? Warum gibt es keine großen Erfindungen mehr?
Als dem Physiker John Grady die Aufhebung der Schwerkraft gelingt, hofft er auf den Nobelpreis. Doch statt Gratulanten kommen Terroristen. Grady stirbt. Das melden zumindest die Medien. Tatsächlich erwacht der Wissenschaftler in Gefangenschaft: Das hochgeheime "Bureau of Technology Control" entführt seit Jahrzehnten die brillantesten Wissenschaftler. Zum Schutz der Menschheit, angeblich, denn für Kernfusion und andere Erfindungen sei der Homo Sapiens noch nicht weit genug.
Für die Gefangenen gibt es nur eine Wahl: Entweder Kooperation - oder eine türlose Zelle im Fels, tief unter der Erde. Doch die neuen Herren der Welt haben die Rechnung ohne Grady gemacht.

Nach "Daemon", "Darknet" und "Kill Decision" stellt Daniel Suarez einmal mehr sein Faible für moderne Technik unter Beweis. Anders als in den Vorgängerromanen, die von außer Kontrolle geratenen hochkomplexen Computernetzwerken und Schwarmintelligenzen handeln, ist es in "Control" keine spezifische Techonolige, der sein Augenmerk gilt. Stattdessen handelt der Roman von einer Vielzahl an Annehmlichkeiten, die das Leben der Menschheit erleichtern könnten.
Könnten, ja.
Wäre da nicht das ominöse Bureau of Technology Control, das auf Basis aufwendiger Simulationen entscheidet, ob die Zivilisation für eine bestimmte Innovation bereits reif ist. Hier liegt auch der Unterschied zu den Vorgängerromanen: Suarez spielt nicht mehr mit der Angst vor dem Geschöpf, das seinen Schöpfer überwindet, sondern ganz banal mit jener vor der menschlichen Willkür. Rivalisierende Regierungsbehörden und omnipräsente Überwachung bereiten Liebhaber von Verschwörungstheorien großes Vergnügen. Wenn auch der Science-Aspekt von sehr viel Fiction geprägt ist, bringt doch am Ende die Befürchtung behördlicher Bevormundung den Leser nachhaltig ins Grübeln.

Die große Stärke von Daniel Suarez ist zweifellos die Kreativität, mit der er seine Geschichte ausgestaltet, mit der er eine Parallelwelt erschafft, deren Errungenschaften an die klassischen Utopien erinnern. Satellitenlose Kommunikation über fünfdimensionale Strings, organische Speichermedien auf Knochenmarksbasis, genetische Manipulation des Haarwuches, mit der in Minutenschnelle ein Bart entsteht oder Kühlsysteme, die Meeresfrüchte auf Jahre hinaus wie fangfrisch schmecken lassen, die vom BTC gehorteten Erfindungen betreffen nicht nur Mittel zur Kriegsführung, sondern in viel größerem Ausmaß auch ganz profane Verrichtungen des Alltags.
Die große Schwäche von Daniel Suarez hingegen ist sein Hang zum martialischen Finale. Im letzten Drittel schlägt die Geschichte eine Richtung ein, die aus "Kill Decision" bestens bekannt ist. Die Entscheidung über den Fortbestand des BTC verengt sich auf punktuelle Ressentiments weniger Personen, zielgerichtet wird auf eine Materialschlacht hingearbeitet, in der letztlich Sekundenbruchteile entscheiden werden. Gewiss ein probates Mittel, den Leser voll und ganz an den Roman zu fesseln, im gegebenen Kontext wirkt die Lösung jedoch zu simplifizierend.

Der Sprecher Uve Teschner fühlt sich hörbar wohl im Thriller-Genre. Mit seiner schneidenden Stimme vermag er jeder Situation das richtige Ausmaß an Brisanz zu verleihen. Dabei entwickelt er eine Suggestivkraft, die den Hörer regelrecht bedrängt, in die Enge treibt. Verzweifelt möchte man den Protagonisten in ihrer Ausweglosigkeit zu Hilfe eilen, etwa, wenn John Gradys Wille von unendlich stoischen Künstlichen Intelligenzen gebrochen wird. Teschner gelingt es dabei meisterhaft, die maschinelle Kälte dem Hörer tief unter die Haut kriechen zu lassen, besticht aber auch durch die Vielzahl an Akzenten - von indisch bis russisch -, mit der er jede Figur zum Leben erweckt. Zwar wird die scharfkantige Tonlage des Sprechers dem jungen, feinfühligen John Grady nicht gänzlich gerecht, vermag jedoch im späteren Verlauf umso mehr die Verbitterung auszudrücken, von der Gradys sonniges Gemüt nach Jahren der Gefangenschaft nachhaltig verdunkelt ist.



Ein hochspannender Wissenschaftsthriller, basierend auf der Frage, ob die Menschheit ihre technischen Möglichkeiten tatsächlich bereits voll ausreizt, vorgetragen von einem beängstigend guten Sprecher.

© Rezension: 2015, Wolfgang Brandner



Control - Daniel Suarez - Argon Verlag

Gesprochen von: Uve Teschner
Veröffentlicht: 24.10.2014
ungekürzt Hörbuch / Spieldauer: 13 Std. 50 Min. 

>> Diese ungekürzte Hörbuch-Fassung wird exklusiv von Audible präsentiert und ist ausschließlich im Download erhältlich. <<


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