Rezension || Lotusblut | Judith Winter

Mittwoch, 11. März 2015 1 Kommentar

Entführt, gerettet, verschwunden.

Der zweite Fall für für Emilia Capelli und Mai Zhou


Emilia Capelli und Mai Zhou werden an den Tatort eines mysteriösen Doppelmordes gerufen: Im elften Stock eines Frankfurter Luxushotels liegen die Leichen des Unternehmers Peter Klatt und seiner Frau Ramona. Beide wurden durch einen gezielten Schuss in die Stirn getötet. Das etwa zehnjährige asiatische Mädchen, das sie bei sich hatten, ist seit der Bluttat spurlos verschwunden. Noch im Hotel läuft das völlig verstörte Kind Emilia in die Hände. Zurück im Präsidium scheint durch eine Zeugenbefragung endlich Licht ins Dunkel zu kommen. Doch ein unaufmerksamer Moment, und die kleine Kaylin verschwindet erneut ... 
(© Tevt + Cover: dtv Verlag
Eine der großen Fragen nach dem Debütroman "Siebenschön" ist wohl jene nach der Beziehung der beiden Hauptfiguren Emilia Capelli und Mai Zhou, die am Ende bestenfalls als respektvolle Haßliebe bezeichnet werden konnte.
Zum einen: Die beiden siezen einander immer noch.
Zum anderen: Die beiden agieren als ein eingespieltes Team, indem sie die Handlungen der Partnerin antiziperen und beherrschen die wortlose Kommunikation mit Blicken.
Hochprofessionell ergänzen sie einander beruflich, ohne jedoch privat Verschwisterungsrituale zu betreiben. Die Autorin erkennt präzise, daß die beiden nicht durch eine Frauenfreundschaft verbunden sind, sondern durch Respekt. So wird beispielsweise Zhou auf ihre Partnerin angesprochen:
"Ist das die, die du nicht leiden kannst?"
"Es ist die, deren Arbeit ich sehr schätze."

Um den bei ihrer Einführung zunächst bewußt stereotyp gezeichneten Figuren mehr Kontur zu verleihen, ist eine Weiterentwicklung unumgänglich. Diese manifestiert sich in vielsagenden Blicken, mit denen Em und Zhou an Tatorten, im Kommissariat, auf der Straße miteinander kommunizieren und deren Bedeutung in kurzen Dialogen kursiv gesetzt sind. Als die beiden von Ihrem Vorgesetzten scharf gerügt werden, liest sich das etwa folgendermaßen:

Zhou sah erst ihn an. Dann Em. Ist das sein Ernst?
Tun Sie's lieber, gab Em stumm zurück.

Indem die Autorin somit nicht sich selbst auf die Schulter klopfend explizit auf auf die Verbesserung dieser gegenseitigen Kenntnis hinweist, sondern den Leser einfach beobachten läßt, beweist sie jenes Fingerspitzengefühl, mit denen sich Autoren für das Literaturfeuilleton qualifizieren.

Nicht nur im reibungsloseren Zusammenspiel der beiden Ermittlerinnen, auch in ihren individuellen Persönlichkeiten werden weiter ergründet. Wenn Emilia Capelli nach der actionreichen Verfolgung eines Verdächtigen weder ihre Wunden verarzten, noch sich langfristig von einem Psychologen betreuen lassen will, so deutet dies zunächst auf einen weiblichen Bruce Willis hin. Tatsächlich resultiert diese antrainierte Härte jedoch aus einem traumatisierenden Kindheitserlebnis, das im Prolog geschildert wird. Während ihre damalige Freundin Mellie, ebenfalls beteiligt, daran jedoch zerbricht, wie aus Rückblicken zu erfahren ist, errichtet Emilia einen emotionalen Schutzwall, der sie zunehmend einengt und aus beiden Richtungen immer schwerer zu durchdringen ist.

Auch Mai Zhou hüllt sich gerne in eine Aura der Unnahbarkeit und exotischer Eleganz. Anders als bei Emilia ist diese jedoch nicht das Resultat eines unbewußten Prozesses, sondern bewußter Ausdruck ihrer eigenen Suche nach Identität. Als Tochter eines chinesischen Geschäftsmannes und einer deutschen Diplomatentocher hätte sie die Möglichkeit, von ihrer Eigenschaft als Kind zweier Welten zu profitieren. Stattdessen betreibt sie "emotionale Totalverweigerung", wie es in "Siebenschön" heißt und stellt fest, daß sie damit exakt den Erwartungen ihrer Umwelt entspricht. Sich weder der einen noch der anderen Welt gänzlich zugehörig fühlend, will sie um jeden Preis dem asiatischen Klischeebild sphinxischer Stoik entsprechen. In einem Moment der Reflexion klingt dieses Dilemma folgendermaßen:
"Was meine Wurzeln betrifft, bin ich ein einsamer Wolf. Jemand, der sich irgendwo im Nirwana bewegt auf dem schmalen Grat zwischen Identität und Erbe."
Diese Zerrissenheit manifestiert sich nicht zuletzt im Idiolekt, der ganz persönlichen Sprache eines Menschen, der sowohl Persönlichkeit, als auch Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe vermittelt. Sowohl mit ihrem hessischen Dialekt als auch mit ihrem Chinesisch stößt Zhou bei den jeweiligen Muttersprachlern auf Befremdung. 
Ihr Resümee - "Ich schätze, Identität ist ein unlösbares Problem." - ist daher ein resignierender Ausdruck ihrer tiefen Sehnsucht nach Verwurzelung.

Die dritte Persönlichkeit, die das Geschehen prägt, ist das vorerst entführte, dann jedoch durch die deutsche Metropole flüchtende Mädchen Kaylin. Im Gegensatz zu Zhou nutzt sie ihre chinesischen Wurzeln und all die Weisheiten, die ihr von Mentoren vermittelt wurden, um sich für ihre Odyssee mental zu wappnen. Jene Kapitel, die aus ihrer Perspektive erzählt sind, heben sich von den übrigen durch die Erzählung im Präsens ab und werden dadurch intensiver, die Anonymität der fremden Umgebung noch bedrohlicher. Teilweise wie in Zeitlupe schildert die Autorin jede kleinste Sinneswahrnehmung der Elfjährigen, wodurch ihre Welt beinahe schmerzend scharf erscheint, sowie ihre focussierte Persönlichkeit unterstrichen wird.


Gekonnt betreibt Judith Winter das Spiel mit asiatischen Stereotypen und läßt den Leser noch nähere Bekanntschaft mit ihren Kommissarinnen Emilia Capelli und Mai Zhou schließen. Dazu werden die beiden in einem vertrackten vielschichtigen Fall von einflußreichen Geschäftsleuten unter Druck gesetzt, der sich zu einer hochspannenden Stimmung zwischen Zen und Zwielicht verdichtet.

© Rezension: 2015, Wolfgang Brandner



Lotusblut - Judith Winter - dtv Verlag

Erscheinungsdatum: Februar 2015
Originalausgabe / 448 Seiten / ISBN 978-3-423-21569-5
Kaufen: Print / eBook


Rezension zum 1. Band: Siebenschön
Rezensions-Special im aktuellen BM Buch-Magazin 3/2015
DOWNLOAD der Ausgabe

http://buch-magazin.com/



1 Kommentar:

  1. Mir hat das Lesen wirklich Freude gemacht! Und ich bin schon sehr gespannt auf Lotusblut, es ist nämlich klar, dass auch der Titel bei mir einziehen wird!

    Liebe Grüße
    Bine

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