Rezension || Was fehlt, wenn ich verschwunden bin | Lilly Lindner

Donnerstag, 5. März 2015 2 Kommentare

April ist fort. Seit Wochen kämpft sie in einer Klinik gegen ihre Magersucht an. Und seit Wochen antwortet sie nicht auf die Briefe, die ihre Schwester Phoebe ihr schreibt. Wann wird April endlich wieder nach Hause kommen? Warum antwortet sie ihr nicht? Phoebe hat tausend Fragen. Doch ihre Eltern schweigen hilflos und geben Phoebe keine Möglichkeit, zu begreifen, was ihrer Schwester fehlt. Aber sie versteht, wie unendlich traurig April ist. Und so schreibt sie ihr Briefe. Wort für Wort in die Stille hinein, die April hinterlassen hat. (© Text und Bild: Fischer Verlage)


Ein Briefaustausch zwischen Schwestern. Der erste Satz: 
"Liebe April, du bist jetzt schon fast eine Woche weg, und ohne dich ist es schrecklich langweilig hier." 

Aus einer Woche werden mehrere Wochen, dann Monate, eine hinterlassene Jahreszeit und immer wieder schreibt Phoebe von Zuhause Briefe an ihre Schwester April, da sie Besuchsverbot in der Klinik hat. Die Zeit geht voran und April antwortet nicht. Erst später. Aus Phoebes Briefen ist der ganze Schmerz des Verlustes zu spüren, selbst die Verzweiflung der Eltern. Alles in wundervolle Worte gefasst. Perfekte Zeilen und gleichzeitig so melancholisch, schonungslos. Eine psychische Störung in ihrer ganzen Bitterkeit beschrieben. Als April auch Briefe schreibt, bewegt es so sehr, dass ich anhalten muss. Jede aufgeschriebenen Wahrheit hat meist als Nachklang Gedanken. Es ist gut, dass die Autorin Lilly Lindner über das Thema Magersucht und die Psyche so offen schreibt. Oft ist diese Thematik ein Tabuthema. Es ist unbequem und oft wird vorschnell verurteilt. Sätze wie, die wollen ja nur abnehmen, sie sollen essen und dann ist gut kommen häufig aus zu wenig Wissen hervor. Dieses Unverständnis hat auch Aprils Mutter. 

" …deine kleine Schwester sitzt stundenlang in ihrem Zimmer und schreibt Briefe! Die ganze Welt dreht sich nur noch um dich, April! Reicht dir das immer noch nicht aus? Es gibt wohl keinen besseren Grund, um wieder gesund zu werden als das Leben!" ~ Zitat S.324

Dies ist ein weiterer Moment, in dem ich das Buch kurz aus der Hand lege. Vielleicht gibt es wirklich immer noch zu wenig Verständnis für seelische Probleme, die sich dann auch körperlich zeigen. In dem Buch wird das gesamte Bild einer schweren seelischen Erkrankung gezeigt. Auch das Thema Selbstverletzung wird angesprochen. Gefühle sind schwer zu verstehen, und wenn sie echten Schmerz mit sich tragen, sind sie sicher für viele Menschen noch unverständlicher. Wenn die Seele so sehr schreit, dass der Boden verschwindet und Unsichtbarkeit, wie eine Lösung erscheint oder ein großen Hilfeschrei zu zeigen, braucht es Verständnis und keine Vorwürfe aus der Familie oder dem Freundeskreis. Auch dies wird an vielen Stellen in " Was fehlt, wenn ich verschwunden bin" deutlich. 

Unzählige so gefühlvolle Briefe lese ich von den beiden Geschwistern. Fühle mit beiden mit und verstehe. Es scheint als würden die Jahreszeiten auch an mir durch die Briefe vorbeiziehen, weil ich so sehr in dem Buch vertieft bin. 
Am Ende des Buches bleibe ich bewegt und sprachlos zurück. In dem Buch sind die Zeilen, die manche Menschen nicht zu sagen wagen oder sich nicht trauen auszusprechen, aus Angst noch mehr Angriffsfläche zu geben. Auch, wenn eine gewisse Traurigkeit über alles bleibt, ist es gut, dass nichts weggelassen wurde, sondern alles schonungslos benannt wurde.


An dieser Stelle ein großer Dank an Lilly Lindner, die schon so jung poetische Worte findet, die das beschreiben, wo andere wegsehen. Das Buch wird nicht nur betroffenen Menschen helfen, sich verstanden zu fühlen, sondern auch deutlich mehr Verständnis für die Erkrankung Magersucht, Selbstzerstörung, Selbstverletzung und Depressionen bringen. Ich weiß selbst, wie es ist, wenn die Seele einmal wirklich schreit. Jahre später lese ich dieses Buch nun und bin dankbar. Solche Büchern verändern die Welt des Verständnisses und dieses Buch hat eine Auszeichnung verdient. 

© Rezension, 2015 Sanni
Bücherlabyrintherin



Was fehlt, wenn ich verschwunden bin - Lilly Lindner - Fischer Verlage

Erscheinung: 19. Februar 2015
Taschenbuch, 400 Seiten, ISBN: 978-3-7335-0093-1
Kaufen: Print / eBook

Kommentare:

  1. Gabriele Seelbach6. März 2015 um 14:13

    Das Buch hat mich sehr tief bewegt. Selber Mutter von zwei inzwischenen erwachsenen Söhnen und so manchen Schieflagen konnte und kann ich diese Eltern nicht verstehen. Man fühlt sich oft machtlos, hilflos und braucht selber Hilfe um zu verstehen doch die liebe Eltern gibt es!!!!!
    Ein Buch , dass das Verständnis für eine tiefe seelische Störung fördert und die Einsamkeit deutlich macht, das mich zu tränen gerührt hat .

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  2. Hey,
    in einer Büchergruppe wurde mir das Buch empfohlen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, in die Geschichte hinein zu lesen, daher kam mir deine Rezension gerade recht.
    Sie hat mir wirklich gut gefallen und mich neugierig auf den Briefwechsel gemacht. Zudem musste ich auch etwas schmunzeln, da ich so eine ähnliche Idee für eine Geschichte auch schon mal hatte.
    viele Grüße
    Emma

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