Rezension || Flügel aus Papier | Marcin Szczygielski

Montag, 20. April 2015 0 Kommentare

Ein spannend geschriebener Roman über den Holocaust, aber vor allem darüber, was im Leben wichtig ist: Liebe, Brüderlichkeit, Ehrlichkeit und Hoffnung

Warschau um 1942: Rafal flieht vor der grausamen Wirklichkeit des Ghettos in die Bibliothek, in die Welt der Bücher. In H. G. Wells' ›Zeitmaschine‹ entdeckt er Parallelen zwischen der Realität und der im Roman beschriebenen Welt. Schließlich gelingt es seinem Großvater, Rafal aus dem Ghetto zu schmuggeln. Er versteckt sich im Warschauer Zoo. Aber die Nazis sind ihm auf der Spur …(© Text und Bild: Fischer Verlag)
Ausgezeichnet mit dem Astrid-Lindgren-Manuskriptpreis
Ausgewählt von der polnischen IBBY-Sektion als Buch des Jahres




Rafal ist 9 Jahre als er beginnt zu erzählen, wie das eigentlich damals war. Es beginnt eine Geschichte, in der der Wunsch nach einem normalen Leben deutlich in und zwischen den Zeilen steht. Einfach in eine Schule gehen, etwas lernen. Er lernt von seinem Großvater, denn im Ghetto lebend gibt es keine Rechte auf Bildung, Freiheit oder das normale Kindsein. Was manchmal bleibt, sind Bücher. Die Rettung für Rafal und was würde geschehen, wenn es eine Zeitmaschine gäbe?

Mich beeindruckt schon am Anfang Raffals Denkweise. Ich muss schmunzeln, denn wie gern wäre er Erfinder und würde gern essbares Gras, ein Medikament gegen das Alter erfinden oder Klappflügel, die in eine Tasche passen und wenn man nicht mehr laufen möchte, benutzt werden könnten. Ein schöner Gedanke. Es sind die Gedanken eines Kindes. Nahezu leichte Gedanken und doch herrscht Krieg, und die Verfolgung der Juden ist überall zu spüren.

Sein Großvater lässt die Grausamkeit und Wirklichkeit des zweiten Weltkrieges für Rafal etwas verschwimmen und hilft ihm schließlich aus dem Ghetto zu entfliehen. Der Großvater selbst bleibt allerdings zurück. Frei ist Rafal dennoch nicht. Es beginnt ein verstecktes Leben im Warschauer Zoo und damit das beengende Gefühl, kein Dach über dem Kopf zu haben, in einem Keller auf nassem Boden zu erwachen, weil der Regen zu stark war, sowie die vielen Gedanken, die den Jungen begleiten. Doch selbst auf nicht festem Boden findet er Halt. Freunde, die ihm helfen. Überall spüre ich die Not und gleichzeitig den Lebenswillen, Kraft und Stärke. Einfach so viel Gefühl und Tiefe. Selten bin ich sprachlos, aber hier bin ich es. Das Buch ist so gut, dass ich beim Schreiben der Rezension immer noch bewegt bin. Manchmal dachte ich, Rafal ist gar nicht weit entfernt und erzählt seine Geschichte des Holocaust.

Selten berührte mich ein Buch so sehr. Ich habe es zweimal gelesen und jedes Mal war es ein Neueintauchen in eine Zeit, die so ganz anders, schmerzlich und doch mit nie aufgegebenen Lichtblicken war.


Wenn ich ein Jugendbuch zu dem Thema Holocaust empfehlen soll, dann wird es immer dieses sein. Aber ich kann es auch erwachsenen Lesern sehr empfehlen. Marcin Szczygielski ist es gelungen, in diesem Buch alles zu sagen, nichts zu vergessen, den Holocaust in seiner maßlosen Sinnlosigkeit nahezubringen und zu erinnern. Es ist außergewöhnlich, und genau so sollte ein Buch gegen das Vergessen sein.

© Rezesion, 2015 Sanni


Flügel aus Papier - Marcin Szczygielski - FISCHER Sauerländer

Roman, ab ca. 10 Jahren
288 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-7373-5212-3

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