Rezension || Wenn du jetzt bei mir wärst. Eine Annäherung an Anne Frank | Waltraut Lewin

Donnerstag, 23. April 2015 1 Kommentar

Längst ist das lebenslustige jüdische Mädchen, das sich zwei Jahre lang in der Prinsengracht zu Amsterdam vor den Nazis verstecken konnte und dort Tagebuch führte, zu einer Ikone erstarrt und geistert als Lernstoff durch die Klassenzimmer Deutschlands. Waldtraut Lewin wagt es, das Denkmal von seinem Sockel und Anne in unsere Welt zu holen, um sie besser kennenzulernen. Bei ihrer fiktiven Begegnung lässt sie Anne staunen über das, was sich in den siebzig Jahren seit ihrem Tod verändert hat. Und erzählt ihr vom Staat Israel oder vom neuen Deutschland, in dem Juden leben dürfen und Menschen gegen Rechtsradikalismus auf die Straße gehen. Zusammen wagen sie den Blick von heute auf das Gestern und das Morgen. (© Text und Bild: cbj Verlag)


Der Titel des Buches und der Klappentext versprechen interessant,zu werden. Eine geschichtliche Reise mit Anne Frank. Ja, wie hätte sie die heutige Zeit wohl erlebt? Wäre sie erschrocken gewesen oder  dankbar und gleichzeitig in manchen Hass, der weiter existiert in Erinnerungen verfallen? Diese Fragen stellte ich mir auch vor Jahren, als ich "Die Tagebücher der Anne Frank" las.

Waltraut Lewin ist für mich eine bekannte Autorin, die ich schätze. In ihrem neuen Buch wagt sie ein großes Gedankenexperiment mit Anne Frank. Die Protagonistin neben Anne Frank ist eine jüdische Ich-Erzählerin, die sich in dem Experiment dann Corelli nennt. Sie geht in das Haus von Anne Frank und trifft sie dort. Anne Frank erwacht zum Leben mit ihren bordeauxfarbenden Schuhen an den Füßen. Anne Frank erzählt dann von den Geschehnissen, als sie entdeckt wurde. Etwas später gehen beide hinaus in die Welt und entdecken diese.

Sicher bis dahin schon sehr spannend, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass mir dies zu viel ist, aber ich kann es noch nicht richtig äußern. Vielleicht ist es das Herausreißen einer geschichtlichen Ikone, die nach ihrem Tod durch ihre Tagebücher so viel gegen das Vergessen getan hat?
Ich lese weiter und Anne Frank sieht die moderne Welt. Gegenwärtige Themen wie der Kampf gegen den Rechtsextremismus begegnen ihr. Juden dürfen frei leben und doch gibt es viele Konflikte in der Welt.

Beschrieben wird auch der andauernde Konflikt zwischen Israel und Palästina. Aber hier fehlt mir einiges an faktischem Wissen. Ein Konflikt, der sehr weit in die Geschichte reicht und an dem beide Seiten verlieren, wie finde ich. Gerade dieses Thema ist aktuell stets präsent und sollte, da es ein Jugendbuch ist auch gerade für diese zugänglich und verständnisvoller gemacht werden.
Anne Frank reißt mit Corelli und Freunden in diese Konfliktländer. Gerade hier wird deutlich, wie ausführlich die Protagonistin beschrieben wird.

In einer detaillierten Beschreibung ist zu lesen, wie sie überall mit hingeht, lebt, denkt, fühlt, Gestiken vollführt und an der Stelle weiß ich endlich, was es ist, dass mir zu viel ist und mir ein komisches Gefühl macht. Es ist nicht nur ein Gedankenexperiment, sondern Anne Frank wird herausgerissen, bekommt Stimme, Ton, Charakter, aber niemand kann wissen, wie sie wirklich war und in solchen Momenten gefühlt hätte.
Anne Franks Zeilen las ich oft, schrieb etwas darüber, erinnerte daran und gerade deswegen finde ich, dass es genügt hätte, gedankenvoll durch eine Stadt zu gehen oder vielleicht auch sogar weiterzureisen und an Anne Frank zu gedenken und wie hätte sie vielleicht in der Gegenwart über verschiedene Themen gedacht. Das wäre realistisch und nicht eine, wie ich finde Anmaßung, wie jemand sein könnte. Anne Frank wollte etwas hinterlassen, aber sie kann zu diesem Buch nichts sagen. Vielleicht war sie ganz anders, stärker.
Das Buch ist aber sehr gut geschrieben und bringt viele Themen auf, die aktuell sind. Somit ist es auch sehr interessant.

Anne Frank wollte fortleben, auch nach ihrem Tod und das tut sie. Sie tut es auch nach 70 Jahren ihres Todes. Weltweit gedenken unzählige Menschen an sie, ihre Zeilen wurden in so vielen Sprachen übersetzt, im Schulunterricht ist sie ein fester Bestandteil und es gibt viele Bücher und hoffentlich noch weitere, die an ihre und andere, die an diesen grausamen Teil der Geschichte erinnern, aber vielleicht und dies ist nur meine Meinung, geht es einen Schritt zu weit nur durch Literatur über sie, sie in einem Buch zu komplett zu formen.


Ein gut geschriebenes Buch, dessen Ansatz sicher gut ist, aber dann über das eigentliche und geschichtliche Wissen aus Tagebüchern, Notizen, Artikel, weiteren Büchern hinausschießt. Für einige aber sicher ein Buch, dass Anne Frank im Verständnis näher bringt.

© Rezension:2015, Sanni


Ab 12 Jahren
Erscheinung: Februar 2015
Gebunden: 224 Seiten,  ISBN: 978-3-570-17108-0

1 Kommentar:

  1. Hallo zusammen,

    ich weiß nicht, wo auf Eurem Blog es am besten passt, aber ich ich möchte mir nicht nehmen lassen, Euch einen schönen Welttag des Buches zu wünschen, auch wenn er fast schon wieder vorbei ist. Da ich nun auch nach langem Suchen die Kommentarfunktion gefunden habe (musste erst mal Scripte freischalten), kann ich ja demnächst öfter mal kommentieren. An der Leserunde kann ich allerdings aus Zeitgründen nicht teilnehmen, auch wenn das sehr verlockend klingt.

    Ganz liebe (überfällige) Grüße
    Mona, die Tintenelfe

    AntwortenLöschen

Wir freuen uns, wenn ihr unsere Beiträge kommentiert, denn dadurch wird dieser Blog lebendig! Bitte habt Verständnis, dass Beiträge vorab geprüft werden, um Spam zu verhindern. Daher kann es einen Moment dauern, bis Kommentare sichtbar werden. Lieben Dank.