Revival | Stephen King

Sonntag, 31. Mai 2015 0 Kommentare

Glaube. Unheil. Abkehr. Sucht. Wissbegier. Besessenheit. Tod. Jenseits.

[Klappentext] Der kleine Jamie spielt vor dem Haus mit seinen Plastiksoldaten, da schiebt sich ein dunkler Schatten über ihn, ein Schatten, den er sein Leben lang nicht loswerden wird. Er blickt auf und sieht Charles Jacobs über sich, den jungen Methodistenprediger, der in der neuenglischen Gemeinde gerade sein Amt antritt. Im Nu gewinnt der charismatische Jacobs die Herzen der gottesfürchtigen Einwohner. Den Kindern haben es vor allem die elektrischen Spielereien angetan, mit denen er Bibelgeschichten veranschaulicht. Das alles endet, als ihn ein entsetzlicher Unfall vom Glauben abfallen lässt und er eine letzte Predigt hält, die in einer rasenden Gottverfluchung gipfelt. Von der Gemeinde verstoßen, tingelt er fortan über die Jahrmärkte, wo er elektrische Experimente vorführt, die zunehmend spektakulärer werden. Und immer schrecklichere Folgen nach sich ziehen. Über die Jahre trifft Jamie, inzwischen drogenabhängiger Musiker, wiederholt auf Jacobs, der ihn jedes Mal tiefer in seine dämonische Welt zieht. Als Jamie sich dessen klar wird, gibt es kein Zurück mehr. Das finale Experiment steht bevor. [Text & Coverbild: © Heyne Verlag]


[az] Stephen King bereichert mein "Leseleben" schon seit vielen Jahren immer wieder, dennoch habe ich in letzter Zeit recht selten zu einem seiner Werke gegriffen. Vielleicht braucht man ab und an ein wenig Abstand. Jetzt aber habe ich zu seinem neuesten in Deutschland erschienen Werk "Revival" gegriffen und siehe da - das altbekannte Stephen-King-Fieber hat mich wieder gepackt!

"Es ist nicht tot, was ewig liegt,
Bis dass die Zeit den Tod besiegt. (H.P. Lovecraft)

In Revival erzählt King auf 512 Seiten quasi die Lebensgeschichte der zwei Protagonisten Jamie und Reverend Charles Jacobs. Erzählt wird uns diese Geschichte von Jamie selbst, der mit mittlerweile 57 Jahren die unglaubliches Geschehnisse seines Lebens Revue passieren lässt und sie aufschreibt.
Oktober 1962. Mit sechs Jahren lernt Jamie den neuen Reverend Charles kennen, der nun die Gemeinde des kleinen verschlafenen Ortes betreut, in dem Jamie aufwächst. Er mag den Reverend sofort und vertraut ihm, nichtsahnend, dass dieses Aufeinandertreffen ein quasi lebenslanges Schicksal (oder Zufall?) nach sich trägt. Denn Charles Jacobs wird sozusagen Jamies "Fünfter im Spiel", sein Joker, der immer wieder unerwartet auftaucht und sein Leben kreuzt.

Charles Zeit als Pfarrer währt allerdings nur kurz, denn ein tragischer Unfall lässt ihn den Glauben verlieren und er kehrt dem Dorf und somit auch Jamie nach einer furchtbaren Predigt den Rücken. Diese letzte Predigt blieb jedoch nicht wirkungslos und beeinflusste Jamies Erwachsenwerden sehr.
Jamie erzählt und von seiner Kindheit, wie er die Liebe zum Gitarrensound entdeckte und später die Liebe zu einem tollen Mädchen. Die Musik ist ein großes Thema und Jamie startet eine Karriere als Gitarrist. Leider auch als Drogenjunkie, mit dem es stetig bergab geht.
Und hier kommt wieder das Schicksal bzw. Jamies Fünfter ins Spiel. Denn ausgerechnet Charles Jacobs rettet ihm das Leben. Und Jamie stellt fest, dass der ehemalige Reverend seiner Leidenschaft zur Elektrizität aus Blitzen mehr denn je verfallen ist...

Der Horror kommt in diesem Werk auf ganz leisen Füßen und sehr subtil daher um dann zum Ende hin so richtig fies aus dem Hinterhalt zuzuschlagen.
Immer wieder kann man erahnen, wo in etwa das Ganze hinführen wird, wenn man Charles Jacobs in seinem Tun verfolgt. Es ist das Werk eines Besessenen, denn er erfolgt ein geradezu haarsträubendes Ziel. Aber er erzählt selbst Jamie über all die Jahre nicht von diesem Ziel und ich als Leser will das natürlich wissen und lese gespannt Seite für Seite und mich fröstelt, ja bin geradezu elektrisch geladen.
Stephen King schafft es hervorragend, diese Besessenheit, diesen Fanatismus zu verdeutlichen. Es folgt ein fulminantes Finale in gewohnter King-Manier.

Irgendwas. Ist. Passiert.
Irgendwas ist passiert. O Mutter. Irgendwas ist passiert. Irgendwas. Irgendwas. (S. 220)

Orte, Handlungen und vor allem seine Protagonisten zeichnet Stephen King auf gewohnte Weise sehr ausführlich und facettenreich. Er tut dies auf eine ganz besondere Art, die einfach nie langweilig wirkt. Ganz im Gegenteil, man möchte immer mehr erfahren, der Autor lässt seine Protagonisten aus dem Buch heraus auferstehen, haucht Ihnen regelrecht Leben ein. Nach einer Weile hat man das Gefühl, Jamie und Charles in und auswendig zu kennen, sie gar persönlich getroffen zu haben.
Aber auch Nebencharaktere bleiben nie oberflächlich und bekommen genug Aufmerksamkeit.

Sehr gelungen finde ich wieder die kleinen Hinweise zu vorherigen Werken des Autors. So erzählt zum Beispiel Charles Jacobs von seiner Zeit, in der er als Schausteller in Joyland gearbeitet hat. Das Buch "Joyland" erschien im Juni 2013.

Wer einen typischen King-Horror-Schocker von der ersten bis zur letzten Seite sucht, für den ist "Revival" möglicherweise das falsche Buch. Revival kommt sehr ruhig daher, der Horror baut sich langsam und sehr subtil auf und schlägt erst zum Ende richtig zu.
Dieses Werk spiegelt einmal mehr die unglaublich facettenreichen Schreibstile von Stephen King wider. Er kann beim Leser auch mit ganz leisen Tönen für pures Gänsehautgefühl sorgen. Ich habe diesen enormen subtilen Spannungsaufbau sehr genossen und konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Für mich einfach wieder ein purer Lesegenuss.


© Rezension: 2015, Alexandra Zylenas



Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
2015 / Gebunden 512 Seiten / ISBN: 978-3-453-26963-7
Kaufen: Print / eBook / Hörbuch

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