Das Trauma | Camilla Grebe, Åsa Träff

Dienstag, 23. Juni 2015 0 Kommentare

Von unten sieht alles ganz anders aus.

[Klappentext] An einem verregnetem Nachmittag in einem Vorort von Stockholm: Unter dem Küchentisch versteckt, muss die fünfjährige Tilde mit ansehen, wie ihre Mutter bestialisch zu Tode getreten wird. Sie ist die einzige Zeugin dieses schrecklichen Verbrechens, kann sich nur vage an das Aussehen des Täters erinnern. Zur gleichen Zeit trifft die Psychotherapeutin Siri Bergman fünf neue Patientinnen, die sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammengefunden haben. Alle waren sie männlicher Gewalt ausgesetzt, alle haben sie schreckliche Geschichten zu erzählen über verratene Liebe, Schläge, Erniedrigungen. Doch schon bald schlägt die Suche nach Versöhnung um – in die Jagd nach einem besessenen Mörder, der seine erste Tat an einem verregneten Nachmittag in einem Vorort von Stockholm beging …[© Text und Cover: btb Verlag]
[wb] "Von unten sieht alles ganz anders aus." Wie bereits in "Die Therapeutin" gibt ein starker Einstiegssatz die Richtung des Romans vor. Aus der Froschperspektive eines unter dem Tisch kauernden Kindes wird der brutale Mord an dessen Mutter geschildert. Zurück bleibt eine fünfjährige Zeugin mit schwer gezeichneter Seele. Eine aufwühlende Ausgangssituation ist es, mit der die schwedischen Autorinnen Camilla Grebe und Asa Träff ihre Leser konfrontieren. Nachdem in ihrem Debutroman die Psychotherapeutin Siri Bergmann als sympathische Protagonistin, gewieft in ihrem Beruf, eingeführt wurde, erwartet man eigentlich, daß sie sich des traumatisierten Mädchens annimmt, um ihm Trost zu spenden, Geborgenheit zu bieten und nicht zuletzt, um mit seiner Hilfe den Mörder zu finden. Stattdessen kühlt die Erzählsprache nach dem sengenden Prolog ab, wird ruhiger, alltäglicher. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Aina überimmt Siri unter der Leitung des befreundeten Professors Vijay die Leitung einer Selbsthilfegruppe von fünf Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Das Schicksal der jungen Zeugin bleibt bis auf weiteres unbekannt, die Prioritäten scheinen anderswo zu liegen.

In der Tat stellt der Themenkomplex um häusliche Gewalt, insbesondere gegen Frauen gerichtet, einen Schwerpunkt des Romans dar. Die Mitglieder der Therapiegruppe scheint einen repräsentativen Querschnitt weiblicher Persönlichkeiten darzustellen: Von der gefühlsbetonten Jugendbetreuerin über die fürsorgliche Mutter bis hin zum karriereorientierten Energiebündel reicht das Spektrum. Ihnen gemeinsam ist, daß sie zu Opfern wurden, unterschiedlich ist ihr Umgant mit der Situation . Die eine zieht sich in ein emotionales Schneckenhaus zurück, die andere kasteit sich im Sport, um sich gegebenenfalls verteidigen zu können. Anhand ihrer Geschichten werden die Ursachen für sich entladende Aggressionen im familiären Umfeld ergründet, werden Strategien der Rechtfertigung der Opfer vor sich selbst und zur Verschleierung nach außen analysiert, wird der Umgang von stillschweigendem Dulden und verzweifeltem Hoffen gezeigt. Wie aber sollen Betroffene tatsächlich reagieren? "Müssen wir Männer aus uns machen, um ihrer Gewalt zu entgehen?" fragt ein Mitglied der Gruppe provokant. Vor Patentrezepten scheuen auch die Autorinnen, zu komplex ist die Thematik. Sie beschränken sich auf das Erzählen, das Zeigen, die Beispiele.

Die Fortsetzung eines erfolgreichen Romans, die womöglich den zweiten Teil einer Serie darstellt, muß sich in erster Linie an ihrem Vorgänger messen und im weiteren einige Fragen beantworten. Wie werden die bekannten Charaktere weiterentwickelt? Wie handeln sie in der Umgebung einer neuen Geschichte? Wie interagieren sie mit neu eingeführten Figuren? Und bleibt der Autor mit der neuen Handlung vorsichtig nahe an jener des ersten Teils oder wagt er sich, seine Leser zu überraschen?
Camilla Grebe und Asa Träff scheinen ihre Protagonistin Siri Bergmann ins Herz geschlossen zu haben. Der Roman ist so sehr auf sie zugeschnitten, daß lange unklar ist, ob sich das titelgebende Trauma auf die fünfjährige Mordzeugin oder Siri selbst bezieht, die mit der Verarbeitung der Ereignisse aus "Die Therapeutin" beschäftigt ist. Neben der Gewalt gegen Frauen in ihren vielen Facetten bildet die Betrachtung Siris einen zweiten roten Faden des Romans. Immer noch hadert sie nach dem Unfalltod ihres Mannes Stefan mit ihrer neuen Beziehung zum Polizisten Markus, dazu kommt eine Schwangerschaft, die alte Befürchtungen neu aufwirft und sie zwingt, ihr Leben neu zu entwerfen. In den Unterhaltungen mit ihren Kollegen Aina und Vijay vermeint man das alte Persönlichkeitsmodell zu finden, in dem sich das Ich im Spannungsfeld zwischen Emotion und Ratio entwirft, in den Therapiesitzungen mit einem zerstrittenen Paar wird Siris eigene Beziehung projiziert. Trotz dieser Fokussierung auf die Figur verbleibt das Bild jedoch statisch. Siri wird zwar noch detaillierter gezeichnet, eine tatsächliche Entwicklung bleibt jedoch aus.

Zudem fehlt eine Bindung der Figur zum eigentlichen Gegenstand des Romans, dem traumatisierten Mädchen und dem Mord an dessen Mutter. Befremdlich wirkt, daß Siri den Fall nur aus der Distanz verfolgt, nicht unmittelbar in dessen Aufklärung involviert ist. Von Zeit zu Zeit, wenn zwischen den Sitzungen der Therapiegruppe und Episoden aus ihrem Privatleben eine Lücke gefüllt werden muß, stellt sie dazu Überlegungen an, womit diese weitere Ausprägung von Gewalt seltsam unverbindlich wird. Für Siri besteht somit keine Verpflichung, kein Zeitdruck, was dem Roman wesentlich an Spannung kostet.

Neben Zeitsprüngen und Perspektivenwechseln sind in regelmäßigen Abständen immer wieder Protokolle von Sozialarbeitern und Jugendpsychologen eingeflochten, in denen die Kinder- und Adoleszenzjahre des bis zum Schluß unbekannten Täters skizziert werden. Im psychotherapeutischen Fachjargon stilsicher, holen die Autorinnen das Schicksal eines nach Anerkennung schreienden jungen Menschen aus der statistischen Anonymität. Durch diese Einschübe wird jedoch auf formeller Ebene eine Komplexität erzeugt, die sich inhaltlich nicht wiederfindet - ein seltsames Ungleichgewicht.

Unterdessen beweisen die Autorinnen mit bildhaften Metaphern abermals ihre sprachliche Reife: "Graues, graues Licht, das durch meine Fenstertüren sickert"  verbreitet trübe Stimmung auch im Lesezimmer. Als Siri und Kattis, ein Mitglied aus ihrer Therapiegruppe sich schließlich auf die Suche nach dem Täter begeben und Siri ihre Partnerschaft als "Einsame Seelen in der kompakten skandinavischen Winterdunkelheit" beschreibt, wird die Reise auch zu einer allegorischen Selbstfindung.

Dazu gesellt sich das kokette Spiel mit schwedischen Stereotypen: Ein verbitterter Polizist, der an Mankells Wallander erinnert verhört einen Verdächtigen, die landestypische Einrichtung stammt von Ikea, und während die einen dem winterlichen Novemberwetter mit Kautabak trotzen, genießen andere Zimtschnecken und Knäckebrot.

Vor lauter Freude über das Wiedersehen mit ihrer Figur Siri Bergmann vernachlässigen die Autorinnen ein zentrales Element des Romans: die Handlung. Somit stellt der Roman bemerkenswert vielschichtige Betrachtung von Liebe und Gewalt dar, leidet jedoch inhaltlich über weite Strecken an Orientierungslosigkeit.

© Rezension, 2015 Wolfgang Bandner



Rezension zum 1. Band der schwedischen Krimireihe: Die Therapeutin


Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 448 Seiten
ISBN: 978-3-442-74489-3


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