Die Therapeutin | Camilla Grebe & Asa Träff

Dienstag, 16. Juni 2015 2 Kommentare

Es hätte ein Idyll sein können... 

[Klappentext] Alles nur Einbildung oder echte Bedrohung? Siri Bergmann arbeitet als Psychotherapeutin in einer kleinen Gemeinschaftspraxis mitten in Stockholm. Sie ist den Umgang mit seelischen Abgründen und schmerzhaften Geheimnissen gewohnt. Es ist ihr täglich Brot. Doch im Moment hat sie vor allem mit sich selbst zu kämpfen. Seit ihr Mann bei einem Tauchgang vor einem Jahr tödlich verunglückt ist, lebt sie vollkommen abgeschieden in einem kleinen Haus am Meer. Trotz ihrer panischen Angst vor der Dunkelheit will sie sich beweisen, dass sie mit dem Alleinsein zurechtkommt. Dass sie sich beobachtet fühlt, bildet sie sich vielleicht nur ein. Dass ihre Katze nicht mehr auftaucht, hat wahrscheinlich nichts zu bedeuten. Aber als sie eines Morgens beim Schwimmen im Meer auf die Leiche einer Patientin stößt, nimmt der Alptraum Gestalt an: Hat Siri als Therapeutin versagt - oder will jemand ihr Leben zerstören? [© Text und Cover: btb Verlag]

[wb] "Es hätte ein Idyll sein können." Bereits der erste Satz des Romans empfängt den Leser mit der Wehmut des Konjunktivs, gibt ihn eine Vorahnung des Grauens mit auf den Weg. In einem statischen Bild zeichnen die Autorinnen mit extrem scharfen Blick für Details einen schwedischen Sommertag mit Wald, einem See, Kinderlachen und gegrilltem Fleisch. Bis die Leiche gefunden wird.
Ein pervertiertes Idyll.

Die beiden Autorinnen, eine Betriebswirtin und eine Psychologin verarbeiten in ihrem Erstlingswerk geschickt das Thema Stalking zu einer beinahe klassisch anmutenden Whodunnit-Geschichte, wo aus einer Gruppe Verdächtiger der Übeltäter gefunden werden muß. Assoziationen bieten sich dabei im Tempo der Erzählung etwa zu Charlotte Links "Der Beobachter", ganz besonders jedoch zu John Katzenbachs "Der Patient" an. Gerade in letzterem wird ein Psychiater von einem mysteriösen ehemaligen Patienten bedroht, die Parallele ist unübersehbar. Wo der Amerikaner jedoch gleich von Beginn an ein höheres Tempo vorgibt, verbreiten die beiden Schwestern schwedische Schwere, was in den ersten Kapiteln auch als Schwerfälligkeit ausgelegt werden kann.

"Die Therapeutin" ist kein Roman, der mit brutalen Morden oder schnellen Schnitten dehn Leser durch die Seiten hetzen will. Die Autorinnen agieren wesentlich subtiler. Aus dem Blickwinkel der titelgebenden Siri Bergmann wird in erster Person der Zeitraum von August bis Dezember geschildert, zuweilen unterbrochen von kurzen, typographisch abgehobenen Einschüben aus der Sicht ihres Verfolgers. Die Spannung entsteht einerseits inhaltlich aus der Ungewißheit, der Angst der Protagonistin und formal durch offene Kapitelenden. Dabei wird anders als erwartet, die Erzählung zwar wieder aus der Sicht Siris fortgesetzt, jedoch an der Kapitelgrenze das Thema oder der Zeitpunkt gewechselt. Das behutsam Ungesagte dringt langsam ins Bewußtsein des Lesers, läßt ihn eigene Schlüsse ziehen, die bestätigt werden wollen.

Resultierend aus dem Thema - eine Expertin für menschliches Verhalten, die sich mit ihren Ängsten konfrontiert sieht - wird das Werk zu einer Fundgrube an Symbolik. Zunächst manifestieren sich diese nur in den Krankheitsbild ihrer Patienten. In dem Ausmaß, in dem diese sukzessive die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen, verliert Siri eben diese Sicherheit, eine Verschiebung findet statt. Sie wohnt allein in einem verlassenen Haus - ein Sinnbild für die eigene Persönlichkeit. Indem sich ein unbekannter Verfolger Zutritt verschafft, dringt er nicht nur in ihre Intimsphäre ein, sondern verletzt zugleich fundamental die Grenzen dieser Persönlichkeit. Beim Tauchen - symbolisch für das Ergründen der Untiefen des eigenen Unbewußten - kam Siris Ehemann Stefan ums Leben. ließ sie schutzlos zurück. Vieldeutig kombiniert werden diese Bilder in einem kurzen Traum, in dem der Ertrunkene mit Seetang im Haar nach etwas, das er nicht benennen kann, im Haus sucht aber nicht fündig wird.

Außerdem weist der Roman hohe Authentizität in der Beschreibung der psychotherapeutischen Praxis auf, die gewiß der beruflichen Erfahrung einer der Autorinnen als Verhaltenstherapeutin mit Spezialisierung auf Angststörungen zu verdanken ist. So sind etwa Patientenakten geprägt von einer hohen dichte medizinischer Fachtermini und hoch pragmatischer sprachlicher Knappheit. In den Sitzungen in der Praxis offenbaren die Patienten genau jene Verhaltensmuster, die ihrer Erkrankung entsprechen. Sie tapsen unsicher auf dem Pfad der Selbsterkenntnis, wollen die Gesprächsführung an sich reißen, überanalysieren Rückmeldungen auf die Goldwaage und ziehen sich zurück, wenn Siri einen wunden Punkt anspricht.


"Die Therapeutin" ist ein leiser, intelligenter Whodunnit-Thriller, in dem psychologisches Verständnis anstelle von Lupe und Logik oder forensischen Hightech-Gadgets zum Einsatz kommt.

(c) Rezension 2015, Wolfgang Brandner



Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
Taschenbuch, 432 Seiten, ISBN: 978-3-442-74183-0
Buch kaufen: Print / eBook / Hörbuch

Kommentare:

  1. Oh has, Apfelblütenzauber steht auch noch ganz oben auf meiner Wunschliste und nach dem Lesetipp erst recht. 😃
    Bei Faye Archer sind viele nicht mit dem Ende klar gekommen. Ich selbst hätte es mir auch anders gewünscht. Nichtsdestotrotz hat mich das Buch insgesamt nachhaltig beeindruckt.
    Liebe Grüße Sandra

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