Altes Land | Dörte Hansen

Donnerstag, 11. Juni 2015 0 Kommentare

Zwei Frauen, ein altes Haus und eine Art von Familie.

[Klappentext] Das „Polackenkind" ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen – und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen. [Text & Bild: © Knaus Verlag]


"Die Inschrift am Giebel war verwittert, aber Vera wusste, was da stand: "Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nennt't ook noch sien."
Es war der erste plattdeutsche Satz, den sie gelernt hatte, als sie an der Hand ihrer Mutter auf diesen Altländer Hof gekommen war. Der zweite Satz kam von Ida Eckhoff persönlich und war eine gute Einstimmung gewesen auf die gemeinsamen Jahre, die noch kommen sollten. "Wovieel koomt denn noch von jau Polacken?" ~ Seite 7

[az] Altes Land ist das Debüt der aus Nordfriesland stammenden Autorin Dörte Hansen. Frei von jeglicher Romantik oder Klischees widmet sie sich dem Ernst des Lebens und dem Drama der einzelnen Personen. Ihre unglaublich starke Sprache, vollkommen schnörkellos, teilweise nüchtern und doch voller tiefgründiger Verzweigungen, lassen tief in die Seele der Protagonisten blicken.
In zwei unterschiedlichen Erzählsträngen widmet sie sich zum einen dem Leben von Vera im Alten Land, die auf dem alten Hof von Ida Eckhoff lebt, ihrer Insel, ihrer Zuflucht, ihrem Fluch, der ihr keine Ruhe gönnt...
Zum anderen beschäftigt sie sich mit der jungen Anna, deren Leben in Hamburg-Ottersen gerade vollkommen aus den Fugen gerät.
Mit friesisch-trockenem Humor und auch immer wieder scharfen Tönen erzählt Dörte Hansen von den zwei Einzelgängerinnen, deren Wege sich plötzlich dauerhaft kreuzen. Zwei Seelen, die zueinander finden und dabei zu sich selbst finden.
Probleme und Konflikte werden aufgedeckt und Vera als auch Anna müssen sich damit auseinandersetzen. Aber auch Nebencharaktere werden gekonnt mit eingeflochten und ein jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Dabei lässt sie nicht außer Acht, was es bedeutet, im Alten Land zu leben. Über das Miteinander von Stadt- und Landmenschen. Was sie voneinander halten, wie sie voneinander denken. Man lernt auf diese Weise das in modisch-idyllischen Hochglanzmagazinen touristengerecht dargestellte Alte Land auch einmal von einer ganz anderen Seite kennen.

So kann man aufgrund der wunderbaren Erzählweise der Autorin fast das Knarren des Gebälks und das Ächzen des alten Hauses hören, in dem Vera lebt und das ihr nachts den Schlaf raubt. Ein Ächzen, dass die Geschichten seiner Bewohner und Geschichten der Flüchtlinge aufgenommen hat, die direkt nach dem Krieg aus Ostpreußen zuwanderten.
Dörte Hansen legt so viel Kraft, so viel Emotionen in ihre Worte und dass man glaubt, den inneren Kampf zu spüren, mitzuerleben.

„Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkender auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer, und Vera hatte Angst vor diesem Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzeln schlagen konnte, aber doch festwachsen an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos. Nicht gedeihen, nicht blühen, nur bleiben." ~ Seite 42


Ein ernster, aber sehr warmherziger Familienroman, der frei von jeglichem Kitsch ist und dessen Ernsthaftigkeit durch gekonnt eingesetzten trockenen Humor aufgelockert wird. Eine unglaubliche Sprachgewalt der Autorin bringt einem die Protagonisten näher und man wird regelrecht gefangen genommen von den Emotionen und von dem Suchen und Finden der beiden Frauen. Unglaublich ergreifend, eine wahre Buchperle.

© Rezension: 2015, Alexandra Zylenas




Februar 2015, Hardcover Seiten, ISBN: 978-3-8135-0647-1
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