Engelskalt | Samuel Bjørk

Mittwoch, 10. Juni 2015 0 Kommentare

[Klappentext] Ein Spaziergänger findet im norwegischen Wald ein totes Mädchen, das mit einem Springseil an einem Baum aufgehängt wurde und ein Schild um den Hals trägt: "Ich reise allein." Kommissar Holger Munch wendet sich an seine Kollegin Mia Krüger, deren Spürsinn unschlagbar ist. Er reist auf die Insel Hitra, um sie abzuholen. Was Munch nicht weiß: Mia hat sich dorthin zurückgezogen, um sich umzubringen. Doch als sie die Bilder des toten Mädchens sieht, entdeckt sie ein Detail, das bisher übersehen wurde - und das darauf schließen lässt, dass es nicht bei dem einen Kind bleiben wird ... [© Text und Bild: Der Hörverlag]
[wb] Skandinavische Krimis sind inzwischen zur Massenware geworden wie schwedische Möbel und norwegische Pullover. Dementsprechend eng ist der Spielraum für Variationen bemessen, dementsprechend häufig sind daher Déjà Vu-Erlebnisse beim Leser. Kann das unter dem Pseudonym Samuel Bjork schreibende norwegische Kreativ-Multitalent Frode Sander Oien diese Erlebnisse vermeiden? Oder setzt er bewußt auf die fröstelnde Grundstimmung als bewährte Kulisse? Was er gewiß nicht beabsichtigt, ist, aktuelle sozialpolitische Mißstände anhand eines Kriminalfalls aufzuzeigen, wie es seine schreibenden Landsleute gerne praktizieren. Zwar wirft er zuweilen die Frage auf, wie weit polizeiinterne Überwachung reichen darf, um jedoch substantielle Kritik zu üben, sind diese Andeutungen zu vage.

Auch für die bewußt zelebrierte Melancholie des Nordens nicht alltäglich ist zunächst eine jugendliche Polizistin, die sich für den Freitod in ein Inselexil zurückzieht. Äußerlich der für Skandinavien exotischen Bilderbuchindianerin gleichend, dringt sogleich auch der vielzitierte "gute Tag zum Sterben" ins Bewußtsein. Ausgelöst durch den Tod ihrer Schwester, ist der Entschluß von Mia Krüger lange geplant, alles andere als eine Affekthandlung und somit wohl nur durch längefristige Psychotherapie relativierbar. Kaum überraschend, daß der Autor den kurzen Weg über die persönliche Involvierung in den aktuellen Fall wählt, an dem sie ohne viel Widerstand zur Mitarbeit überredet werden kann. Abgesehen von einer durchzechten Nacht wirkt auch im späteren Verlauf die Depression erstaunlich schnell geheilt, sodaß Mias Gemützustand lediglich als origineller Einstieg dient.

Ihr Partner und väterlicher Freund Holger Munch, der die seelenwunde Kriegerin aus ihrer selbstgewählten Einsamkeit holt, ist ein brummeliger, ganz und gar der Logik verschriebener Kopfmensch, der äußerlich einem Teddybären gleicht und in keinem Verhältnis zum Maler gleichen Namens steht. Seine inkonsequente Haltung zu Genußmitteln verleiht ihm den sympathiebringenden menschlichen Makel. Ergänzt wird das Gespann um eine kleine Gruppe farblos verbleibender Beamter, die jedoch als Schmiermittel das Erzählgetriebe intakt halten. Außerdem mit von der Partie ist der frisch rekrutierte Gabriel Mork, der als obligater Computerexperte zuverlässig alle digitalen Hürden überwindet, sich jedoch auch eifrig das Image eines Besserwissers erarbeitet.

Ausgehend von den mit rätselhaften Botschaften versehenen Leichen, verästelt sich zunächst die Handlung in mehrere Stränge, von denen nur schwer abschätzbar ist, welchem man erhöhte Aufmerksamkeit widmen sollte. Ungewöhnlich lange fällt es schwer, jene Figuren, denen die undankbare Rolle des Leichenauffinders zukommt, von jenen zu unterscheiden, die den Roman letztendlich tragen werden. Dazu berührt der Fall viele verschiedene Schauplätze und Themenbereiche wie ein Altersheim, eine dubiose religiöse Gruppierung oder Schauspiel und Bühne, zwischen denen die Verbindungen erst hergestellt werden müssen. Das Material für diese Brücken stellt notwendigerweise das Motiv für die Morde dar, das jedoch ebenfalls lange unklar bleibt. Letztendlich wirken diese mit zu großem Bemühen konstruiert, nicht hundertprozentig stimmig. Der Irreführung des Lesers scheint hier eine höhere Priorität eingeräumt zu werden als der Konsistenz der einzelnen Erzählelemente. Der resignierende Seufzer eines der Ermittler charakterisiert hier die Geschichte treffend: "Wenn ich wirklich mit einem Arzt gesprochen habe, dann ist dieser Fall so bizarr, daß ich nicht mehr weiß, was ich glauben soll."

Für das Hörbuch konnte der in erster Linie als Synchronstimme von Daniel Craig bekannte Dietmar Wunder gewonnen werden, dem es gelingt, die Stärken des Romans aufzuspüren: Diese liegen nämlich nicht im Gesamtkontext, sondern in einzelnen, emotional intensiven Momenten. Wenn etwa Mia Krüger vom Alkohol noch halb benebelt, einen Assoziationsfaden spinnt, der sie auf die Spur des Täters bringt, intoniert Wunder das in einem entrückten Singsang. Wenn der Täter sich telefonisch meldet und ein knappes Ultimatum stellt, wird die zum Zerreißen gespannte Stimmung durch den Sprecher beinahe körperlich fühlbar. Holger Munch läßt er mit brummiger Stimme sprechen, die kindlichen Gedanken seiner Nichte hoffnungsvoll aus den Lautsprechern tropfen. Und als der Sprecher zum Finale, wo sich das Tempo erhöht, zur Höchstform aufläuft, werden kleinere Ungereimtheiten nebensächlich.

Einzelne hervorragend erzählte Szenen können nicht über einen insgesamt etwas sperrigen Plot hinwegtäuschen, heben das Gesamtwerk jedoch aus der Beliebigkeit. Insbesondere durch den Sprecher werden Nuancen hörbar, die beim Lesen möglicherweise entgangen wären.

© Rezension: 2015, Wolfgang Brandner



Ungekürzte Lesung, gelesen von Dietmar Wunder, übersetzt von Gabriele Haefs
2 MP3-CDs, Laufzeit: 778 Minuten, ISBN: 978-3-8445-1772-9
Titel kaufen: Hörbuch / Taschenbuch / eBook


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