Alles Licht, das wir nicht sehen | Anthony Doerr

Mittwoch, 8. Juli 2015 0 Kommentare

[Klappentext] Saint-Malo 1944: Marie-Laure, ein junges, blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater, der am „Muséum National d'Histoire Naturelle" arbeitet, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer geflohen. Einst hatte er ihr ein Modell der Pariser Nachbarschaft gebastelt, damit sie sich besser zurechtfinden kann. Nun ist in einem Modell Saint-Malos, der vielleicht kostbarste Schatz aus dem Museum versteckt, den auch die Nazis jagen.
Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert, auf eine Napola geschickt und dann in eine Wehrmachtseinheit gesteckt, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, über den Etienne, Marie-Laures Onkel, die Résistance mit Daten versorgt …
Kunstvoll und spannend, mit einer wunderschönen Sprache und einem detaillierten Wissen um die Kriegsereignisse, den Einsatz des Radios, Widerstandscodes, Jules Verne und vieles andere erzählt Anthony Doerr mit einer Reihe unvergesslicher Figuren eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg, und vor allem die Geschichte von Marie-Laure und Werner, zwei Jugendlichen, deren Lebenswege sich für einen folgenreichen Augenblick kreuzen. [© Bild/Text: C.H Beck Verlag]


«Und was ist hinter der Tür da?»
«Hinter dieser Tür ist eine andere verschlossene, etwas kleinere Tür.»
«Und was ist hinter der?»
«Eine dritte verschlossene Tür, die wiederum etwas kleiner ist.» «Und dahinter?»
«Eine vierte Tür, und eine fünfte, und so geht es immer weiter, bis
zur dreizehnten, die ebenfalls verschlossen und nicht größer als ein Schuh ist.»
...
«Hinter der dreizehnten Tür», sagt der Führer und fährt mit seinen unglaublich faltigen Händen durch die Luft, «liegt das Meer der Flammen.»

[sg] Als ich diese Zeilen las, war ich längst positiv gefangen in dem Buch und legte für einige Tage einen Leseanker ein. Rückblickend lag das Buch mehrere Wochen auf dem alten Holztisch meiner Leseecke. Ich öffnete es nicht und begann nicht zu lesen, blätterte nur einmal kurz darin. Vielleicht war es nicht der richtige Moment, und so lag es noch eine weitere Woche, ein paar Tage. Dann las ich zwei Rezensionen darüber und begann an einem Regentag zu lesen. 

Der Regen, der gegen das Fenster klopfte schien zu verschwinden, es war ganz ruhig und die Zeilen zogen mich hinein, und vor meinen Augen waren Blicke, Momente, Sichtweisen zweier Menschen. Marie-Laure, eine Französin und Werner, der in Deutschland geboren wurde, sind die beiden Protagonisten des Romans von Athony Doerr.
Es ist als habe Doerr durch andere Augen gesehen, gefühlt, ertastet und dann nur geschrieben. All das auf eine sehr bestimmte, direkte aber so poetische Art und Weise.

Marie-Laure erblindet, und damit nicht genug, es herrscht Krieg. 1944, und die Nazis haben Frankreich besetzt, und so muss Marie-Laure mit ihrem Vater, der das Meer der Flammen in Sicherheit bringen soll, fliehen. Eine Flucht, die mich erschaudern lässt. Wissend, dass Marie Laure blind ist, sehe ich beim Lesen doch und denke, es ist so schon schrecklich, wenigstens sieht sie die Bilder nicht, oder tut sie es doch ein ganz klein wenig? Sie fühlt und spürt so intensiv, die ganze Furchtbarkeit um sich herum, aber auch das Schöne.

Ich bin längst in dem Buch gefangen bis mich der Schlaf irgendwann packt. Am Morgen eine Tasse Tee, etwas Weiterlesen, aber die Arbeit ruft und ich liebe sie, aber ich ertappe mich dabei, einfach weiterlesen zu wollen.
Mich bewegt das Buch die nächsten Tage. Allein die Liebe zu ihrem Vater die in dem ganzen Buch spürbar ist, so sehr dass ich gelegentlich inne halte, packt mich.

Werner verlor seinen Vater, er ist sehr geschickt mit technischen Geräten und ganz besonders mit Radios. So kommt es, dass er von den Nazis ausgebildet wird und an die Front nach Frankreich geschickt wird. Ich lese in diesem Roman zwei Geschichten, mache Zeitensprünge und lerne noch andere Menschen lesend kennen.
Dabei fühle ich den Krieg nicht sehr, sondern scheine Landschaften durch die bildhafte Sprache von Doerr zu sehen, die ich nie sah, und wie eine kleine Magie sehe, spüre ich das Licht, das dieses Buch enthält, und doch ist es unsichtbar.

"Alles Licht, was wir nicht sehen" bewegt mich selbst beim Schreiben der Rezension noch sehr. Warum dieser hervorragende Roman solange von mir nicht geöffnet wurde? Manche Lichter sehen wir nicht gleich, oder sie sind erst da, wenn wir sie gerade wirklich brauchen. Nichts ist schöner als die hellen Lichter der Literatur. Der Anker bleibt, denn dieses Buch wird mich noch einmal positiv gefangen nehmen. Irgendwann, wenn das Licht vielleicht nicht einfach zu sehen ist.

Anthony Doerr schreibt grandios und dieser Roman hat den Pulitzer Preis 2015 völlig zurecht verdient. Ein besonders heller Lichtstrahl am Literaturhimmel. An diesem Buch nicht vorbeigehen, sondern es in die Hände nehmen, kaufen, lesen und dann verschwinden in eine literarische Magie. Denn das ist es, Magie! 

© Rezension, 2015 Sanni Gedankenlabyrintherin



Alles Licht, das wir nicht sehen - Athony Doerr - C.H. Beck Verlag
Aus dem englischen von Werner-Löcher Lawrence
2014 / 3. Auflage. 528 Seiten / ISBN 978-3-406-66751-0


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