Bevor Du Stirbst | Camilla Grebe, Asa Träff

Mittwoch, 1. Juli 2015 0 Kommentare

Siri Bergmann kann es nicht lassen.

[Klappentext] Eine kalte Winternacht in Stockholm. Eine junge Frau allein in einem menschenleeren Park. Plötzlich Schritte, die immer näher kommen. Als sie sich schon verloren glaubt, fällt ein Schuss, ihr Verfolger stürzt zu Boden und bleibt in einer Blutlache liegen. Fünf Jahre später findet die Psychotherapeutin Siri Bergman in alten Kisten ihres ersten Mannes Stefan eine merkwürdige Notiz, die auf genau diesen Mord hinweist. Gibt es etwa einen Zusammenhang zwischen der grauenhaften Tat und Stefans Selbstmord, der nur wenige Wochen danach Siris Leben erschütterte? Der Gedanke lässt sie nicht mehr los. Hat Siri ihren Mann jemals wirklich gekannt? [© Text & Cover: btb Verlag]
[wb] Siri Bergmann kann es nicht lassen. Endlich scheint sie nach den Ereignissen der beiden Vorgängerbände "Die Therapeutin" und "Das Trauma" ihr privates Glück gefunden zu haben. Sie ist glücklich mit dem Polizisten Markus liiert, der Altersunterschied von zehn Jahren ist nicht mehr relevant. In Markus' Eltern hat sie eine Ersatzfamilie gefunden, und sie selbst ist inzwischen Mutter eines gesunden Buben namens Erik. Ein wunderschönes Familienidyll, das die schwedischen Schwestern Grebe und Träff hier für ihre Protagonistin konstruieren, die ideale Fallhöhe, aus der Siri sich in ihren persönlichen Abgrund stürzen kann. Daß sie es damit recht eilig hat, liegt in der Natur der Figur. In einer symbolischen Kraftanstrengung will sie mit der Vergangenheit mit ihrem bei einem Tauchunfall ums Leben gekommenen ersten Mann Stefan abschließen und sich von Objekten trennen, an denen die Erinnerungen wie Spinnweben kleben. Sie findet Hinweise, die auf eine Verbindung Stefans mit einem mehrere Jahre zurückliegenden ungeklärten Mord hinweisen, doch anstatt ihren emotionalen Hausputz fortzusetzen, will sie den Fall, an dem spezialisierte Ermittlungsbehörden resignierten, auf eigene Faust aufklären.

Der resultierende Konflikt ihrer Vergangenheit mit der glücklichen Gegenwart ist vorprogrammiert und läßt in der Hingabe, mit der Siri diesen zelbriert, auf eine Neigung zur inneren Selbstzerfleischung schließen. Dieser manifestiert sich, als Siris Sohn Erik sich verletzt, weil sie aufgrund ihrer Recherchen die mütterliche Aufsicht vernachlässigt. Der Erzählkessel steht unter Hochdruck, doch anstelle ihn weiter aufzuheizen oder gleich explodieren zu lassen, köchelt die Geschichte vorerst auf kleiner Flamme dahin. Ausführlich erkundet Siri weiterhin die Vergangenheit ihres verstorbenen Gatten und stößt auf eine jugendliche Clique, deren drogenverstärkter Testosteronrausch aufs Schrecklichste eskaliert. Wie das gebrannte Kind die Finger von der heißen Herdplatte zurückzieht, schrecken die Autorinnen reflexartig vom Thrillergenre zurück und retten sich auf das vertraute Terrain einer schwedischen Familiensaga, lediglich im Finale verwenden sie ein aus den Vorgängerbänden bekanntes Handlungsmuster und lassen Siri zuverlässig ahnungslos in eine gefährliche Situation schlittern.

Auch die Stilmittel sind bewährt, was jedoch keineswegs deren Rafinesse beeinträchtigt. Die Hauptfigur erzählt wie gehabt im Präsens der ersten Person, erfüllt damit den Leser mit diebischer Freude ob seines Wissensvorsprungs. Wieder spiegelt sich ihre eigene Situation in einer Patientin, diesmal einer Langzeitstudentin, die sich nicht von den Hinterlassenschaften ihres Ex-Partners trennen kann. Wieder begegnet ihr Stefan in einem symbolreichen Traum und konfrontiert sie mit anstehenden Entscheidungen.

Als neues, nach zwei bisherigen Siri Bergmann-Bänden lange erwartetes Element erhält nun der Verunglückte selbst eine Stimme. Der Verstummte darf sprechen, gibt hochlebendig Einblicke in jene Tage, da alle Farben intensiver leuchteten, da die Welt dem jugendlichen Überschwang unterworfen wurde. Der in Siris Augen zum unerreichbaren Heiligen Verklärte erhält ein menschliches Antlitz mit schockierenden Schattierungen. Schließlich kaum überraschend, dafür umso aufschlußreicher werden schließlich die wahren Umstände seines Todes enthüllt, womit der angekündigte vierte Band des schwedischen Autorinnenduos eine gänzlich neue Seite in Siris Leben aufschlagen dürfte.

"Kann man mit einem Menschen zusammenleben, ohne ihn wirklich zu kennen?" Dieser Nährboden für Zweifel bildet den roten Faden im dritten Teil um die therapiebedürftige Therapeutin Siri Bergmann, die langatmig die Vergangenheit ihres verunglückten Gatten aufarbeitet.

© Rezension, 2015 Wolfgang Brandner

  • Rezension zum 1. Band der schwedischen Krimireihe: Die Therapeutin
  • Rezension zum 2. Band der schwedischen Krimireihe: Das Trauma

 

Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 496 Seiten, ISBN: 978-3-442-74767-2
Buch kaufen: Print / eBook

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