Mann ohne Herz | Camilla Grebe & Asa Träff

Dienstag, 7. Juli 2015 4 Kommentare

Sommer in Stockholm – doch dieses Verbrechen lässt das Herz gefrieren.

[Klappentext] Sommer in Stockholm. Die Nächte hell, die Temperaturen ungewöhnlich hoch. Für Siri Bergman ist es der erste Tag in ihrem neuen Job. Nachdem ihre Praxis schließen musste, arbeitet die Psychotherapeutin nun bei der Polizei - als Profilerin soll sie psychologische Täterprofile erstellen. Gleich ihr erster Fall ist von großer Brisanz: Ein Mörder hat es auf attraktive, gut situierte Männer abgesehen - homosexuelle Männer. Er tötet sie und schneidet ihnen das Herz heraus. Ist der Mörder ein verrückter Schwulenhasser? Oder deutet die Grausamkeit der Tat auf einen ganz anderen Zusammenhang hin? [© Text und Cover: btb Verlag]

[wb] Camilla Grebe und Asa Träff können es nicht lassen. Um jeden Preis müssen sie ihrer Heldin Siri Bergmann das familiäre Umfeld als Konfliktherd eröffnen. Jetzt wäre Siri dabei, nach den ersten drei Bänden, die von der Aufarbeitung des Unfalltodes ihres Mannes Steffan als roten Faden durchzogen sind, sich beruflich neu zu orientieren und als Profilerin Fuß zu fassen, da bahnen sich auch schon wieder erste Reibereien mit ihrem Lebensgefährten Stefan an. Jetzt ist der Mordfall - ein bekannter Homosexueller, der mit entferntem Herz erschossen aufgefunden wird - knifflig und vielschichtig genug, da wird Siri auch das private Glück als Rückzugsort verwehrt. Es mag bei skandinawischen Autoren zum guten Ton gehören, ihre Helden als zur Zufriedenheit unfähig zu portraitieren, im konkreten Fall jedoch wird dem titelgebenden Mord unnötigerweise Aufmerksamkeit entzogen.

Die Zäsur in der Geschichte, der Wechsel von Siris Arbeitsumgebung von der psychotherapeutischen Gemeinschaftspraxis in eine Profiler-Gruppe, ermöglicht den Autorinnen einen Neubeginn um ihre Protagonistin. Ob diese Verschiebung der Aufmerksamkeit in stereotype polizeiliche Gefielde die Serie nicht an Originalität kosten wird, bleibt abzuwarten. Rückblickend können also die Bände "Die Therapeutin", "Das Trauma" und "Bevor du stirbst" als eine abgeschlossene Trilogie betrachtet werden, möglicherweise stellt der vierte Band nun den Auftakt zu einer neuen dar. Lesern, die mit der Figur noch nicht vertraut sind, bietet sich hier die Möglichkeit, mit einem aktuellen Titel Bekanntschaft mit Siri Bergmann zu schließen. Die Verbindungen zur Vergangenheit sind weitgehend gekappt, einzelne Anspielungen, etwa auf ihre Beziehung zur ehemals besten Freundin Aina, werden als bereichernd empfunden.

Allein das Etikett "Psychothriller" mag für neue Leser irreführend sein. Eine aufregende Handlung mit einer Psychologin im Zentrum begründet eine solche Einordnung noch keineswegs, eher handelt es sich um eine schwedische Familiengeschichte vermischt mit einem spannenden Krimi. Der Aufdruck "Roman" auf den drei Vorgängerbänden wird diesem Umstand noch viel eher gerecht. Noch im dritten Teil schienen die Autorinnen vor allzu nervenstrapazierender Spannung zurückzuschrecken, daher würde es wohl ihrer Schreibnatur widersprechen, das Tempo diesmal drastisch zu erhöhen. Wenn ein sommerlicher Vergleich gestattet ist: Beim servierten Dessert handelt es sich um eine jener Eissorten, bei denen die Vanillekugel durchsetzt ist mit bißfesten Kuchenstückchen, während das Gericht auf der Speisekarte jedoch als schwedische Zimtschnecke mit Vanillefüllung ausgewiesen ist.

Ihrem Stil treu bleibend, richten die Autorinnen auch dieses Mal wieder besondere Aufmerksamkeit auf zwischenmenschliche Feinheiten, die emotionalen Nuancen, in denen sich eine Persönlichkeit offenbart. Auch die nonverbale Kommunikation funktioniert bestens.
"Ich fange Vijays Blick auf und weiß, daß er mich gesehen und meine Gedanken durchschaut hat. Er schüttelt fast unmerklich den Kopf, und verlegen schlage ich die Augen nieder"
Zwischendurch vermitteln immer wieder kleine Alltagselemente wie ein fußballspielenden Buben auf der Straße das Geräusch der Mikrowelle in der Polizei-Teeküche das Gefühl lebendiger Normalität, statten die Szenen mit Requisiten aus.

Wie bereits im dritten Teil der Serie bewährt, wechseln auch hier Kapitel der Gegenwart, die aus Siris Sicht in erster Person geschildert werden, mit Ereignissen in der Vergangenheit, in deren Licht der Mordfall sukzessive an Klarheit gewinnt. Diese sind jeweils mit "Das traurige Herz" betitelt und thematisieren die vergebliche Suche eines homosexuellen jungen Mannes nach Geborgenheit, Anerkennung, Liebe. Dabei ist eine Weiterentwicklung in erzählerischer Hinsicht deutlich feststellbar: Anhand der in diesen Rückblicken eingeführten Figuren führen die Autorinnen íhre Leser auf eine bestimmte Spur, motivieren mehr als zuvor zur aktiven Tätersuche. Aber wird diese Spur sich nicht - wonach es geradezu gegen den Wind riecht - als falsche Fährte erweisen? Soviel wird hier gewiß nicht verraten. Obwohl außerdem die Symbolik des herausgerissenen Herzens auch arg plakativ sein mag, in der Geschichte erfüllt sie jedenfalls ihren Zweck als Markierung dieser Spur ...


Ihrem Stil treu bleibend, erzählen die schwedischen Schwestern Grebe und Träff einen Familienkrimi mit Siri Bergmann im Rampenlicht, erzählerisch jedoch aufpoliert und mit wesentlich mehr Spannung als zuletzt gewürzt - ein idealer Einstieg in die Serie.

© Rezension, 2015 Wolfgang Brandner

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Mit dem vierten Teil endet unsere sommerliche Serie um Siri und die Schweden-Schwestern. Mein besonderer Dank gilt nun Frau Portheine vom btb-Verlag, die mich zur Bekanntschaft mit der Psychotherapeutin und nunmehrigen Polizeiprofilerin ermutigt und mich trotz Schwierigkeiten in der Postzustellung zuverlässig mit Lesestoff versorgt hat.

Faszinierend, wie man über die einzelnen Bände, über die Wochen, die man eine Heldin bei ihren Abenteuern in den Tiefen der Psyche und den Widrigkeiten ihres Alltags begleitet, diese kennenzulernen glaubt, wie sie einem die Hand aus dem Buch entgegenreicht, dazu einlädt, sie zu begleiten.



Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Klappenbroschur, 448 Seiten
ISBN: 978-3-442-74913-3

Kommentare:

  1. Silvia Borowski7. Juli 2015 um 19:09

    Guten Abend miteinander,
    also,- ich habe mal beim Ausverkauf, auf dem Wühltisch " Die Therapeutin " ergattert. Ich weiß auch das ich das Buch gelesen habe, aber so beeindruckt kann ich nicht gewesen sein, denn sonst hätte ich die folgenden, von den Autoren, auch gelesen.


    Wünsche allen einen hoffentlich abkühlenden Abend.
    Silvia B. aus B

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  2. Liebe Silvia

    vielen Dank für deine Meinung. Ja, der Lesegeschmack ist sehr vielfältig und unterschiedlich. Was dem einen geflällt, konnte den anderen gar nicht begeistern und umgekehrt. Und das ist auch gut so, denn nur so erhalten wir diese wunderbare Vielfältigkeit an Geschichten.

    Wie Wolfgang in seinen Gedanken zum Buch erwähnte, kann man diesen band auch als einen neuen Einstieg ansehen und einfach hier neu beginnen. Vielleicht reizt es dich irgendwann, es einfach nochmal mit dem schwedischen Autorinnen-Duo zu probieren und direkt diesen Teil zu lesen :-)

    Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag wünsche ich dir!
    Alexandra

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  3. Karin Hilary Brown8. Juli 2015 um 17:29

    Danke für den Einblick. Das Buch liegt auf meinem Nachtisch und ich war ein wenig zögerlich, weil es eben der vierte Teil einer Reihe ist. Dachte es wäre vielleicht besser erst einmal die ersten drei Teile zu lesen, aber nun traue ich mich auch so ran.

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  4. Hallo Karin, danke für Deinen Kommentar!
    Also grundsätzlich ist es niemals verkehrt, mit einer Serie bei Teil 1 zu beginnen. Meiner Meinung nach wurde das große Potential um die Hauptfigur bereits mit eben jenem voll ausgeschöpft, so daß für Teil 2 und 3 nicht mehr viel übrig blieb. "Mann ohne Herz" sehe ich also einen Versuch, Siri neu zu erfinden, eine erfolgreiche Karriere als Profilerin ist ihr jedenfalls zu wünschen.
    Trau Dich an Teil 4, alles, was man wissen muß, wird problemlos en passant erzählt, und wenn Du auf den Geschmack kommst, nimmt Dir "Die Therapeutin" vor.
    Viel Vergnügen!

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