Mein Herz und andere schwarze Löcher | Jasmine Warga

Donnerstag, 30. Juli 2015 2 Kommentare

Eine Geschichte über zwei, die den Tod suchen – und die Liebe ihres Lebens finden.

[Klappentext] "Ich küsse ihn. Wir küssen uns! Ich versuche, mich nicht zu fragen, ob das nun richtig oder falsch ist. Mein Herz hämmert, und ich hoffe, dass sein Herz genauso wild klopft. Ich weiß, dass die Menschen einander seit tausend Ewigkeiten küssen, aber jetzt, in diesem Augenblick, fühlt es sich an, als wäre das Küssen ein Geheimnis, das nur Roman und ich kennen."
Wenn dein Herz sich anfühlt wie ein gähnendes schwarzes Loch, das alles verschlingt, welchen Sinn macht es dann noch, jeden Morgen aufzustehen? Aysel will nicht mehr leben – sie wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, sich für immer zu verabschieden. Als sie im Internet Roman kennenlernt, scheint er der perfekte Komplize für ihr Vorhaben zu sein. Und während die beiden ihren gemeinsamen Tod planen, spürt Aysel, wie sehr sich auf die Treffen mit Roman freut, wie hell und leicht ihr Herz sein kann. Und plötzlich ist der Gedanke, das alles könnte ein Ende haben, vollkommen unerträglich ... Aysel beginnt zu kämpfen. Um ihr Leben. Um sein Leben. Und um ihre gemeinsame Liebe. [© Text + Cover: Fischer, Sauerländer]


[sh] Der Titel des Romans sprach mich sofort an. "Mein Herz und andere schwarze Löcher" ja, allein dieser Titel hat Gedankentiefe. Es ist ein ruhiger Abend als ich beginne zu lesen und ich entdecke gleich auf der ersten Seite des Buches ein so wahres Zitat:

"Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man neue Landschaften sucht, sondern dass man mit neuen Augen sieht."
(Marcel Proust) 

Ich lese sofort weiter. Schon auf den ersten Seiten schwanke ich zwischen zwei Gefühlen, dem Verstehen einer schweren Depression, dieser endlosen Schwere und Traurigkeit und doch hält dieses Buch auch immer auch etwas zum Schmunzeln bereit. Aysel, die Protagonistin hat einen sehr schwarzen Humor, der aber so liebenswert ist. Auch ihre düsteren Gedanken regen zum Nachdenken an, werden aber nicht total theatralisch dargestellt, sondern klar formuliert. Etwas geschah mit ihrem Vater, was sie auch in dunkle Abgründe stürzt. Doch dieses Geheimnis wird er erst gegen Ende des Buches gelüftet.
Die Depression von Aysel ist spürbar und in jeder Zeile wird deutlich, wie schwer diese Last und ihre Traurigkeit für sie sind.

"Depression, das bedeutet: ein Gefühl der Schwere, dem man nicht entrinnen kann. Das Gewicht lastet auf einem wie Blei und macht selbst die banalsten Dinge, wie das Binden von Schnürsenkeln oder das Kauen von Toastbrot, so anstrengend, als müsste man dreißig Kilometer bergauf laufen. Depressionen sind ein Teil von dir; sie sitzen in deinen Knochen und in deinen Adern. Wenn ich etwas über Depressionen weiß, dann das: Es gibt kein Entrinnen." ~ S.25 und 26

Aysel beschreibt allein in diesen Sätzen wie Depressionen wirklich sind. Es bewegt, wenn man wie ich weiß wie sie wirklich sind und wie man sich fühlt und die Zeilen dadurch sehr gut verstehen kann. Selbst sieht Aysel keinen Ausweg und möchte die Welt verlassen. Neben ihrem Job im Internet sucht sie einen Selbstmordpartner.  Es ist schon viel später und sie glaubt gar nicht mehr daran, als sie eine Antwort von FrozenRobot erhält. Hinter diesem Nickname steckt Roman, ein Junge, der ebenfalls kein Entrinnen außer den Tod sieht. Er gibt sich die Schuld an dem Tod seiner Schwester und verfiel deshalb in eine schwere Depression. Beide treffen sich und sofort ist es, als hätten beide eine Ebene gefunden, die zuvor mit anderen Menschen nie möglich war. Sie reden, vertrauen einander und legen den Tag ihres gemeinsamen Selbstmordes fest.

Das Buch bzw. die Kapitel sind in die Tage geteilt bis zu diesem Termin des Selbstmordes. Vorher unternehmen beide noch Dinge, die sie noch tun wollen. Roman unterstützt Aysel auch bei der Suche nach ihrem Vater und das Herankommen an die Oberfläche ihres Geheimnisse. Das ganze Buch ist sehr spannend und in mir macht sich beim Lesen immer mehr die Hoffnung breit, dass beide Protagonisten, die ich so in mein Herz geschlossen habe, überleben. Aysel findet ihr Lachen und damit auch Leben wieder. Kurz vor dem Selbstmordtermin wird ihr dies bewusst. Roman lässt sie gehen. Er hat sein Lachen nicht wieder gefunden.

Bis zum Schluss bleibt es spannend. Das Buch hat mich sehr bewegt. Wie sehr doch Menschen wichtig sind, die uns verstehen, wenn die Seele, die Dunkelheit aufnimmt und kaum Licht zulässt. Unsere Herzen haben oft Narben. Dies mögen noch einige verstehen. Aber Depressionen? Depressionen mit den schwarzen Löcher werden selten verstanden.

Hier habe ich noch einen Gedanken. Wie furchtbar am Rande zu sein, an dem nichts mehr geht und der Tod als einziger Ausweg gesehen wird. Oft urteilen Menschen leichtfertig darüber. Doch nichts ist schlimmer als eine schwere Depression und die damit verbundenen Schmerzen, die sich auch körperlich äußern können. Es ist daran,  nicht zu urteilen. Denn manche schaffen es leider nicht, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Gut, dass es solche Bücher gibt, die etwas zu mehr Verständnis von Depressionen beitragen. Für mich ist es wunderbar, dass der Fischerverlag auch vor solchen Themen nicht zurückschreckt und solche guten Romane mit Tiefe veröffentlicht.


Ein Buch, das nicht nur ein Jugendbuch ist. Es ist so wundervoll, berührend, hoffnungsvoll, das es in alle Hände gehört. Einfach zum Lesen, abtauchen, verstehen, nachdenken, erkennen und vielleicht um Schritte auf Menschen zuzumachen, die nicht mehr weiter wissen. Wirklich ein Highlight, das es verdient die Buchcharts und Listen zu stürmen. Grandios.

© Rezension, 2015 Sanni
Gedankenlabyrintherin 


ab ca. 14 Jahren / 23.April 2015 / HC 384 Seiten 
ISBN: 978-3737351416 


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Kommentare:

  1. Hey,
    genau das Buch habe ich gestern Abend fertig gelesen und habe es sehr ähnlich wie du empfunden. Der Einstieg fiel mir ein bisschen schwer, aber dann hat es mir immer besser gefallen und ich habe das Gefühl gehabt, wirklich einen (kleinen) Einblick in das Leben mit Depressionen zu erhalten. Und das ganz ohne nerviger "Gefühlsduselei", sondern durch eine liebenswerte Protagonisten, die ich sehr gut verstehen konnte.
    Liebe Grüße
    Anna

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  2. Sanni Bücherwurm31. Juli 2015 um 16:26

    Ja, so sollte es auch sein. Schön, wenn es dir auch sehr gefallen hat.

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