Das gläserne Meer | Josh Weil

Samstag, 29. August 2015 0 Kommentare

[Klappentext] Die Zwillinge Jarik und Dima sind von Geburt an unzertrennlich. Nach dem Tod des Vaters wachsen sie auf dem Bauernhof ihres Onkels auf, die Tage verbringen sie in den Kornfeldern und die Nächte im Bann der mythischen Geschichten aus dem russischen Sagenschatz. Jahre später arbeiten die Brüder Seite an Seite in der Oranzeria, dem gigantischen Gewächshaus, das sich hektarweit in alle Richtungen erstreckt. 
Dieses gläserne Meer wird von im Weltall schwebenden Spiegeln beleuchtet, die das Sonnenlicht rund um die Uhr auf die Erde werfen – ein künstlich geschaffener ewiger Tag, der die Produktivität der Region verdoppeln soll. Bald ist die Arbeit das Einzige, was sie verbindet: den robusten Jarik, verheiratet und Vater zweier Kinder, und Dima, den Träumer, der allein bei der Mutter lebt. Doch eine Begegnung mit dem Besitzer der Oranzeria verändert alles: Während Dima sich ambitionslos dahintreiben lässt, wird Jarik immer weiter befördert, bis sie schließlich zu Aushängeschildern gegensätzlicher Ideologien werden. ›Das gläserne Meer‹ ist ein großer Roman über den Preis unserer Träume und Ideale, hochpoetisch und angefüllt mit der Magie russischer Märchen. [© Text und Bild: DuMont Verlag]


[mk] Perestroika und Glasnost sind vorbei, symbolisch für das neue Russland suchen Jarik und Dima jeder auf seine Art eine neue Identität. Der eine wird von Kommunisten und Anarchisten umworben, der andere macht Karriere im neuen Kapitalismus. Das Buch balanciert zwischen den Systemen, ohne eines als gut oder schlecht zu bezeichnen. Es bleibt mir als Leser überlassen, für mich zu entscheiden, welches das Bessere ist. Der Kapitalismus wird durch das Gewächshaus, das gläserne Meer, verkörpert, durch dessen Bau viel Natur und Kultur zerstört wird, dafür den Menschen der Gegend Wohlstand bringt. Auch hier wirft das Buch philosophische Fragen auf: wie viel ist uns der Wohlstand wert? Ist es bei uns hier und heute nicht auch noch so, dass dafür zu viel Natur verloren geht? Wie kann man das besser machen, besser steuern? Immer wieder werde ich beim Lesen zum Nachdenken angeregt.

„Uns dazu zu bringen, etwas zu wollen, von dem wir nicht wissen, dass wir es wollen, bis wir es wollen: Das ist das Genie des Kapitalismus." (S.267)

Es ist auch sicher kein leichtes Buch, keine Sommerlektüre für zwischendurch. Ich habe manche Sätze und Abschnitte zweimal lesen müssen, da ich den Faden in den Verschachtelungen verloren hatte (in einem Satz habe ich einmal 19 Kommas gezählt!), es ist also ein richtiger Schmöker, in dem man sich aber wunderbar verlieren kann.

Die Atmosphäre, die russische Seele, hat mich sehr angesprochen. Besonders in den Rückblenden in die Kindheit der Brüder ist das spürbar. Mit einer teilweise sehr poetischen Sprache erzeugt das Buch bei mir stimmungsvolle Bilder. 



Ein stimmungsvolles, immer wieder poetisches Buch mit philosophischen Ansätzen. Es ist keine leichte Lektüre für zwischendurch, aber sehr empfehlenswert für Freunde der gehobenen Literatur.

© Rezension: 2015, Marcus Kufner



Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
26. August 2015 / Hardcover / 672 Seiten / ISBN: 9783832197971



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