Der Fuchs und Dr. Shimamura | Christine Wunnicke

Dienstag, 22. September 2015 0 Kommentare



[Klappentext] Vom Fuchs besessen, und das auch noch in Japan! Klarer Fall für Neurologen mit geschärftem Sinn für Menschen – vorzugsweise Frauen – neben der Spur. Dr. Shimamura (den es wirklich gab) reist in der Abendröte des 19. Jahrhunderts durch die Provinz, wo das burleske Krankheitsbild zur Folklore gehört. Ein liebestoller Student begleitet ihn, geht aber bald verloren, dafür fängt der Doktor sich selbst einen Fuchs ein (den es vielleicht auch gab). Da hilft nur noch Europa, und so flieht Shimamura auf Bildungsurlaub gen Westen, besteht neurologisch aufschlussreiche Abenteuer in Paris, Berlin und Wien. Allein, der Fuchs lässt ihn nicht los – auch nicht Jahrzehnte später zurück in Japan, wo sich dieses seltsame Leben, beäugt von allerhand weiblichem Familienanhang, seinem Ende zuneigt. Und so bleibt der Fuchs der unsichtbare Protagonist dieses fernöstlich getönten Gegenwartsromans. [Text und Bild: Berenberg Verlag]


--------------------

[sg] Der Deutsche Buchpreis bietet immer wieder diese wundervollen Neuentdeckungen. Genau, wie der Roman von Christine Wunnicke. Ich weiß nicht, warum er mir nicht vorher in die Hände fiel. Vielleicht verschwand er in Buchläden unter anderen Büchern und wurde unterschätzt.Es ist bekannt, dass die Bücher der Longlist des deutschen Buchpreise ein eher schlichtes Cover mit einer auffallend großen Schrift haben. Aber ich bin beeindruckt, weil es kunstvoll, etwas antik ist. Nicht hochmodern oder aufgesetzt.

Dr. Shimamura ist die Hauptperson des Romanes. Ein Mediziner, der durch ein Auftrag mit einem Medizinstudenten nach Japan reist. Ein sehr ungleiches Gespann, aber dadurch entwickelt sich eine zusätzlich Komik. Schimamura und versucht in Japan Frauen von der Fuchskrankheit, förmlicher Besessenheit zu befreien. Hier denke ich sofort an Tollwut, allgemein wird aber auch die Räude beim Fuchs als Fuchskrankheit bezeichnet.
Im 19. Jahrhundert gab es über die sogenannte Fuchskrankheit, wie im Roman genannt, keine Erkenntnisse, fachliche Begriffe oder Therapien. So betritt Dr. Schimamura nahezu Neuland.
Von der Fuchskrankheit betroffene Frauen tanzen, scheinen besessen zu sein und im schlimmsten Fall erfolgt eine Art Exorzismus, um den Körper davon zu befreien.

Schon auf den ersten Seiten deutlich, dass Dr. Shimamura ein schweres, vielleicht melancholisches Leben hat. Es fühlt sich tragisch an. An manchen Stellen fühle ich daher Mitleid.
Bei dem Arzt und bei mir als Leserin kommen Zweifel auf, ob der Fuchs wirklich existiert, denn einiges deutet auch auf andere Dinge hin. Süchte und Abszesse werden festgestellt. Könnte es vielleicht ein Schwindel sein? Oder nur von dem Auftraggeber erfundene Idee?
Doch Shimamura trifft dann auf die Fuchskrankheit und die sogenannten Füchse. Das nahezu Unfassbare geschieht und nimmt einen großen Raum ein. 


"Es war ein kleiner Fuchs, zwei bis drei Handbreit lang, je nachdem, ob er sich streckte oder ballte, denn in seinem beengten Lebensraum direkt unter Kiyos zarter weißer Haut bewegte er sich fast wie eine Raupe."


Dr. Schimamura ist sehr eigenwillig, wie mir scheint. Er liebt die deutsche Sprache, denkt viel nach, philosophiert vor sich hin.
Später nach allem was er getan hat, wird er selbst mit der Fuchskrankheit angesteckt. Insgesamt und nach den Beschreibungen der Personen zu urteilen, die erkrankt sind, scheint es eine Form hochgradiger Hysterie zu sein. Dr. Shimamura selbst leidet zu dem an Schwindsucht. Ein Begriff, der heute längst veraltet ist und für Tuberkulose steht. Mit Spuren gezeichnet, reist er nach Paris und sogar Berlin.

In Paris möchte er sein Wissen verbessern und wird dann für die Studenten ein Fallbeispiel für bestimmte und befürchtete Erkrankungen.
Oft tauchen Personen auf und werden so beschrieben, das alle ein für mich komplettes Bild ergeben. So auch der Assistent Tourette.

Die Autorin zeigt mit diesem Roman. Vieles in dem Roman hat etwas Verwirrendes, Unwirkliches, gleichzeitig Bereicherndes und so Witziges.
Gerade das Nicht-Wirkliche und wenn alles zu verschwimmen scheint, macht das Buch so spannend.
Christine Wunnicke ist dafür bekannt in Irrgärten zu schreiben, die viel geben, etwas Unwirkliches auf den Wegen haben und doch so einprägend, bereichernd sind. Dieses Buch ist damit zu einem Herzensbuch von mir geworden.

Allein Dr. Shimamura, der stets fiebrig ist, ist mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Oft wirkt er auf mich ein zerstreuter Professor, sehr klug, aber immer etwas neben der Spur, verwirrt und in einigen Dingen kurz vor dem Wahnsinns.
Es ist also kein Wunder und darüber musste ich schmunzeln, als ich dies zweimal las, dass seine Mutter ein Buch über ihn schreiben wollte, welches den Titel "Genie und Wahnsinn" tragen sollte.
Schmunzeln…ja, wie oben schon erwähnt, dieser Roman hat wirklich Humor und dies sogar mit einer Vielzahl an medizinischen Fachbegriffen, was aber wissenswert ist.
In der Zeit Schimamarus, Freuds erlebte die Neurologie/Psychiatrie eine Bewegung, die für heute wichtige Zeichnen setze. Dies zu lesen macht nachdenklich. Christine Wunnike gibt darüber einen guten Einblicke zwischen Wahrheit und Unwirklichkeit.

So viel könnte ich noch schreiben, aber gewiss würde ich dann zu viel verraten. Schließlich hat das Buch nur 144 Seiten. Das Buch ist einfach wundervoll. Ich begleitete Herrn Doktor Schimamura gern, war begeistert, mal erschrocken, fasziniert und interessiert, da ich medizinische und psychologische Themen nahezu genauso wichtig, lesenswert finde, wie Literatur oder das Wissen darüber.


Fazit: Dieser Roman besitzt Seiten voller Außergewöhnlichkeit und gehört für mich definitiv in die Longlist des deutschen Buchpreises. Christine Wunnicke hat eine wundervolle Sprache, die mich, wie durch eine Zeitmaschine von der Gegenwart fortführte. Lesenswert und möge "Der Fuchs und Dr. Schimamura" noch in vielen Listen weit vorn liegen.

© Rezension 2015 Sanni Gedankenlabyrintherin



4. März 2014, gebunden, ISBN: 978-3937834764 




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wir freuen uns, wenn ihr unsere Beiträge kommentiert, denn dadurch wird dieser Blog lebendig! Bitte habt Verständnis, dass Beiträge vorab geprüft werden, um Spam zu verhindern. Daher kann es einen Moment dauern, bis Kommentare sichtbar werden. Lieben Dank.