Interessengebiet | Martin Amis

Donnerstag, 10. September 2015 0 Kommentare


»Wer bist du? Du weißt es nicht. Dann kommst du ins Interessengebiet, und das sagt dir, wer du bist.«

[Klappentext] Es ist Liebe auf den ersten Blick, die Golo Thomsen wie ein Blitz trifft, als er Hannah Doll begegnet. Was wie eine oft erzählte Liebesgeschichte beginnt, nimmt einen ungewohnten Verlauf – denn Schauplatz ist Auschwitz, Thomsen arbeitet für die Buna-Werke, und Hannah ist die Frau des Lagerkommandanten. Martin Amis wirft in seinem grandiosen Roman ein grelles Licht auf das Tätermilieu. Die überraschenden Züge, die dadurch hervortreten, beschreiben ein Universum der Widersprüche, das auf Amis' moralischer Neugier für das menschliche Wesen fußt. Können wir uns noch in die Augen blicken, nachdem wir gesehen haben, wer wir wirklich sind? Ein beunruhigender, meisterhaft geschriebener und unendlich trauriger Roman. [© Text und Bild: Kein & Aber Verlag]

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[mk] Der Roman ist in einer Art Tagebuch aus der Sicht dreier Täter geschrieben. Zum einen geht es um Thomsen, der für ein Chemiewerk, das im Interessengebiet, also auf dem Gelände von KZ Auschwitz errichtet wurde, tätig ist und für die Zwangsarbeiter zuständig ist.

Die Stärke des Buchs ist meiner Ansicht nach die sehr detaillierte und recht nüchterne Erzählweise. Martin Amis verwendet die damals übliche Sprache, und damit gelingt es ihm, mich sehr nah an eine Zeit und einen Ort heranzuführen, an dem eigentlich keiner sein will und wollte. Er verzichtet dabei darauf, die Protagonisten direkt zu kritisieren, sie als Unmenschen abzustempeln. Statt dessen muss ich mir selber darüber Gedanken machen, wie es zu solchen unvorstellbaren, institutionellen Grausamkeiten kommen konnte. Immer wieder denke ich, dass so etwas nie wieder passieren darf, aber wenn ich sehe, mit welcher Brutalität die Kämpfer des „Islamischen Staats" vorgehen, haben wir noch nicht genug gelernt. Und das ist leider nur ein Beispiel.

Das Buch ist übrigens nur am Rande eine Liebesgeschichte, anders als es der Klappentext vermuten lässt. Dass Golo sich gerne der Frau des Lagerkommandanten annähern würde ist eher ein begleitendes Element, das zusätzlich ein Spannungsfeld zwischen den Charakteren erzeugt.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass mir manche Passagen etwas zu langatmig vorkamen. Da "schwafeln"  Thomsen oder auch Doll vor sich hin, ohne dass es die Geschichte voran bringt. Wobei das Buch ohnehin nicht storylastig ist, sein Fokus liegt eher bei der Charakterisierung der drei Hauptpersonen und versucht, uns im historischen Kontext das Unerklärliche näher zu bringen.


Ich beschäftige mich immer wieder mit Büchern über die Nazizeit, um besser zu verstehen, was damals geschah und wie es dazu kommen konnte. „Interessengebiet" bringt mir die Sicht der Täter näher, es malt nicht nur schwarz-weiß und verurteilt keinen, es bleibt mir selbst überlassen, die verabscheuungswürdigen Taten einzuordnen. Vor allem Szmuls Schilderungen fand ich sehr bedrückend. Trotz einiger Längen ein recht intensives, gut recherchiertes Buch.

© Rezension: 2015, Marcus Kufner



Aus dem Englischen von Werner Schmitz
1. September 2015, Hardcover, 416 Seiten, ISBN: 9783036957241



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