Rezension: Das zufällige Leben der Azalea Lewis | J. W. Ironmonger

Freitag, 30. Oktober 2015 0 Kommentare


Geschieht alles aus einem bestimmten Grund?

[Klappentext] Geschieht alles aus einem bestimmten Grund? Diese Frage quält Azalea Lewis, deren Leben von unfassbar vielen Zufällen bestimmt scheint. Da sie befürchtet, dass ihr Lebensweg vorgegeben ist und sie ihr Schicksal nicht ändern kann, vertraut sie sich einem Experten für Zufälle an: Dr. Thomas Post. Als dieser beginnt, die Rätsel ihrer Vergangenheit zu entwirren, werden seine Überzeugungen von der Liebe, dem Leben und seine Statistiken völlig auf den Kopf gestellt. [© Text und Bild: script5 Verlag]

-------------------

[mk] Das Buch beginnt sehr packend und emotional: im Jahr 1982 wird auf einem Rummelplatz in Wales ein dreijähriges Mädchen alleine aufgefunden, von den Eltern gibt es keine Spur. Da sie ihren Nachnamen und den Ort, aus dem sie kommt, nicht nennen kann, beginnt eine landesweite polizeiliche Suche nach der Familie. Dieser Start zieht mich gleich in seinen Bann. Und so lernen wir die Hauptdarstellerin Azalea kennen.

[Kolumne] Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen.

Dienstag, 27. Oktober 2015 2 Kommentare

AUFGELESEN #8 

 Liebe Leserin, lieber Leser,

letzten Mittwoch, am 21. Oktober 2015 war es nun endlich so weit. Marty McFly und Doc Emmet Brown trafen mit ihrer Zeitmaschine geradewegs in Hill Valley ein. Für all jene, die nun fragend die Stirn runzeln: Die Rede ist von der Filmtrilogie "Zurück in die Zukunft", in der Dr. Brown, der Prototyp des zerstreuten Wissenschafters, eine Zeitmaschine erfindet und in einen Sportwagen der Marke DeLoran DMC-12 einbaut, um damit das Jahr 1955 zu bereisen. Im zweiten Teil der Geschichte treten er und sein jugendlicher Gefährte, besagter Marty McFly den Weg in die andere Richtung an. Mit dem inzwischen fliegenden Auto erreichen sie jene Zeit, die für uns mittlerweile zur Gegenwart geworden ist.

Eigentlich müßten wir ja die Vergangenheitsform benutzen. Jener Tag, dem unzählige Fans der Filme entgegengefiebert haben, liegt nicht mehr länger in der Zukunft. Der Konjunktiv ist dem Indikativ gewichen, das Wahrscheinliche muß sich dem harten Vergleich mit dem Wahren stellen.





Aus heutiger Sicht wirken die drei Filme zuweilen unfreiwillig komisch, belehrend altbacken und voller logischer Löcher. Unsere Augen sind bereits an die perfekte Täuschung durch computergenierte Spezialeffekte in Kinofilmen gewöhnt, unsere Ansprüche an diese Form der Unterhaltung entsprechend hoch. Vermutlich würden wir uns daher verächtlich abwenden, sähen wir diese Zeitreisegeschichten der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal. Für jene Generation, zu der sich auch der Verfasser dieser Zeilen zugehörig fühlt, gehören sie jedoch zum Kanon der Kindheits- und Jugenderinnerungen. Sie stammen aus einem Jahrzehnt, in dem die Unterhaltungsindustrie noch nicht im heutigen Ausmaß verästelt war, in dem die Verbreitung von entsprechenden Inhalten mangels digitaler Medien noch in einem weitaus geringeren Tempo erfolgte und der Konsens über einen gemeinsamen Lieblingsfilm, einen populären Song länger anhielt.

Finderlohn | Stephen King [Hörbuch]

Donnerstag, 22. Oktober 2015 0 Kommentare


 Stephen King - Finderlohn Eindringlich und voll abgründiger Spannung gelesen von David Nathan.
[Klappentext] John Rothstein hat in den Sechzigern drei berühmte Romane verö entlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen »Verrat«. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern. Bellamy vergräbt vorerst alles - und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der Junge Peter Saubers auf den »Schatz« und unterstützt mit dem Geld bis auf den letzten Cent seine Not leidende Familie. Nach 35 Jahren Haft wird Bellamy entlassen. Er kommt Peter, der nun die Notizbücher zu Geld machen will, auf die Spur und macht Jagd auf ihn. Kann Bill Hodges, den wir als Detective a. D. aus Mr. Mercedes kennen, den Wahnsinnigen stoppen? [Text und Cover: Random House Audio]

-------------------

[wb] Stephen King wird alt.
Jedoch wirkt er - zumindest in seinem Erzählen - höchst agil und alles andere als gebrechlich. Er verliert sich nicht heillos in sich wiederholenden Worthülsen, sondern schöpft aus einem beträchtlichen Erfahrunggsschatz. Er zerfließt nicht in ziellosem Weltschmerz, sondern kanalisiert die Kritik, die er anzubringen hat, in pointierten Seitenhieben.

Frau Endlich geht | Matthias Keidtel

Mittwoch, 21. Oktober 2015 0 Kommentare

Frau Endlich geht - Matthias Keidtel
[Klappentext] Marten Endlich, Autor von Ratgebern über Haustiere, hat ein Problem: Er weiß plötzlich nicht mehr, ob seine Frau Silke ihn noch liebt, obwohl – oder weil? – sie seit gut zwanzig Jahre verheiratet sind. Was tun? Soll er versuchen, seine Frau eifersüchtig zu machen? Soll er eine Überraschungsparty planen und sie auf die Probe stellen? Marten entscheidet sich, aufs Ganze zu gehen. Er lässt sich mit Renate, einer Kollegin, ein, die ihn seit geraumer Zeit anhimmelt, doch dann geht alles auf grandiose Weise schief, denn seine Frau Silke hat ihre eigenen Pläne. [© Text und Bild: Rütten & Loening Verlag]

-----------------

[mk] Eine Kollegin hat einmal, nachdem ihr letztes Kind ausgezogen ist, die Frage gestellt: „Und was mache ich jetzt mit dem Kerl, der da bei mir noch wohnt?" Das ist auch das Hauptproblem des Ehepaars Endlich (welch raffiniertes Wortspiel im Titel!). Nachdem Sohn und Tochter den Haushalt verlassen haben, ist auch der zentrale Fokus der Eltern weg. Eins ist beiden grundsätzlich klar: sie wollen ihre Beziehung nicht aufgeben. Deshalb versucht Marten auf die Wünsche seiner Gattin einzugehen und ihr das zu bieten, was Frauen seiner Ansicht nach erwarten. Die wundert sich eher über seine seltsamen Eskapaden und reagiert dann auch nicht ganz so, wie er es erwartet.
 

Die steinerne Schlange | Iny Lorentz

Dienstag, 20. Oktober 2015 0 Kommentare

Das neue Epos von Iny Lorentz

[Klappentext] Germanien im Jahre 213 nach Chr. Die junge Gerhild, Tochter eines Stammesfürsten, ist eine mutige und standesbewusste Frau. Als der römische Statthalter Quintus ihren Stamm aufsucht und sie zur Geliebten fordert, sind ihre beiden Brüder zu ihrem Entsetzen damit einverstanden. Sie will sich jedoch nicht in ein Schicksal fügen, das gleichbedeutend mit Sklaverei ist, und verlangt, dass der Römer um sie kämpfen soll. Da sie ahnt, dass ihre Brüder den Römer gewinnen lassen wollen, tritt sie selbst gegen ihn an. Was niemand für möglich gehalten hätte, geschieht: Die junge Frau siegt und blamiert Quintus damit vor ihrem Stamm und seinen eigenen Leuten. Der Römer will seine Niederlage nicht hinnehmen und sinnt auf Rache. Für Gerhild beginnt damit ein verzweifelter Kampf ums Überleben … [© Text und Bild: Knaur Verlag]

-------------------

[mk] Gerhild ist überhaupt nicht begeistert, dass sie ihre Freiheit und die ihres Stammes aufgeben soll, um unter der Herrschaft der Römer zu leben. Ihre Brüder sind der Meinung, dass ihr Volk von den Errungenschaften der Zivilisation und sie persönlich als Geliebte eines der Vertrauten des Kaisers profitieren würden. Sie will jedoch die Traditionen ihrer Vorfahren bewahren und ihre Freiheit nicht aufgeben.

Rezension: Auf und davon | David Arnold

Montag, 19. Oktober 2015 3 Kommentare

 Cover - Auf und davon - Davis Arnold
[Klappentext] Wer würde nicht gerne einfach mal verschwinden? In den nächsten Bus springen und alles hinter sich lassen? Genau das macht die sechzehnjährige Mim Malone. Es reicht ihr, immer das zu tun, was ihr Vater und seine neue Frau für richtig halten. Sie will wissen, weshalb ihre Mom aus ihrem Leben verschwunden ist. Und ihre Gedanken sollen endlich aufhören, in ihrem Kopf Karussell zu fahren. Also steigt sie einfach in den Greyhound-Bus und haut ab, zu ihrer Mom. Während draußen die Landschaft vorbeifliegt, macht Mim einige unvergessliche Bekanntschaften – die wunderbare Arlene, den unheimlichen Ponchomann und den äußerst attraktiven Beck, an den sie ihr Herz zu verlieren droht ... Doch dann verändert ein tragischer Unfall von einem auf den anderen Augenblick alles. Und Mim muss sich den wirklich entscheidenden Fragen in ihrem Leben stellen. [Text und Cover: Heyne fliegt]



»Ich bin eine Sammlung von Merkwürdigkeiten, ein Zirkus von Neuronen und Elektronen. Mein Herz ist der Direktor, meine Seele die Trapezkünstlerin, und die Welt ist mein Publikum. Das klingt seltsam, weil es das ist, weil ich seltsam bin« Seite 47

[Kolumne] Nicht immer der Gärtner ...

Dienstag, 13. Oktober 2015 4 Kommentare


AUFGELESEN #7

Liebe Leserin, lieber Leser,
kennst Du das Gefühl, einem Autor eine Nasenlänge voraus zu sein, diese diebische Freude, die einen befällt, wenn man sich nicht hinter's Licht führen läßt?

Ein Mal.
Ein einziges Mal.
Nur ein einziges Mal ist es dem Verfasser dieser Zeilen gelungen, jener Dame auf die Schliche zu kommen, die im Zentrum dieser Ausgabe von "Aufgelesen" steht.

Sie wurde am 15. September 1890 in Torquay in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands geboren, womit sich ihr Geburtstag heuer zum 125. Mal (www.agathachristie125.de) gejährt hat. Sie wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen in einer herrschaftlichen Villa auf und wurde bis zum 16. Lebensjahr außerschulisch unterrichtet.

Ihr erster Roman, "Das fehlende Glied der Kette", erschien 1920, der ihr zu frühem Ruhm verhalf. Familiäre Schicksalsschläge und eine gescheiterte Ehe bildeten ein Zäsur in ihrem Leben, im Jahr 1926 war sie eine Zeitlang wie vom Erdboden verschluckt und konnte erst nach mehrtägiger Suchaktion in einem Hotel gefunden werden. Diese kurze Lücke in ihrer Biographie verleiht seitdem auch ihrer Person den Nimbus des Rätselhaften. Zahlreiche Reisen führten die Dame im weiteren Verlauf in den Nahen Osten, Afrika und die Karibik, im Zuge derer sie ihren zukünftigen zweiten Gatten, den Archäologen Max Mallowan kennenlernte. Die mannigfaltigen Eindrücke führten zu einer ebensolchen Vielfalt in ihrem Werk, die teils exotischen Schauplätze wurden in ihre Kriminalgeschichten, Liebesromane und sogar Bühnenstücke kreativ eingewoben. Am 12. Jänner 1976 verstarb die renommierte Autorin an einem Schlaganfall in der Grafschaft Oxfordshire, ein Jahr darauf erschien posthum ihre Autobiographie unter dem Titel "Meine gute alte Zeit".


Bestimmt hast Du bereits erraten, um wen es sich hier handelt, der Taufname der gesuchten Autorin lautet Agatha Mary Clarissa Miller, nach ihrer Eheschließung mit dem Luftwaffeoffizier Archibald Christie nahm sie jenen Namen an, der auf ihren Romanen zu finden ist. Sie gilt als Mutter der Whodunit-Geschichten, also jener Rätselkrimis, in denen zu Beginn jener Mord steht, der als Handlung aufgeklärt werden muß. Der Name "Whodunit" leitet sich übrigens aus der englischen Frage "Wo done it?", also "Wer hat's getan?" ab.

Rezension: Die Tochter des Malers | Gloria Goldreich

0 Kommentare


 Die Tochter des Malers
[Klappentext] Ein Roman wie ein Gemälde von Marc Chagall: voller Poesie, Träume und Liebe
Paris, 1935: Ida ist die behütete Tochter des Ausnahmekünstlers Marc Chagall und eines seiner Lieblingsmotive. Als sie sich in den Studenten Michel verliebt, steht die innige Beziehung zu ihrem Vater auf dem Spiel. Dann wird Frankreich von den Deutschen besetzt, und ihrer Familie droht tödliche Gefahr, was Chagall jedoch in blinder Hingabe an seine Kunst verleugnet. Schon bald muss Ida sich entscheiden – zwischen ihrem eigenen Lebensweg und der Rettung ihres Vaters.
Bewegend, mitreißend, voller Tragik – und eine wahre Geschichte. [© Text & Cover: Aufbau Verlag]

---------------------

[sh] "Was für ein schönes Cover", denke ich als ich das Buch in den Händen halte und das blaue Kleid der jungen Frau, die die Stufen entlang geht, hat diesen Hauch Türkis, das an das Mittelmeer, Sonne, himmelblauer Himmel erinnert. Das Buch beginnt mit einem Alptraum, den Ida, die Protagonisten durchlebt. Immer wieder leidet sie darunter und kann diesen nicht entfliehen. Ein Nebenstrang ist die Verbindung zwischen Ida und ihrem Vater, den berühmten Maler Marc Chagall. Keine leichte Verbindung, da Vater und Tochter zwar eine gewisse Abhängigkeit voneinander haben, aber definitiv die Wärme fehlt.In dem Roman von Gloria Goldreich geht es zentral um die Verfolgung der Juden und ihre Flucht vor den immer stärker wachsenden Hass. Ida lernt als Studentin Michel kennen. Ungewollt wird sie schwanger. Dieses Geschehen zerbricht fast die Familie. Ida treibt das Kind ab. Zusätzlich wird sie dann gezwungen zu heiraten. Sie arrangiert sich damit und es ist erstaunlich wie viel sie dann gerade für ihren Vater tut.

Doch die Nazis nähern sich und die immer größer werdend Gefahr ist spürbar. Ida bemüht sich die Eltern fortschicken zu können. Marc Chagall wirkt exzentrisch, anstrengend und entwickelt im Laufe des Romans einen Wahn mit seiner Frau Bella, die erst gegen Ende wieder klare Gedanken fasst. Marc Chagall gefährdet die Familie, da er nicht mehr klar, sondern an die wertvollen Bilder und an sich denkt.  Dies sind Charakterzüge, die mich als Leserin fast wütend machen. 


Es ist nicht einfach die internen Problematiken der Familie zu lesen und erst recht nicht die schwierigen Charakterzüge Chagalls. Aber ich genieße es an einigen Abenden das Buch zu lesen. War Marc Chagall wirklich so unsympathisch? Ein Frage, die mich beim Lesen begleitet, aber es wird keine wirkliche Antwort dazu geben. Denn Chagall ist zum Protagonisten in diesem Roman geworden, den ich nicht mag. Man möchte ihm Ecken und Kanten lassen, aber dennoch mehr Besonnenheit schenken. Es sind aber gerade auch die vielen Gegensätze, wie Herzlichkeit und Kälte, Familienzusammenhalt und Krieg, der alles und viele auseinander riss, die einen hohen, lesenswerten Spannungsbogen geben.

Das Buch ist ein historischer und biographischer Roman. Es ist interessant über den Maler Chagall und seine Familie viel zu erfahren und animiert zu werden sich mit dieser Geschichte auch außerhalb des Buches näher zu beschäftigen. Angst, Flucht und Hass anderer Menschen sind der Leitfaden des Buches. Damals wie heute ein zentrales Thema, das leider nie an Kraft verliert.  Mich hat das Buch beeindruckt. Einziges kleines Minus sind die vielen Wiederholungen in dem Buch, die sicher dazu dienen sollten bestimmte Gedanken, Fakten nicht zu vergessen, aber völlig unnötig sind.

Persönliches Fazit:  

Ein sehr lesenswerter historischer, biographischer Roman über den Maler Marc Chagall und seine Familie. Tiefe Einblicke in die Geschichte und die Verfolgung der Juden, die unermesslich grausam war. Gloria Goldreich hat Seiten voller Wissen, Spannung, aber auch mit einer poetischen und bildhaften Sprache verfasst, die sich niemand entgehen lassen sollte. 

© Rezension 2015, Sanni Höhne



21. September 2015 / Print, e-Book / 592 Seiten, ISBN: 978-3746631820

Die Wahrheit | Marie Wolf

Montag, 12. Oktober 2015 0 Kommentare

Die Wahrheit ist die Wahrheit ist die Wahrheit. Aber ist sie wahr?

[Klappentext] Die Wahrheit ist die Wahrheit ist die Wahrheit. Aber ist sie wahr? In diesem Buch wird man Zeuge einer Täuschung. Dieselbe Geschichte in einem Buch, das zwei Bücher ist. Dieselbe Geschichte, aber mit anderen Bildern. Die Bilder im linken Teil von „Die Wahrheit" deutet man als Märchen um den kleinen Edward, der gegen den bösen Sheriff kämpft. David gegen Goliath. Gut gegen Böse. – Die Bilder im rechten Teil zeigen eine andere Wahrheit: Aus dem netten Knaben ist ein unheimlicher Rowdy geworden, der den Sheriff bestiehlt und ein düsteres Unglück über das Dorf bringt. Doch wie kann das sein? Schließlich ist die Geschichte in beiden Teilen Wort für Wort gleich. Marie Wolf spielt gekonnt mit unseren Seh- und Lesegewohnheiten und verschafft uns so ein Erlebnis, das weder allein mit Worten noch mit Bildern funktioniert, sondern nur in ihrer magischen Verknüpfung. So zeigt sie, wie Bilder manipulieren können. Wie leicht es ist, durch Charakterzeichnung, Perspektive, Blickführung und Farbe, unsere Deutung zu beeinflussen. So spannend wie das Spiel mit der Wahrheit ist ihre Materialauswahl. Marie Wolf hat die Köpfe der Figuren auf altem Papier ihrer Großeltern, vom Flohmarkt und aus DDR-Büchern gezeichnet und nachkoloriert. Entstanden ist ein Buchobjekt, das stets aufs Neue eine Faszination entfaltet, denn der Täuschung wohnt ein Zauber inne. Das ist die Wahrheit. [© Text und Bild: Büchergilde Verlag]

Lesetipps zum Sonntag #19

Sonntag, 11. Oktober 2015 0 Kommentare



Immer Sonntags möchten wir euch Bücher vorstellen bzw. empfehlen, die wir wirklich sehr gerne gelesen haben. Kurz und knapp erfahrt ihr hier zu einer kleinen Auswahl an Büchern, eBooks oder Hörbüchern unseren Eindruck bzw. unser Fazit. Das können Neuheiten auf dem Buchmarkt sein aber auch immer wieder Bücher, die schon etwas älter sind, uns aber sehr begeistern konnten.

Liebe zum Nachtisch | Victoria Seifried

Samstag, 10. Oktober 2015 0 Kommentare


Eine junge Frau und eine liebenswerte Schildkröte begeben sich in New York auf die Suche nach dem Traummann – turbulent, chaotisch, amüsant!

 Liebe zum Nachtisch - Victoria Seifried[Klappentext] Helena kann es nur hoffen, denn die Beziehung mit ihrem langjährigen Freund Rainer ist in etwa so spannend wie Staubsaugerbeutel zu kaufen. Auch ihr Lebensberater, ihre Schildkröte Pirmin, kann sie nicht dazu bewegen, sich von Rainer zu trennen und ihr Leben in Schwung zu bringen. Doch das ändert sich schlagartig, als sie ihrem Traummann Jeffrey begegnet. Die beiden verbringen eine aufregende Nacht, und Helena ist im siebten Himmel. Doch am nächsten Morgen muss Jeff nach New York fliegen. Für Nesthocker Helena eine unvorstellbare Reise, aber Jeff niemals wieder sehen? No way! Sie packt ihre Koffer und reist ihm nach. Aber wie soll sie ihn nur anhand seines Vornamens aufspüren? [© Text- & Bildmaterial: Heyne Verlag]
------------------
[sk] Wem läuft bei diesem Cover nicht das Wasser im Mund zusammen? Ich jedenfalls habe sofort Appetit auf ein Stück Erdbeer-Kuchen bekommen – aber nicht nur das: Auch der Klappentext hat mir das Buch schmackhaft gemacht…

Über den Winter | Rolf Lappert

0 Kommentare


[Klappentext] Lennard Salm ist fünfzig und als Künstler weltweit durchaus erfolgreich. Als seine älteste Schwester stirbt, kehrt er zurück nach Hamburg und in die Familie, der er immer entkommen wollte. So schnell wie möglich will er wieder zurück in sein eigenes Leben. Aber was ist das, das eigene Leben? Salms jüngere Schwester Bille verliert ihren Job, sein Vater nähert sich immer schneller der Hilflosigkeit. Einen funkelnden Winter lang entdeckt Salm, dass niemand jemals alleine ist. Er lernt seine Eltern und Geschwister neu kennen. Rolf Lappert erzählt vom Wunder der kleinen Dinge und von dem, was heute Familie bedeutet. Jedes Detail leuchtet in diesem zarten, großen Familienroman.
[Text und Bild: Hanser Literaturverlag]

--------------------

[sg] Das Cover lässt mich am Anfang verwundert zurück "Über den Winter" saust es durch meine Gedanken. Ich sehe Feuer und Wärme. Aber vielleicht hat der Inhalt genau diese Hitze.
Schon beim ersten Eintauchen in das Buch begegnet mir ein absoluter Wortschwall. Gerade am Anfang werde ich unsicher, ob mir dies gefällt. Dabei liebe ich viele Worte und genaue Beschreibungen wo alles klar, deutlicher wird oder auch einmal gewollt verschwimmt.

Rezension: Der Wörterschmuggler | Natalio Grueso

Freitag, 9. Oktober 2015 0 Kommentare


[Klappentext] Bruno Labastide ist ein Abenteurer, ein sympathischer Schuft und ein Sammler kurioser Geschichten: Als er in Venedig eine geheimnisvolle Japanerin kennenlernt, die ihre Liebhaber stets nur für eine Nacht und gegen schöne Verse empfängt, versucht er, sie mit seinen Geschichten zu betören: zum Beispiel mit der von dem Jugendlichen, der Wörter schmuggelt, oder mit der von der Frau, die in Paris von einem unsichtbaren Verehrer verfolgt wird. Magisch-zauberhafte Begebenheiten, die in Buenos Aires, Paris oder Shanghai spielen und am Ende wieder nach Venedig führen. [Text & Coverabbildung: © Atlantik Verlag]


-------------------

Natalio Grueso ist Regisseur am Teatro Español und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid. Der Wörterschmuggler ist Gruesos Debütroman. Der Wörterschmuggler ist keine fortlaufende Geschichte, sondern setzt sich aus vielen eigenständigen kurzen Geschichten bzw Episoden zusammen. Jede ist ein Teil für sich, ein Puzzleteil aus dem Leben des Bruno Labastide. Labastide lebt in Venedig, ist aber - getreu seinen Geschichten - ein wahrer Abenteurer, der die Welt bereist hat und dabei so einiges erlebt, gehört und gesehen hat. Er schreibt seine Geschichten nieder, um eine geheimnisvolle Japanerin zu betören, um Zugang zu ihr zu bekommen. Denn Keiko gewährt demjenigen, der ihr die schönsten Verse bzw Geschichten sendet, eine Nacht. Und genau nur eine Nacht. Und Bruno schreibt und hofft...

Keiko ist ein wahrlich geheimnisumwobenes Phänomen der Geschichte, wir lernen sie nicht ausführlicher kennen. Sie taucht auf und verschwindet, es ist fast, als müssten wir auch um sie werben, damit sie wieder erscheint. Zu gerne möchte man wissen, ob sie seine Briefe liest, ob sie ihm wohl die Türe öffnen wird, ihn zu sich bitten wird.
Doch Grueso lässt uns warten. Man mag immer weiter lesen, man könnte es fast schon als eine Art Spannung bezeichnen, die sich hier aufbaut.

Jede einzelne, teilweise schon fast magisch erscheinende Geschichte des Bruno Labastide ist ein Lesegenuss für sich. Es bleibt uns selbst überlassen wieviel davon wir als wahr erachten und wieviel für erfunden halten. Doch jedes Erlebnis ist für sich atmosphärisch und faszinierend und hinterlässt Spuren. Alles ist nur lose miteinander verwoben und doch fügt sich zum Ende hin alles zu einem großen Ganzen zusammen. Die Reise beginnt und endet in Venedig und wenn man zusammen mit Labastide wieder zurück gelangt, wird man um einige Lebenserfahrungen reicher sein. Wird es Keiko auch sein?

Persönliches Fazit: 

Der Wörterschmuggler ist ein sehr stimmungsvoller, poetisch angehauchter Roman über das Leben und das magisch anmutende Spiel der Liebe. Gruesos Debüt erscheint mal melancholisch, mal scharfsinnig, Lebensweisheiten vermittelnd und nimmt einen mit auf eine bewegende Reise durch verschiedene Länder um zum Ende hin wieder in Venedig, der Stadt der Liebenden, zu landen. Eine wahre Lesefreude!

© Rezension: 2015, Alexandra Zylenas



2015, gebunden 256 Seiten, ISBN: 978-3455600193

[alexandra]

Der Fisch in der Streichholzschachtel | Martin Amanshauser

0 Kommentare


 Der Fisch in der Streichholzschachtel
[Klappentext] Auf der Karibik-Kreuzfahrt, die Fred mit seiner Frau Tamara und dem pubertären Nachwuchs unternimmt, herrscht gähnende Langeweile. Als der Familienvater an Bord ausgerechnet auf seine Exfreundin Amélie trifft und das Schiff auch noch in einen Orkan gerät, ist es mit der Seelenruhe schlagartig vorbei. Der Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen, als eine Horde eigenwilliger Piraten aus der Vergangenheit das Schiff kapert. Diese haben es auf Pfefferstreuer und Toilettenpapier abgesehen und reagieren panisch auf die technischen Errungenschaften aus dem 21. Jahrhundert. Was zur Hölle geht hier vor? Eine hinreißende Satire, eine Liebesgeschichte mit Humor aus einer Welt voller Wunder. [© Text und Bild: Deuticke Verlag]

[trennlinie]

[mk] Die Geschichte wird in der Ich-Form aus der Sicht von zwei Protagonisten erzählt, wobei sie sich meistens kapitelweise abwechseln. Der eine ist Fred, der seiner Frau zuliebe zur Kreuzfahrt zugestimmt hat. Seine Ehe ist allerdings nicht mehr ganz taufrisch, für seine Kinder schämt er sich und seine kleine Firma für Alarmanlagen steht auf der Kippe. Als er auf dem Schiff nach 15 Jahren seine alte Flamme wiedersieht, will er sie unbedingt wiedererobern.
Der andere ist Salvino, Geograph auf dem Piratenschiff „Fín del Mundo". Er ist mit seiner Truppe im Jahr 1730 unterwegs auf Beutezug, wobei die Piraterie ihre beste Zeit bereits hinter sich hat. Mangels Erfolg ist die Stimmung an Bord auch ziemlich schlecht.

Martin Amanshauser charakterisiert seine Darsteller ausführlich. Das kommt mir zwar anfangs etwas langatmig vor, je besser ich sie aber kennen lerne, desto mehr werde ich von ihnen eingenommen. Durch den nüchternen, ironischen Schreibstil finde ich aber auch diese Passagen amüsant. Bemerkenswert ist auch die Sprache, der sich Salvino bedient. Da er ja aus dem 18. Jahrhundert stammt, ist seine Ausdrucksweise entsprechend leicht antiquiert. Das bringt mich immer wieder zum Schmunzeln.

Klar, dass es darauf hinausläuft, dass die beiden Schiffe sich begegnen. Wie gehen die Menschen miteinander um, die zeitlich 285 Jahre trennen? Wie erklären sie sich die jeweils andere Welt? Können die Piraten überhaupt etwas mit den modernen Menschen und der Technik anfangen? Auf diese und weitere Fragen gibt das Buch sehr humorvoll einfallsreiche Antworten. Die distanzierte Sicht der Piraten reflektiert schonungslos die moderne Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen, der maßlosen Technologisierung und die politischen und religiösen Entwicklungen.

Persönliches Fazit

Sehr detailliert und mit viel Humor lässt Martin Amanshauser zwei Welten aufeinander prallen. Die kuriose Geschichte voller Ironie hat mich sehr gut unterhalten. Im Laufe des Buchs sind mir Fred und seine Familie mit ihren Ecken und Kanten sehr sympathisch geworden, von denen würde ich gern noch mehr lesen!

© Rezension: 2015, Marcus Kufner



27. Juli 2015, Gebunden, 576 Seiten, ISBN: 9783552063020

[marcus]

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre | Clemens J. Setz

Donnerstag, 8. Oktober 2015 0 Kommentare



[Klappentext] Was geschah in der Stunde zwischen Frau und Gitarre? In einem Wohnheim für behinderte Menschen wird die junge Natalie Reinegger Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm. Der Mann sitzt im Rollstuhl, ist von unberechenbarem Temperament und gilt als "schwierig". Dennoch erhält er jede Woche Besuch - ausgerechnet von Christopher Hollberg, jenem Mann, dessen Leben er vor Jahren zerstört haben soll, als er ihn als Stalker verfolgte und damit Hollbergs Frau in den Selbstmord trieb. Das Arrangement funktioniere zu beiderseitigem Vorteil, versichert man Natalie, die beiden seien einander sehr zugetan. Aber bald verstört die junge Frau die unverhohlene Abneigung, mit der Hollberg seinem vermeintlichen Freund begegnet. Sie versucht, hinter das Geheimnis des undurchschaubaren Besuchers zu kommen und die Motive seines Handelns zu verstehen. [Text & Cover: Suhrkamp Verlag]







[sg] Das Buchcover ist einladend und das Buch schwer in der Hand. Kein Buch für die Handtasche.
Clemens J. Setz schreibt stets tief gehend, so gedankenvoll, dass man oft anhalten muss. Nun konnte ich ihn in Zusammenhang mit dem Buchpreis lesen. Er ist in der Longlist. Schon am Anfang wurde ich durch einen Strudel hineingezogen. Nur das der Strudel nicht durch Wasser und einen Sog verursacht wurde, sondern durch die Sprachkraft von Clemens J. Setz. So einer Kraft kann ich mich nicht entziehen. Auch dem Inhalt nicht.

Krautkopf - vegetarisch kochen und genießen | Susann Probst & Yannik Schon

Mittwoch, 7. Oktober 2015 3 Kommentare


 Kochbuch - Krautkopf - Hölker Verlag
[Klappentext] Saisonale und ursprüngliche Produkte, Einflüsse aus aller Welt, oft vegan, nicht selten glutenfrei, gesund, ausgewogen und vollwertig – die einzigartige Küche von Krautkopf lässt sich nicht mit einem Wort erklären, denn sie ist vor allem eines: erfrischend anders. Mit ihrer einzigartigen Handschrift kreieren Yannic Schon und Susann Probst abwechslungsreiche Rezepte. Den preisgekrönten Blog der beiden legten schon die Brigitte und das ZEITMagazin ihren Lesern ans Herz. Nicht zuletzt aufgrund der poetischen Fotos und ihrer zeitlosen Ästhetik.
[Text & Coverabbildung: © Hölker Verlag]

--------------------

[az] Susann Probst und Yannik Schon sind ein Paar, leben und arbeiten gemeinsam in Berlin und bloggen seit Mitte 2013 mit viel Leidenschaft und Engagement auf ihrem Foodblog www.kraut-kopf.de. Beide ernähren sich seit Jahren vegetarisch und lieben es, in der Küche zu tüfteln, zu experimentieren und so immer wieder ganz neue Gerichte auf den Tisch zu bringen. Ausgewogen und abwechslungsreich soll es sein und vor allem frisches Obst und Gemüse, eigen gezogene Kräuter und natürlich Gewürze haben einen hohen Stellenwert.

Ein Sommer in Wales | Constanze Wilken

0 Kommentare

 Ein Sommer in Wales - Constanze Wilken Ein hochemotionaler, geheimnisvoller Roman über eine junge Frau, die sich ihrer Vergangenheit und damit auch ihren Schuldgefühlen stellt und so frei wird für die ganz große Liebe und das ganz große Glück ihres Lebens.

[Klappentext] Die sechzehnjährige Ally Carter verbringt die Sommerferien mit ihren Eltern und ihrem zehnjährigen Bruder Simon im walisischen Küstenort Cardigan Bay. Als sie sich eines Tages heimlich mit dem Studenten David verabredet, anstatt sich um ihren Bruder zu kümmern, macht sich Simon auf, um das geheimnisvolle Morlan House zu erkunden. Doch Simon kehrt nie zurück; am Abend wird seine Leiche in der Bucht gefunden. Zehn Jahre später: Als Ally den Auftrag erhält, einen Reisebericht über Cardigan Bay und Morlan House zu schreiben, muss sie sich ihren Schuldgefühlen und Ängsten stellen. Doch bei ihren Recherchen macht sie eine schreckliche Entdeckung ... [© Text- & Bild: Goldmann Verlag

--------------------

[sk] Nachdem mich bereits der vorige Wales Roman von Constanze Wilken „Der Duft der Wildrose" total mitreißen konnte, war es für mich klar, dass ich auch den nächsten Roman hinter walisischer Kulisse lesen musste.

Bodentiefe Fenster | Anke Stelling

Dienstag, 6. Oktober 2015 2 Kommentare


 Cover - Bodentiefe Fenster- Anke StellingAuf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015!

[Klappentext] Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern – das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein –, und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen. Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privi legien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig. Am Ende von Anke Stellings Roman, der in schöner Sprache Bitterböses erzählt, geht es ins Müttergenesungswerk: 'Damit Mama wieder lacht.' Bodentiefe Fenster – bodenlose Gegenwart. [© Cover und Text: Verbrecher Verlag]

---------------------

[sg] Muss ich lesen, was tief ist und schon am Anfang hineinzieht, wie ein offenes Fenster? Ein offenes, tiefes Fenster, das wenigstens einen neugierigen Blick mit sich zieht? Ja ich muss. Denn Tiefe ist das, was mich erfüllt. Hinter Gardinen, offenen Fenstern stecken Geheimnisse. So auch in diesem Buch? Vielleicht.

Rezension: Watch Me. Ich werde es wieder tun | James Carol

Montag, 5. Oktober 2015 0 Kommentare

 Cover-Watch me-James Carol
Er zieht rastlos um die Welt, immer auf der Jagd nach perfiden Serientätern, die er zur Strecke bringen muss: der Profiler Jefferson Winter. Exzentrisch, hochintelligent - und gnadenlos von seinen eigenen Dämonen verfolgt.
Eine Kleinstadt in Louisiana: Ohne erkennbares Motiv wird ein Anwalt bei lebendigem Leib verbrannt. Weder ist der Tatort bekannt noch hat man die Leiche gefunden. Doch ein Video der Tat wird ins Netz gestellt, mit einem automatisierten Countdown. Eins ist klar: Es wird weitere Opfer geben. Und Jefferson Winter bleiben gerade mal 13 Stunden Zeit bis zur tödlichen Deadline. [Text und Cover: dtv Verlag]

[SPOILERWARNUNG] Im folgenden Text wird sowohl auf den ersten Band von James Carol, "Broken Dolls" als auch auf "Watch Me" inhaltlich Bezug genommen. Die Kenntnis der beiden Romane ist also für die Lektüre dieser Rezension zu empfehlen.

[trennlinie]

[wb] "Du bist wie ich" Dies waren die letzten Worte, die Jefferson Winter von seinem Vater hörte, bevor dieser als verurteilter Serienmörder hingerichtet wurde. An diesem schweren genetischen Erbe hat er nun sein Leben lang zu schleppen und ist wild entschlossen, die damit verbundene Schuld adäquat abzutragen: Seine außergewöhnlich hohe Intelligenz gepaart mit Verbitterung und Zynismus setzt er ein, um Gewaltverbrecher zur Strecke zu bringen. Welchen Anteil an seiner Motivation dabei ehrliches Gerechtigkeitsempfinden und welchen der verzweifelte Wunsch, die These seines Vaters zu widerlegen, einnimmt, wird vom Autor bewußt offen gelassen. Diese Interpretation wird dem Leser überlassen, der seine Schlüsse aus den Handlungen und Entscheidungen Winters zieht, die Figur immer wieder neu bewertet. Tatsächlich gelingt es dem Autor, im Spannungsfeld einerseits des Grundbedürfnisses, dem Vater nachzueifern und andererseits eben diesen Weg zu vermeiden, einen faszinierend kontroversiellen Charakter zu erschaffen, der in der Menge aktueller Ermittlerpersönlichkeiten im Thriller-Genre erfrischend individuell wirkt.

Leser des ersten Teils, "Broken Dolls", werden sich natürlich an die Eigenheiten des traumatisierten Ex-FBI-Agenten erinnern. Im vollen Bewußtsein, mit größeren intellektuellen Kapazitäten als die Mehrheit seiner Zeitgenossen gesegnet zu sein, gibt er sich diesen gegenüber bekannt rechthaberisch und verbringt viel Zeit damit, deren Wissenslücken dozierend aufzufüllen. Zu diesen Attributen, die ihn als Sympathieträger nicht sonderlich prädestinieren, läßt ihn sein  messerscharfer Verstand in jeder Situation einen oft zu kühlen Kopf bewahren. In einer menschlich berührenden Situation erlaubt er sich keinen Moment der Schwäche und reagiert mit distanzierter Logik, was ihn eher als Maschine, denn als Mensch erscheinen läßt. Diese mechanische Präzision und die offen zur Schau gestellte Überlegenheit sind es auch, die beim Leser ambivalente Gefühle hervorrufen: Einerseits wirken die oft nicht notwendigen Ausführungen zu beliebigen Themen Leser anstrengend und enervierend, andererseits bereitet es ein beinahe unanständiges Vergnügen, an der Verbrecherjagd auf der Schulter des Riesen teilzunehmen. Je grausamer die Tat, desto unerbittlicher ist Winter auf seiner Jagd.

Seinem Ruf als ausgesprochener Genußmensch, den er sich ebenfalls bereits im Vorgängerband erworben hat, wird Winter mit kleinen Variationen auch diesmal wieder gerecht. Nach wie vor raucht er teure Zigarren und genießt erlesene Kaffeesorten, über deren Herkunft er natürlich lange referiert. Außerdem nutzt er jede Gelegenheit, sich seinem Lieblingskomponisten Wolfgang Amadeus Mozart hinzugeben. Vom Klarinettenkonzert, über die Prager und die Jupiter-Symphonie reicht das Repertoire bis hin zur "Hochzeit des Figaro". (Eine entsprechende musikalische Begleitung wäre dem Lesegenuß gewiß zuträglich.) Für Winter stellt diese Musik einen temporären Rückzug aus dem Wahnsinn der Welt dar, in seinen Worten: "Wenn Sie sich gefühlsmäßig darauf einlassen, macht Sie das kaputt."

Auch die Handlung wird notwendigerweise an jener in "Broken Dolls" gemessen, wo Jefferson Winter einen Übeltäter zur Strecke bringen mußte, der seine weiblichen Opfer eine Lobotomie, der Zerstörung des Seelenlebens durch einen chirurgischen Eingriff am Gehirn, unterzog. Die endlos langen Momente physischer und psychischer Folter, die verzweifelte Hoffnung und die abgrundtiefe Enttäuschung der Opfer verliehen dem Roman ein Ausmaß an Spannung, das nun als Meßlatte für "Watch Me" dienen muß. Tatsächlich kann der aktuelle Band diese emotionale Intensität nur sehr schwer erreichen. Ein grausames Verbrechen - ein Mann wird bei lebendigem Leib verbrannt - bildet die Ausgangssituation, und ein Countdown bis zum nächsten Mord sorgt für Zeitdruck. Jedoch wirkt die spektakulär inszenierte Hinrichtung im Vergleich abstrakt, und auch Winter findet sich logisch-kühl damit ab, daß ein mögliches zweites Opfer nicht zu retten sein wird, was auch die Dringlichkeit der Suche relativiert. Letztendlich erweist sich die Deadline als ein Bluff, der angekündigte zweite Mord findet nicht statt. Der Rest des Romans gestaltet sich als entspannte Detektivarbeit durch logische Schlussfolgerungen, eine Vorgehensweise, wie sie aus den Klassikern von Agatha Christie oder Sir Arthur C. Doyle bekannt ist. Winters Anekdoten und Exkurse etwa über Inneneinrichtung oder die Imbißauswahl von Kleinstadtcops verwässern die Geschichte an dieser Stelle eher, als daß sie für Fortschritt sorgen.

Ein zentrales Element in "Broken Dolls" stellte Winters fatale Fehleinschätzung der Situation dar, eine mögliche verhaltene Schadenfreude des Lesers, das Genie beim Scheitern zu beobachten, wurde also bereits ausgenutzt. Daß eine derartige Wendung kaum noch zu überbieten war, dürfte dem Autor klar gewesen sein, somit nutzt er in "Watch Me" eine wesentlich harmlosere, charmantere Art, eine intellektuelle Achillesferse zu suchen. In Hannah, der Freundin seines Partners Taylor scheint er nämlich eine Gesprächspartnerin gefunden zu haben, die ihm in puncto Beobachtungsgabe und logischem Denkvermögen nur wenig nachsteht. Zudem erlaubt es ihre Position außerhalb der polizeilichen Hierarchie, ihn respektlos auf etwaige Unzulänglichkeiten in seinen Folgerungen hinzuweisen und ihm deutlich seinen Mangel an Empathie vorzuwerfen. Als ein Running Gag durchzieht weiters die verzweifelte Suche Winters nach dem Vornamen seines Partners den Roman. Der Autor weicht somit geschickt etwaigen überhöhten Erwartungen seiner Leser nach dem ersten Teil aus und ersetzt die Brisanz der Handlung durch Humor.

Persönliches Fazit

In bekannter Manier arrogant, besserwisserisch und hedonistisch ermittelt Jefferson Winter in seinem zweiten Fall, der wohl eher unfreiwillig zu einer modernen Hommage an Hercule Poirot gerät.

© Rezension, 2015 Wolfgang Brandner



Deutsch von Wolfram Ströle
2015, 384 Seiten, ISBN 978-3-423-21595-4

[wolfgang]

Unsere Lesetipps zum Sonntag #18

Sonntag, 4. Oktober 2015 0 Kommentare

Immer Sonntags möchten wir euch Bücher vorstellen bzw. empfehlen, die wir wirklich sehr gerne gelesen haben. Kurz und knapp erfahrt ihr hier zu einer kleinen Auswahl an Büchern, eBooks oder Hörbüchern unseren Eindruck bzw. unser Fazit. Das können Neuheiten auf dem Buchmarkt sein aber auch immer wieder Bücher, die schon etwas älter sind, uns aber sehr begeistern konnten.

DenDennis` total verrückte Häkelparty | Häkeln und feiern mit frechen Amigurumis

0 Kommentare

[Buchbeschreibung] Nach DenDennis total verrückte Freunde  nun seine tolle Combo aus Schweinchen, Äffle und Esel zum Weiterfeiern und Weiterhäkeln. Star-Amigurist Dennis feiert mit allem drum und dran: Geschenken, Kostümen, allerlei Hütchen und Perücken - in gewohnt witzigem Design und mit frechen Storys.
Schritt-für-Schritt zur Kostümparty, zu Geschenken und Raum-Deko für jeden der frechen Amigurumi-Partygäste. Häkeltiere kommen hier mit Witz groß raus, ob zum Verschenken oder zum Behalten und Sammeln. Die Häkelminis werden anschaulich und mit vielen Fotos und Grundanleitung erklärt. So ist hier für jeden der passende Kostüm-Charakter dabei.© Text- & Bildmaterial: Frechverlag, Stuttgart (Topp)

Sieben Jahre Nacht | Jeong Yu-jeong

Samstag, 3. Oktober 2015 2 Kommentare

[Klappentext] Sein Vater ist ein Versager: ein mittelmäßig erfolgreicher, ehemaliger Baseballspieler, der auf Druck seiner Frau eine Stelle als Sicherheitsmanager bei einem Stausee annimmt, um die Schulden zu bezahlen. In einer nebligen Nacht wird der Vater zum »Stausee-Monster« – er ermordet ein Mädchen und öffnet den Stausee, um das ganze Dorf hinwegzufegen.
Wie kann ein elfjähriger Junge überleben, wenn alle Welt in ihm den Sohn des »Stausee-Monsters« sieht? Sieben Jahre lang muss er sich verstecken und reist von Ort zu Ort. Doch kaum gelangt er als Unbekannter in ein neues Dorf, taucht in der Zeitung wieder ein Artikel über das »Stausee-Inferno« auf, mit einem Foto von ihm, dem Getriebenen. Jemand will verhindern, dass die Ereignisse vergessen werden.
Jetzt lebt er einsam und geächtet in einem Dorf an der Küste. Da tauchen rätselhafte Besucher auf. Nach einem erneuten dramatischen Ereignis wird die Vergangenheit aufgerollt, und die tatsächlichen Geschehnisse am Stausee werden Stück für Stück aufgedeckt. Am Ende ist alles anders, als es schien. [© Text und Bild: Unionsverlag]

-------------------

[mk] Das Buch beginnt mit dem Ende der Tragödie: alles was unter dem Stausee lag ist vernichtet und der elfjährige Sowon wird von der Polizei mitgenommen. Was darauf folgt ist die Geschichte, wie es dazu kam, und es war natürlich nicht so wie es auf den ersten Blick aussieht...

Rezension: Die Königin der Orchard Street | Susan Jane Gilman

Freitag, 2. Oktober 2015 0 Kommentare

»Bitte, verklagt mich doch! ... «


New York, 1913. Die kleine Malka lebt mitten im Trubel der dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen im Einwandererviertel auf der Lower East Side. Die meisten hier sind arm, haben zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, leben von der Hand in den Mund. Doch listig und raffiniert, wie sie ist, lernt Malka schnell, sich im Viertel durchzuschlagen. Und genau da, mitten im abenteuerlichen Gemenge, wo die jiddischen und italienischen Rufe der fahrenden Händler durch die Straßen schallen, wendet sich Malkas Schicksal. Denn dort trifft sie Papa Dinello, der sie in das köstlichste Geheimnis der Welt einweiht: das Wunder der Eiscreme, die Verführung der süßen Magie. Für Malka beginnt eine wahre Tour de Force durch das Leben – und aus dem pfiffigen und erfinderischen Mädchen wird die Grand Dame Lillian Dunkle, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium …
[Text & Cover: © Insel Verlag]


»Alles begann auf Manhattans drückender Lower East Side, mit dem Händler und seinem Pferdefuhrwerk. Ein rundlicher, schwitzender Mann: Salvatore Dinello. Und auf den Seiten seines Wagens prangte verheißungsvoll in abblätternden roten und goldenen Lettern: ›Dinello's Ices‹.« ~ Seite 13

Gilman zeichnet mit diesem Roman ein wahrlich sehr bildhaftes Amerikas des 20. Jahrhunderts von den 30ger bis hinein die 80ger Jahre.
Die Protagonistin Malka ist in ihrer Darstellung bzw Charakterisierung eine wunderbar ausgearbeitete Antiheldin. Nicht perfekt in ihrem Auftreten, mit Ecken und Kanten versehen aber mit dem richtigen Gespür gesegnet, die Gunst der Stunde in fast allen Lebenslagen zu nutzen.
Ihre zynische und auch frech-forsche Art gibt der Geschichte den gewissen Pepp, da sie selbst ihre Lebensgeschichte rückblickend erzählt. Bisweilen hat man wirklich das Gefühl, kein Buch zu lesen sondern mit ihr zusammen in ihrem Wohnzimmer zu sitzen. Dies liegt unter anderem auch daran, dass sie mich als Leser oft direkt anspricht. Und in ihrem Lebensrückblick nimmt sie wahrlich auch kein Blatt vor den Mund. Wenn man bedenkt, welch harten Lebensweg sie bestritten hat, ist ihr Auftreten nachvollziehbar und auch sehr authentisch. Seit frühester Kindheit auf sich selbst gestellt musste sie Entscheidungen selbstständig fällen und mit dem harten Leben an der Lower East Side selbst klarkommen. Und diese Entscheidungen mussten gründlich überdacht sein denn sie sorgten mehr als einmal für das nackte Überleben. So entwickelte sich Malka zu einer unerschrockenen, forschen Frau, die gelernt hat, was Hunger, Not, Verlust und Schmerz bedeutet, sich diesem Elend aber nie gebeugt hat. Sie lebte ihr Leben quasi nach dem Motto "was nicht tötet, härtet ab" und war bisweilen auch alles andere als zimperlich im Umgang mit ihren Mitmenschen.

Das Schicksal brachte Malka und Salvatore Dinello zusammen und während sie in der italienischen Eismanns-Familie aufwuchs, lernte sie alles über die Herstellung der besten Eiscreme an der Lower East Side. Und sie lernte früh, Augen aufzuhalten und aus jeder Situation das beste für sich selbst herauszuholen. Das zahlte sich im Laufe der Zeit aus und Malka bestieg den Trohn der Eiskönigin von Amerika. Ein steiniger Weg war das bis zu diesem eisgekrönten Erfolg und Malka nimmt uns in diesem Buch mit auf ihre Lebensreise, angefangen von ihrer Ankunft als Flüchtling im Hafen von Amerika 1913 bist hin zum aktuellen Zeitpunkt des Geschehens.

Tragik und Komik liegen oft sehr nahe beieinander und immer wieder glaubt man, jetzt schafft sie es nicht mehr, jetzt verliert sie alles - und dann kann sie doch wieder das Ruder im letzten Moment herumreißen. So erfindet sie zum Beispiel quasi aus einer dramatischen Notsituation heraus das Softeis und hat damit mehr Erfolg denn je. sie versteht es geschickt, ihrer Konkurrenz immer eine Armlänge voraus zu sein.
Selbst die Prohibition kam ihr zugute, denn dadurch boomte der Besuch von Eisdielen und Malka wusste auch hier die Gunst der Stunde zu nutzen.

Die Autorin bindet immer wieder jiddisches Vokabular ein, dass dem Ganzen noch mehr Authentizität verleiht, denn zu diesem Zeitpunkt war dieser Dialekt an jeder Ecke der Lower East Side zu hören. Aber dennoch ist alles sehr verständlich zu lesen. Einiges ergibt sich direkt aus dem Sinn und wenn man sich unsicher ist, liegt dem Buch ein Lesezeichen bei, auf dem das kleine jiddische Vokabular der Lower East Side notiert ist.

Persönliches Fazit 

Kaum zu glauben dass dieser Roman tatsächlich ein Debüt der Autorin ist. Ich bin begeistert und habe mich von dieser gut recherchierten und rundum stimmigen Geschichte vollkommen fesseln lassen. Authentische Charaktere und eine unglaublich schillernde Protagonistin die mich mehr als einmal zum Lachen brachte, sorgen für einem wahren Lesegenuss. Tragisch und nachdenklich stimmend die Thematik, aber mit hervorragend eingearbeitetem Witz und Zynismus. Von mir eine ganz klare Leseempfehlung.

© Rezension: 2015, Alexandra Zylenas



Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld
2015|, 600 Seiten,  ISBN13: 978-3-458-17625-1

[alexandra]

Die Philosophie des Laufens | Michael W. Austin / P. Reichenbach

Donnerstag, 1. Oktober 2015 2 Kommentare

"Wenn Du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn Du eine andere Welt kennenlernen willst, lauf einen Marathon."  Emil Zátopek 

[Klappentext] Schuhe an und los: Es gibt gute Gründe dafür, warum Laufen Volkssport Nummer 1 geworden ist. Ob im Wald, im Park, auf der Straße, ob vor oder nach der Arbeit, im Sommer, im Winter und natürlich bei Wettkämpfen – laufen kann man überall und jederzeit, es ist vielseitig und für jeden einfach und günstig machbar.
Aber es steckt noch mehr dahinter: Es schult unseren Charakter und verhilft uns letztlich zu größerer Freiheit, erweitert unseren Horizont und lehrt uns viel über uns selbst und die Welt um uns herum. Davon erzählen internationale Autoren aus verschiedenen Disziplinen – Philosophen, Journalisten, Sportler, Autoren – kenntnisreich in Die Philosophie des Laufens. Sie erklären uns, wieso Freundschaften unter Läufern auch für andere Bereiche des Lebens wichtig sind, berichten vom Laufen mit Apps und davon, welchen Unterschied es macht, auf einem Laufband oder im Freien zu laufen. Sie schildern uns die Parallele zwischen Schmerz und Freude beim Laufen und im Leben, erzählen, wie es sich anfühlt, zum ersten Mal einen Marathon zu laufen – und zeigen, warum ein kurzer Trainingslauf am Wochenende genauso glücklich machen kann. [© Text und Bild: Mairisch Verlag]