Die Stunde zwischen Frau und Gitarre | Clemens J. Setz

Donnerstag, 8. Oktober 2015 0 Kommentare



[Klappentext] Was geschah in der Stunde zwischen Frau und Gitarre? In einem Wohnheim für behinderte Menschen wird die junge Natalie Reinegger Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm. Der Mann sitzt im Rollstuhl, ist von unberechenbarem Temperament und gilt als "schwierig". Dennoch erhält er jede Woche Besuch - ausgerechnet von Christopher Hollberg, jenem Mann, dessen Leben er vor Jahren zerstört haben soll, als er ihn als Stalker verfolgte und damit Hollbergs Frau in den Selbstmord trieb. Das Arrangement funktioniere zu beiderseitigem Vorteil, versichert man Natalie, die beiden seien einander sehr zugetan. Aber bald verstört die junge Frau die unverhohlene Abneigung, mit der Hollberg seinem vermeintlichen Freund begegnet. Sie versucht, hinter das Geheimnis des undurchschaubaren Besuchers zu kommen und die Motive seines Handelns zu verstehen. [Text & Cover: Suhrkamp Verlag]







[sg] Das Buchcover ist einladend und das Buch schwer in der Hand. Kein Buch für die Handtasche.
Clemens J. Setz schreibt stets tief gehend, so gedankenvoll, dass man oft anhalten muss. Nun konnte ich ihn in Zusammenhang mit dem Buchpreis lesen. Er ist in der Longlist. Schon am Anfang wurde ich durch einen Strudel hineingezogen. Nur das der Strudel nicht durch Wasser und einen Sog verursacht wurde, sondern durch die Sprachkraft von Clemens J. Setz. So einer Kraft kann ich mich nicht entziehen. Auch dem Inhalt nicht.

Natalie, die Protagonistin des Romans, hatte es schon in ihrer Kindheit schwer. Sie leidet unter Epilepsie. Als erwachsende Frau hat sie ihr Leben mit der Angst gelebt, wieder durch einen Zufall einen Anfall auszulösen. Angst zieht sich durch ihr Leben, wie die Luft zum Atmen. Ihre Selbstbeobachtung wird zur Manie. Und dann sind da die vielen Gedanken, die sie begleiten. Unendlich viele Gedanken bilden in ihr Kreise, fliegen durch die Räume. Alles wird bedacht, wird aufgenommen. Oberflächlichkeit kennt Natalie nicht. Doch die Romanfigur hat etwas Neues, was in der Form bisher nur ähnlich aber nie so präzise ausgeführt wurde. Die Leser können in das tiefste Innere Natalies schauen. Es war als würde ich in ihrem Hirn sein, oder wie in einem Buch darin blättern. Für Natalie ist das Leben mit so viel Tiefe, dass sie den Grund nicht mehr sehen kann.

Das Buch scheint einen grauen Schleier zu tragen und doch gibt es mal so ganz winzig am Rand etwas zum Lachen. Aber sonst eine düstere Spirale. Immer abwärts.

In einem Altenheim wird Natalie Alexander Dorms Bezugsperson, ein verwirrter Rollstuhlfahrer und der Mann, der seine Frau durch eine Selbsttötung verlor. Öfters erhält er Besuch von Christopher Hollberg. Dieser ist aber nicht irgendein guter Freund, sondern genau der Mann, der seine Frau in den Wahnsinn trieb, das Leben aufzugeben. Zwischenmenschlich eine merkwürdige Konstellation. Ich empfand oft ein Unwohlsein dabei. Es zieht sich ein roter Faden aus perfiden Zügen in die Handlung. Aber sie ist nur schwer durchschaubar und wird dadurch nicht gleich bestätigt. Aber Natalie hat den Mut hinter alles zu blicken. Dieser Mut bringt ihr gleichzeitig das grenzlose Interesse von Holzberg ein. Er kennt keine gezogenen Linien. Wie Dorms Frau zuvor, stalkt er dann auch Natalie. Sie ist aber eine genaue Beobachterin. Plötzlich kehrt sich vieles um.

Dabei stellte ich wieder fest, wie gedankenvoll, umsichtig bis ins kleinste Detail sie durch die Welt geht. Sie sieht alles, den kleinen Krümel und eben nicht nur das Große, was die meisten Menschen wahrnehmen, um ihre Gedankenwelt oft zu klein mit Grenzen halten. Sie tut das nicht. Es gibt Grenzen, auch Nichtbares, was sie manchmal nicht weitergehen lässt, aber sie behält immer einen Weitblick.

Bei diesem Buch passt die Beschreibung von Schonungslosigkeit. Es ist so intensiv, dass eine Leidenschaft für etwas oder jemanden es noch zu schwach erklären würde.
Natalie, die, die Angst, Beobachtung, Gedankentiefe als ihre festen Partner gewählt hat, hat die ganze Zeit etwas Sympathisches, obwohl sie so viel denken muss. Alles ist wie ein langer Arbeitsprozess, der keinen Halt hat. Einfach nur fällt, immer und immer wieder. Clemens J. Setz schrieb so, dass ich sagen könnte, ich war für kurze Zeit in einem anderen Kopf oder die Beobachterin mit unsichtbarem Mantel.

Ein gnadenloses Buch, das nicht spannender hätte sein können. Ich war machtlos aufzuhören all dies in mich aufzusaugen. Jede der über 1021 Seiten ist es wert, die Augen lesend darüber wandern zu lassen. Jede Stunde war unvergesslich. Es ist einprägsam, faszinierend.

Das Buch steht im Buchregal, und ich selbst blicke es an. Tausende Gedanken fallen, einige gehen zu Boden, und wie bei Natalie kommt eine Angst, ein Blick auf einen kleinen Krümel auf dem Tellerrand, über den ich immer hinaussehe. Genau wie Natalie. Jeder wird sich in diesem Buch wieder finden und dass nicht nur in Natalie, die ihr Smartphone auch fast nie aus den Händen legt, sondern auch in den anderen Bewohnern des Altersheimes, die ihre Krankheiten und zerbrochene Psyche umhertragen.
Das Buch zu lesen fühlt sich an wie einmal komplett durchgeschüttelt zu werden, Gedanken zwischen Gut und Böse zu haben. Zwischenmenschlichkeit hat oft eine grausame Härte in der jegliche Menschlichkeit verschwindet.


Könnte Literatur noch besser sein? Nein, ich denke nicht. Über tausend Seiten zwischen doch dünn wirkenden Buchdeckeln, die etwas ganz Besonderes in sich tragen. Clemens J. Setz hat Qualitäten eines zeitlosen, immer wieder sich neu entwickelten Autors. Es geht nicht darum immer auf den ersten Plätzen zu sein. Obwohl er so weit vorn ist, wie ich finde und dem Schreiben der Gegenwart bereits schon in einigen Dingen voraus ist. Vielleicht eines der schwierigsten Bücher, die ich je las, aber dafür ist es gleichzeitig eines der besten Bücher seit vielen Jahren.
Dieses Buch braucht keinen deutschen Buchpreis. Zu gut, mutig, zu brillant. Das ist wahre Weltliteratur, da können kleine Preise übersprungen werden oder sind einfach nicht nötig. Es ist das Beste, was es gerade… Nein, sogar das Beste, was es seit Langem auf dem Buchmarkt gibt.

ø Rezension, 2015 Sandra Gedankenlabyrintherin



6. September 2015 - ISBN : 978-3518424957






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