[Kolumne] "Lesen und sterben lassen" [Teil 1]

Dienstag, 10. November 2015 2 Kommentare


AUFGELESEN #9

Liebe Leserin, lieber Leser, 
eine der entscheidenden Szenen, quasi ein chaostheoriewürdiger Schmetterlingsflügelschlag, die eine Kette von Ereignissen in Gang setzte, die zum Entstehen der letzten Ausgabe meiner Kolumne führte, ist jene, in der der junge George McFly im Jahr 1955 vom Baum stürzt, weil er angeblich Vögel beobachten wollte. Der vermutlich bekannteste Vogelkundler der Filmgeschichte fungierte kürzlich in einer Veranstaltung des Literaturhauses Salzburg als roter Faden. Es geschah in den frühen 1950er-Jahren, als ein junger britischer Autor auf seinem Regal das Buch eines Ornithologen entdeckte, nach dem er seine neue Romanfigur benennen wollte.

Sein Name?
Bond. James Bond.

Das mittlerweile siebte Salzburger Krimifest stand ganz im Zeichen von 007, in dessen Fußstapfen mehrere durchwegs routinierte Geheimagenten traten.
Ihre Mission: das Verbrechen zu bekämpfen und Morde aufzuklären. Allerdings erst, nachdem diese unter ihrer Feder begangen worden waren.
Der Zeitdruck: extrem. Jedem der Agenten standen exakt 30 Minuten zur Verfügung, die mittels einer unbestechlichen Sanduhr überwacht wurden.

Gut, ganz so geheim konnte die Arbeit doch nicht abgewickelt werden, immerhin war der Lesesaal bis auf den letzten Platz gefüllt, und auch die Sanduhr erwies sich zur Freude des Publikums als toleranter als angekündigt. Durch die Veranstaltung führten Karin Buttenhauser vom ORF Salzburg, das moderierend-schreibende Multitalent Manfred Baumann und
Tomas Friedmann, Leiter des Literaturhauses. Letzterer verstand es, die Spannung der Zuhörer noch auf die Spitze zu treiben, indem er richtige Antworten auf Quizfragen mit Mozartkugeln und Büchern belohnte. Somit erwies er sich als der Mann mit der goldenen Kugel.
(Persönliche Anmerkung: Obwohl das Festival drei Tage dauerte, war es mir leider nur möglich, an zwei von ihnen teilzunehmen.)

Doch werfen wir einen Blick auf die Agenten...

Name: Raab. Thomas Raab.
aktueller Auftrag: Codename  "Still. Chronik eines Mörders"*
Erscheinung: raffiniert-charmant-schlitzohrig, mit besonderem sprachlichem Gefühl für emotionale Nuancen
Einsatzbericht:
Der Autor erzählt von einem Urlaubserlebnis, das ihn zu seinem aktuellen Roman inspirierte. Beim Spaziergang am Strand begegnete er regelmäßig zwei Männern, der eine alt, der andere jung, die sich nonverbal und doch vielsagend miteinander zu verständigen schienen. Gemeinsam mit seiner Frau ersann er Geschichten, die um die Frage kreisten, wie sich ein
Leben ganz ohne Worte gestalten könne. Wie schlimm wäre es gar, würden Kinder nicht sprechen? Dann hätte der Autor wohl nie über seine achtjährige Tochter staunen können, die ihm die existentielle Frage stellte: "Wer hat eigentlich den lieben Gott auf die Welt gebracht?" Als der schreibende Vater zunächst verlegen reagierte, präsentierte sie gleich eine Antwort, deren Einfachheit Jahrhunderte der Philosophie in den Schatten stellt: "Die liebe Göttin."


Name: Beck. Zoe Beck.
aktueller Auftrag: Codename "Schwarzblende"*
Erscheinung: Bescheiden, beinahe unscheinbar lässt die Autorin das brisante Thema ihres Romans, islamischen Extremismus, für sich sprechen
Einsatzbericht:
"Politthriller", so die Autorin, klingt für Verlage zu langweilig. Ein "Krimi" funktioniert nach dem Schema Leiche-Polizei-Aufklärung, und am Ende sind alle glücklich, und in einem "Thriller" sorgt stets ein kranker Serienkiller für viel Blutvergießen. Da Beck sich mit keiner dieser Zuordnungen anfreunden konnte, wurde ihrem aktuellen Werk das schlichte Etikett "Roman" verpasst. Die Handlung - die öffentliche Enthauptung eines britischen Soldaten in London - basiert auf einer tatsächlichen Begebenheit, den Reiz liegt nicht in der Frage nach der Identität des Mörders, sondern nach dessen Motiven. Nicht das kleinste Raunen ist im Publikum zu vernehmen, als die Autorin von ihren Recherchen unter anderem in einem Jugendgefängnis berichtet, wo sie auf unterschiedliche Abstufungen im Grad der Radikalisierung stieß und die Antwort auf eine konkrete Frage zu ergründen suchte: Wie gehen Muslime selbst mit diesem Thema um, was haben sie radikalen Strömungen entgegenzusetzen, auf welche Art der Überzeugung sprechen sie an?
--> ZUR REZENSION


Name: Kruse. Tatjana Kruse.
aktueller Auftrag: Codename "Bei Zugabe Mord"*
Erscheinung: die Personifizierung schwäbisch-schwarzen Humors
Einsatzbericht:
Was für ein Kontrast zu Zoe Beck! Nach erschütternd aktuellem Zeitgeschehen in London holt Kruse - die im Hotel unter dem Decknamen Tanja Krause angekündigt war - das Publikum wieder nach Salzburg zurück, wo ein Tenor, die "Blondine unter den Opernsängern" ermordet wird. Aufgrund der Positionierung im Programm fühlt sie sich auch als "John Cleese zwischen Beck und Aichner". Die Lesung nach 21:00 Uhr passt insofern, als der Inhalt nicht gänzlich jugendfrei ist. Immerhin handelt es sich dabei um "Liebeskummerbewältigung durch dreieinhalb Morde." Mit tänzerischer Leichtigkeit werden dabei immer wieder die Momente unmittelbar vor der amourösen Depression illustriert, was schließlich zu folgendem Resümee führt: "Wer viel Sex hat, ist noch lange nicht gut darin."


Name: Aichner. Bernhard Aichner
aktueller Auftrag: Codename "Totenhaus"*
Erscheinung: "I bin a Bodenständiger, Liaber" (Eigencharakterisierung)
Einsatzbericht:
Standesgemäß dringt zum Auftritt des Autors "Eye of the Tiger" aus den Lautsprechern. Wenn er behauptet, vom Erfolg des ersten Teils seiner Blum-Trilogie, "Totenfrau", überwältigt zu sein, so besteht aufgrund des gänzlich allürenfreien Auftretens keinerlei Zweifel daran. Segelboot konnte er sich von seinen Tantiemen noch keines leisten, dafür steht öfter als noch vor einigen Jahren Rohschinken auf dem Speiseplan. Beim titelgebenden "Totenhaus" des aktuellen Romans handelt es sich um ein Hotel, in dem Menschen unter rätselhaften Umständen ihr Leben lassen. Damit, so Aichner, arbeitet er ein Trauma auf, das in seiner Kindheit durch Stephen Kings "Shining" verursacht wurde. Ein wesentliches Detail wird außerdem verraten: Die Hauptfigur, Bestatterin Brünhilde Blum, wird diesen Teil überleben, damit dann im dritten Teil "Vollgas" gegeben werden kann.


Name: Koch. Manfred Koch.
aktueller Auftrag: Codename "Totgelacht"*
Erscheinung: intellektuell, professorenhaft, verbreitet knochentrockenen, raffinierten Humor
Einsatzbericht:
Der Autor gibt sich als scharfzüngiger Kritiker der aktuell großen Menge an Regionalkrimis zu erkennen. Würden tatsächlich in jedem Dorf so viele Morde verübt werden, wie das Angebot der Verlage vermuten lässt, würde Österreich bald sehr viel mehr Platz bieten. Ähnliche Skepsis bringt er auch gegenüber skandinavischen Schandtaten in einem Essay, der sich wie der Werbetext eines großen schwedischen Möbelhauses liest, zum Ausdruck.
Dabei wirkt die schneidende Stimme, die keinen Rückschluss auf etwaige Emotionen zulässt, wie ein soziologisches Skalpell. Die Texte sind hochkonzentriertes Sprachdestillat, mit dem er etwa die Essenz nordischer Krimis erfasst: "(...) Mitternachtssonne, Fjorden, Schären,
einsamen männlichen Leichen neben noch einsameren weiblichen Leichen in komplett einsamen Bockhütten an tausend geradezu unglaublich einsamen Seen, von endlosen Wäldern, unglücklich verliebten Elchen, protestantischem Kabeljau, emotional unterkühlten Eisbergen, Knäckebrot und Schwedenbitter, (...)"

Für jene Zuhörer, deren körperliches Befinden sich noch nicht an den Titel von Manfred Kochs Roman angeglichen hatte, standen die Autoren noch für persönliche Plaudereien in gemütlicher Atmosphäre zur Verfügung.





Liebe Leserin, lieber Leser, der zweite Teil meines Berichts folgt am 24. November, bis dahin

Freudiges Weiterlesen!

© Wolfgang Brandner




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Kommentare:

  1. Hallöchen, erst einmal ein großes Kompliment für eine (wie immer) toll geschriebene Rezension.
    Das Buch ist irgendwie an mir vorbei gegangen, ich kannte es bisher noch gar nicht, aber du hast mich echt neugierig gemacht. Parodien mag ich eigentlich schon echt gerne, aber die meisten sind einfach so flach und plump, dass es gar keinen Spaß macht. Aber das hört sich doch wirklich gut an und wandert mal auf meinen Wunschzettel.

    Alles Liebe, Nelly

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  2. Liebe Nelly,
    vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein großes Lob, das ich natürlich sehr persönlich nehme.

    Wenn ich Deine Neugier wecken konnte, habe ich mein Ziel erreicht. Flach und plump gehören wohl zu den letzten Attributen, die mir bei diesem Satireband in den Sinn kommt, der Humor ist ebenso klug wie trocken, und oft muß man Passagen mehrmals lesen, um alle Anspielungen zu erfassen. Wenn Du diese Art von Witz zu schätzen weißt und im Krimigenre belesen bist ... dann ist dieser Band definitiv für Dich geeignet.

    Liebe Grüße und danke für die Treue!
    Wolfgang

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