Die Stunde des Kraken. Ein Fall für Lara Gropius | Peter Glowotz

Montag, 14. Dezember 2015 0 Kommentare

[Klappentext] Auferstehung  Eine kryptische Zeichnung, eine ermordete Prostituierte und ein verschwundener Greis, um den sich ein bizarres Geheimnis rankt: ein Fall für die Augsburger Privatdetektivin Dr. Lara Gropius. So rätselhaft wie das Verschwinden des alten Mannes ist auch das Verhalten seiner Schwiegertochter. Woher rührt ihre panische Angst? Wird die stürmische Nacht, in der Lara auf einem Leuchtturm an der Ostseeküste mit einer Begegnung auf Leben und Tod konfrontiert wird, die Antwort ans Licht bringen? Die "Stunde des Kraken" - wem wird sie schlagen? [© Text + Cover: Gmeiner Verlag]

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[wb] Man stelle sich einen alten Seebären vor, der mit Kautabak unter der Oberlippe auf sein Leben zurückblickt und einer interessierten Schar von Zuhörern davon berichtet. Es ist still im Raum, alles hängt gebannt an seinen Lippen, wenn er mit großväterlicher Erzählstimme sein Garn spinnt, wenn ihm zu jedem Stichwort eine weitere Anekdote einfällt und er trotz aller Umwege den Zielhafen nicht aus den Augen verliert.

Mit Peter Glowotz meint man exakt einen solchen Erzähler vor sich zu haben. Er nimmt sich alle Zeit, die er braucht, um von einer schweren Last zu berichten, an der eine Familie über mehrere Generationen zu schleppen hat. Zwar erreicht er dabei nicht die epische Breite etwa von Thomas Mann, doch interpretiert er jede Weggabelung als eine Einladung zum Entdecken. Den Ausgangspunkt der Reise, auf die er seine Leser einlädt, bildet ein alter Mann, der unter mysteriösen Umständen verschwindet. Zuvor vollzieht er eine deutliche Zäsur in seinem Leben: Er bricht mit jahrelang eingehaltenen Traditionen, zerstört ein liebgewordenes Musikinstrument, trennt sich von wertvollen Erinnerungen. Wird er erpreßt? Will er sich das Leben nehmen? Trägt er ein gefährliches Wissen mit sich? Das Ziel ist klar - die Neugier des Lesers zu stillen - allein der Weg dorthin ist nicht unbedingt der direkte.

Der Titel des Romans kann dabei als eine augenzwinkernde Vereinbarung des Autors mit dem Leser verstanden werden: Nach einer Stunde sollte man mit dem wortmalerisch-ausschweifenden Stil vertraut sein, der gewiß polarisiert. Wo die einen die bewußte Drosselung des oft erlebten hohen Erzähltempos schätzen, werden ungeduldige Gemüter wohl die große Aufmerksamkeit kritisieren, die auf tatsächliche Nebensächlichkeiten gerichtet wird. Immerhin, wer sich auf das Wagnis einläßt, erlebt einen humanistisch gebildeten Geist bei der Arbeit. Figuren tragen etwa rein zufällig, jedoch im vollen Bewußtsein der berühmten gleichnamigen Persönlichkeiten, Namen wie Kurt Tucholsky oder Igor Strawinsky. Über die richtige Interpretation eines Stücks von Johannes Brahms werden lebhafte Dispute ausgetragen. Mit dem berühmten Zitat eines französischen Historikers ("Sag mir, was du liest, und ich sage dir, was du bist") untersucht die Detektivin die Bibliothek des Verschwundenen und stößt auf einen bibliophilen Kopf. Entscheidende Hinweise ergeben sich bei einer Reise in die Toskana, jene Gegend also, die als Zentrum der Renaissance und humanistischer Sehnsuchtsort gilt. 



Der Leser wird in eine üblicherweise nur schwer zugängliche Welt entführt, nämlich jene, in der Allgemeinbildung einen essentiellen Wert darstellt, in der Hausarbeiten von einer "Zugehfrau" erledigt werden, die das Festnetztelephon ihres Arbeitgebers mit "Bei Demuth" beantwortet. Es ist dies die verstaubt anmutende Welt des Geldadels, preußischer Offiziere mit ebensolcher Korrektheit als Ideal, massiver Gemäuer und schwerer Möbel, sowie einer klar definierten Etikette. Leser, die gerne in das viktorianisch geprägte England der Agatha Christie Gefallen eintauchen, werdem gewiß auch das als Rahmen fungierende Gesellschaftsbild zu schätzen wissen, das langsam zum Anachronismus wird.

Leider bewirkt die gemächliche Erzählweise des Autors zuweilen auch eine Unterforderung des Lesers. Wo die zu enthüllenden familiären Zusammenhänge längst offensichtlich sind und auch des Rätsels Lösung schlußendlich kaum noch Überraschungen birgt, muß Lara Gropius noch seitenlang detektivische Arbeit leisten, ehe sich die Erleuchtung auch bei ihr einstellt.

Ein kleines Detail am Rande: Meine besondere Aufmerksamkeit erregte der Umstand, daß das literarisch bislang nur wenig erkundete obersteirische Liezen, in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gelegen und mit zahlreichen persönlichen Erinnerungen verbunden, einen Handlungsort darstellt.

[Persönliches Fazit]

Die Beschwörung einer Zeit ohne technologiebedingten Termindruck, verpackt in eine spannende Familiengeschichte, ist ein polarisierendes Erlebnis: Love it or leave it.

© Rezension, Wolfgang Brandner



Gmeiner | Juli 2015 | 474 Seiten | ISBN 978-3-8392-1798-6




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