Mondscheinjunge | Carla Buckley [Hörbuch]

Mittwoch, 16. Dezember 2015 0 Kommentare

Umgeben von Dunkelheit bringt er ein grausames Geheimnis ans Licht.

[Klappentext] Tylor Lattimore feiert seinen vierzehnten Geburtstag, aber noch immer weiß er nicht, wie sich die Strahlen der Sonne auf seiner Haut anfühlen - denn er kann nur leben, wenn es dunkel ist. Licht fügt ihm unerträgliche Schmerzen zu und kann sogar tödlich sein. Er verbringt seine Tage in einem verschlossenen Zimmer, nur nachts wagt er sich nach draußen. Seine größte Leidenschaft ist seine Kamera, mit der er durch die Dunkelheit streift. Als Amy, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, plötzlich spurlos verschwindet, gerät Tylors Leben in Aufruhr. Seiner Mutter, die sich unermüdlich um sein Wohlergehen kümmert, scheint der Vorfall sehr nahezugehen. Was war in dem sonst so ruhigen Wohnviertel passiert, dass Amy nicht mehr nach Hause zurückkehrte? Ausgerechnet Tylor sieht jetzt klarer als irgendjemand sonst und entdeckt eine Spur, die geradewegs ins Unheil führt ... [Text & Cover: Rubikon Audioverlag]

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[wb] Wie wäre es wohl, mit einer Allergie gegen UV-Licht leben zu müssen? Wie würde sich der Alltag gestalten, wenn jeder Sonnenstrahl auf der Haut schlimmste Verbrennungen verursachen und zu Hautkrebs führen würde? Das Gestirn im Zentrum unserer Galaxie ist der Ursprung des Lebens auf der Erde, es spendet Wärme und Geborgenheit, und bereits saisonal bedingte Reduktion ihrer Intensität kann zu depressiven Verstimmungen führen. Welche Auswirkungen es hat, gänzlich ohne die Sonne leben zu müssen, kann sich kaum jemand von uns vorstellen.
Tylor Lattimore, Hauptfigur im Roman der amerikanischen Autorin Carla Buckley, leidet an der seltenen Krankheit Xeroderma pigmentosum (XP), bei der ein zur Reparatur der Hautzellen notwendiges Enzym im Körper fehlt.
(Dieser erblich bedingte genetische Defekt ist übrigens nicht zu verwechseln mit einer Lichtunverträglichkeit, an der etwa Hannelore Kohl zu leiden hatte.)
Tylers Welt mutet für einen Betrachter von außen unendlich trist an. Sie ist geprägt von Grauschattierungen, eine im Tageslicht erstrahlende Farbenpracht kennt er bestenfalls aus Fernsehen und Internet. Da es ihm nicht möglich ist, eine öffentliche Schule zu besuchen, kann er dem Unterricht nur via Webcam teilwohnen. Auch in seiner Berufswahl ist er doppelt eingeschränkt: Zum einen verfügen XP-Patienten nur über eine äußerst geringe Lebenserwartung, zum anderen wird er, wie er selbst sarkastisch bemerkt, wohl niemals Rettungsschwimmer werden können. Seine Wahrnehmung der Außenwelt ist eine stark gefilterte, konsequenterweise gilt seine größte Leidenschaft der Photographie. Ausgerüstet mit seiner Kamera begibt er sich auf nächtliche Streifzüge durch die Nachbarschaft, stets auf der Hut vor Autoscheinwerfern und Straßenbeleuchtungen.



Diese Ausflüge stellen zugleich seinen höchsten Grad an Freiheit dar, denn sein Leben wird zum überwiegenden Teil von seiner überfürsorglichen Mutter bestimmt. Seit der Diagnose in frühen Kindertagen führt sie penibel über Sonnenauf- und Untergangszeiten Buch, beklebt sämtliche Fensterscheiben mit UV-Licht abweisender Folie beklebt und führt Kreuzzüge gegen die Gartenbeleuchtungen der Nachbarn führt. Mit ihr hat Tyler ein kompliziertes Klopfritual vereinbart, mit dem die Bereitschaft zum Betreten eines Raumes signalisiert wird, ihn zu beschützen ist ihre Lebensaufgabe, der sie sich mit beinahe religiösem Eifer widmet. Als sie schließlich einen Unfall verursacht, wird sie vor eine unmenschliche Wahl gestellt: Soll sie die strafrechtlichen Konsequenzen tragen oder weiterhin ihrer mütterlichen Verantwortung gerecht werden und mit der erdrückenden Schuld leben, ohne sich jemals jemandem anvertrauen zu können? Wenn ihre Persönlichkeit von diesem Gewissenskonflikt förmlich in Stücke gerissen wird, ist der Leser in der Rolle des hilflosen Beobachters gefangen.

Mit einem hohen Maß an Einfühlungsvermögen gelingt es der Autorin, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen. Sie zeichnet das Bild einer zugleich jugendlich-naiven und vom Schicksal abgehärteten Persönlichkeit. Wo andere längst an den durch die Krankheit auferlegten Einschränkungen zerbrochen wären, fügt sich Tyler mit bewundernswerter mentaler Stärke seinem Los. Die subtile Symbolsprache entfaltet ihre Wirkung gerade durch diese Unaufdringlichkeit. So darf Tyler seine Gesichtsmaske nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen abnehmen, seine Persönlichkeit und seine Selbstwahrnehmung verbleiben fragmentarisch. Und wenn auch jeder von uns die Wirklichkeit nur durch Filter wahrnimmt, seien sie medialer (redaktionelle Selektion) oder auch mentaler Natur (eigene Wertvorstellunngen), im Falle von Tyle Lattimore sind diese durch seine Kamera deutlich erkennbar. Eine besondere Affinität scheint die Autorin auch zur Sprache an sich zu hegen, die einen Filter in der Gedankenvermittlung von Mensch zu Mensch darstellt. So liegen etwa Tylers Mutter an einer Stelle die Worte "wie Glasscherben im Mund" oder "kriechen unter Tylers Haut und krallen sich an seinen Eingeweiden fest." Für Carla Buckley ist die Kommunikation ein Präzisionsinstrument, das sachgemäß zu bedienen eine Beherrschung erfordert, die nicht jeder gleichermaßen aufbringt.

Mark Bremer ist als Sprecher des Hörbuchs zunächst gewöhnungsbedürftig. Seine monotone, variationsarme Interpretation offenbart nur wenig an Nuancen. Er ist gewiß kein Schauspieler, im Gegensatz zu anderen Vertretern seines Berufs versucht er erst gar nicht, den einzelnen Figuren individuelle Stimmen zu verleihen. Interessanterweise transportiert dieser Stil jedoch genau die monochrome Grundstimmung des Buches. Durch die Art des Vortrags wird die farbenlose Welt des Tyler Lattimore dem Hörer dauerhaft ím Bewußtsein verankert, was den Genuß eigentlich beeinträchtigen könnte, wird somit zu einer Stärke des Hörbuchs.


[Persönliches Fazit]

"Mondscheinjunge" ist eine sensibel erzählte Reportage eines Familienschicksals mit Thrillerelementen. Etwas weiter gefaßt, kann der Roman auch als eine Variante des "Fenster zum Hof"-Themas verstanden werden, die den Beobachter nicht durch einen Unfall oder eine elektronische Fußfessel, sondern durch eine seltene Krankheit in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt.

© Rezension, 2015 Wolfgang Brandner



Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné 
2015 | ca 720 Minuten | Ungekürzte Lesung | ISBN: 978-3-945986-16-5




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