Schweigepflicht | Markus Heitz

Freitag, 22. Januar 2016 0 Kommentare


[Klappentext] Kalter Stahl und warmes Blut ... Nach einem langen Arbeitstag reibt Isger sich müde die Augen. Er betritt den Fahrstuhl, der ihn ins Erdgeschoss des Hochhauses bringen soll - und findet sich wenige Augenblicke später in einem Albtraum wieder. Irgendjemand kontrolliert die Kabine. Nein: irgendetwas. So beginnt ein grausames Spiel, dessen Regeln nicht Menschliches haben. Und beim dem der Einsatz Isgars Leben ist ... [Text und Cover: dotbooks Verlag]

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[wb] In Friedrich Dürrenmatts Kurzgeschichte "Der Tunnel" reist ein junger Mann per Bahn durch die Schweiz. Für das gebirgige Land nicht ungewöhnlich, muss der Zug auch einen Tunnel passieren. Als nach zwanzig Minuten noch immer kein Tageslicht durch die Fenster dringt, breitet sich Sorge unter den Passagieren aus. Die Minuten werden zu Stunden, ein Ende der rasenden Fahrt in ein namenloses Dunkel ist nicht erkennbar, und so endet die Geschichte wie die Reiserichtung: in Hoffnungslosigkeit.
An dieses kurze Prosastück erinnert nun Markus Heitz' "Schweigepflicht". Auch hier begeben sich Menschen blind in die vermeintliche Sicherheit einer vertraut gewordenen Technologie. Ein Aufzug dient dazu, vertikale Distanzen zu überwinden, nicht mehr, nicht weniger. Was aber, wenn das simple Werkzeug plötzlich ein Eigenleben entwickelt?
Was, wenn unerwartet die Grenzen rationalen Denkens erschüttert und wir mit einer Bedrohung konfrontiert werden, die unser Weltbild von Arbeitsplatz, Straßenbahn und Tageszeitung sprengen? Der im Fantasy-Genre erfahrene Autor kokettiert mit menschlichen Urängsten. Auf engstem Raum zusammengepfercht, sind die Passagiere des Aufzugs einer unbekannten Macht hilflos ausgeliefert, die mit tödlicher Härte ihren Willen durchzusetzen weiß. Ungewissheit und eine diffuse Angst verdrängen jede andere Emotion, der Mensch ist de facto zum Tier degradiert. Die Errungenschaften unserer Zivilisation, mit denen wir Naturgewalten zähmen, konkrete Gefahren zu kalkulierbaren Risiken abstrahieren, bieten plötzlich keinen Schutz mehr.

Nicht nur, dass hier durch außer Kontrolle geratene Technologie der Topos vom Geschöpf, das sich über seinen Schöpfer erhebt, genutzt wird, mit einem Mal werden Menschen auch von einer lange ausgerotteten Seuche dahingerafft. Medizin und Wissenschaft werden augenblicklich annulliert, die Niederlage der Zivilisation ist eine totale.

[Persönliches Fazit]

Die Wahrscheinlichkeit, sich jemals in einer wie in der Kurzgeschichte beschriebenen Situation zu finden, ist wohl äußerst gering. Jedoch wird genau dieser kleine Spalt in der Tür zum Irrsinn den Lesern ein mulmiges Gefühl bescheren, wenn sich das nächste Mal die Türen eines Aufzugs hinter ihnen schließen ...

© Rezension 2016, Wolfgang Brandner


Februar 2016 | eBook | ISBN 978-3-95824-457-3 | 58 Seiten



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