Späte Einsichten | David Leavitt

Samstag, 9. Januar 2016 2 Kommentare


http://amzn.to/1MYzyLM[Klappentext] Lissabon, 1940: Während Europa im Krieg versinkt, kreuzen sich hier die Wege zweier Paare mit fatalen Konsequenzen. Man wartet auf das nächste Schiff nach Amerika mit Tausenden anderer Flüchtlinge und vertreibt sich die Zeit in Cafés und Bars bei reichlich Absinth: "Das ist das Ende von Europa, deshalb tanzen sie, und auch Lissabon ist das Ende von Europa. Und alles, was Europa darstellt und bedeutet, ist in diesen Zipfel gepresst. Zu viel davon."
Anders als seine skeptische Frau Julia ist Pete Winters sofort fasziniert von Iris und Edward Freleng und ihrer glamourösen, freien Lebensart. Aus Faszination wird bald Liebe. Ohne dass er recht weiß, wie ihm geschieht, lässt sich Pete auf eine unmögliche Affäre ein. Es ist der Anfang einer großen Liebesgeschichte Während Europa dem Abgrund entgegentaumelt, wandeln sich die Beziehungen dieser vier Menschen auf dramatische Weise. Und zuletzt begreift Pete, dass man über den Menschen, dem man am nächsten steht, oft am wenigsten weiß. [Text & Cover: © Hoffmann & Campe Verlag


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[az] Es herrscht eine historische Atmosphäre, denn Leavitt entführt uns nach Lissabon ins Jahr 1940, zur Zeit der großen Flucht vor den Nazis. Im Hafen von Lissabon gestrandet warten viele darauf, einen Platz auf einem der wenigen Schiffe nach Amerika zu ergattern. Amerikanischen Bürgern ist der Platz gesichert, aber auch sie müssen ausharren, bis endlich wieder eines der seltenen Schiffe eintrifft.

Unterschiedliche Charaktere treffen aufeinander, jeder scheint innerlich geplagt von eigenen oft verborgenen Ängsten, die latent und unterschwellig auftreten. Persönliche Dramen nehmen ihren Lauf, das Nichtstun und Warten und die ungewisse Zukunft fördern dies natürlich ungemein.

So treffen auch die Pärchen Julia und Pete und Iris und Edward aufeinander. Man schlägt gemeinsam die Zeit tot in diversen Cafés und tauscht sich aus. Aus Smalltalk entstehen tiefgründige Gespräche.
Leavitt geht in die Tiefe, erstellt quasi ein Psychogramm der vier Protagonisten.
Alle vier wahren nach außen einen Schein, gaukeln den anderen ein tolles Leben vor. Und zum Teil glauben sie tatsächlich selbst immer wieder daran, was sie erzählen (oder wollen es einfach glauben, wahrhaben). Die tolle Pariser Wohnung, eingerichtet von einem grandiosen Innenarchitekten und abgebildet in der Vogue, da lebte es sich hervorragend. Wie oft betont Julia das und überspielt ihre große Furcht, nach Amerika zurück zu kehren. Überspielt gekonnt, über die praktische aber nicht glückliche Ehe nachdenken zu müssen. Pete nimmt alles hin, auch Julias Launen und ist zufrieden damit. Dabei merkt er nicht einmal, dass er seine eigene Frau eigentlich kaum kennt.
Das Autorenpärchen Iris und Edward hingehen erscheinen weltoffen und mimen nach außen hin einen tollen und offenen Lebenswandel - doch auch hier ist Schein weit mehr als sein. Leavitt lässt die Fassade bröckeln. 

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Die Liebe lässt sich nicht steuern und oftmals auch nicht erklären. Sie passiert einfach und in Lissabon nehmen überraschende Wendungen ihren Lauf.
Mehr kann und will ich gar nicht über die Geschehnisse schreiben, da man sonst alle Wendungen vorwegnehmen und ich so jeden um den Lesespass berauben würde.

Leavitt schreibt klarlinig und direkt und legt Schicht um Schicht die Probleme der vier Gestrandeten frei ohne dabei auch nur ein unnötiges Wort zu verwenden.
Ein faszinierendes Leseerlebnis und man grübelt ständig wie es für Julia, Paul, Iris und Edward wohl enden wird - und vor allem in welcher Konstellation ...
Auch den portugiesischen Flair konnte Leavitt auch sehr gut vermitteln, die Strassencafes, die schmalen Gassen, durch die die Protagonisten oft wandern und über die Edward immer viel zu berichten weiß.

[Persönliches Fazit]

Ein bis zum Schluss spannender Beziehungsroman voller überraschender Wendungen. Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, gradlinig und offen. Leavitt deutet auch die vielen kleinen persönlichen Dramen in einer Zeit, als die Welt in einem einzigen großen Drama zu versinken scheint.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas




Roman, 2015, ISBN 978-3-455-40497-5


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Kommentare:

  1. Danke für die tolle Rezension, sie hat mich noch darin bestärkt mir das Buch zu kaufen.
    Viele Grüße
    Julia
    http://bibliophilias-buecherhimmel.blogspot.de/

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  2. Hey,
    wie schön, dass du das Buch auch mochtest. Ich habe es auch sehr gern gelesen, ja fast verschlungen, weil der Autor wirklich einige Überraschungen parat hält.
    Deshalb fand ich es auch sehr schwer etwas über den Inhalt zu sagen. Künftige Leser sollen selbst entdecken, was Leavitt mit seinen Figuren macht. Dein Fazit finde ich da richtig toll passend!


    Viele liebe Grüße
    Nanni

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