DER SCHLAFMACHER | MICHAEL ROBOTHAM

Samstag, 27. Februar 2016 0 Kommentare


Er wiegt dich sanft in den Schlaf, und wenn du Glück hast, lässt er dich am Leben ...


Ein abgelegenes Bauernhaus in Somerset wird zum Schauplatz eines brutalen Mordes: Zwei Frauen, Mutter und Tochter, werden eines Nachts von einem skrupellosen Mörder hingerichtet. Doch trotz gründlicher Untersuchungen steht die Polizei vor einem Rätsel. Chief Superintendent Ronnie Cray bittet daher den erfahrenen Psychologen Joe O'Loughlin um Hilfe, der gleich mit mehreren verdächtigen Personen konfrontiert ist. Motive hätten sie alle, der betrogene Exmann genauso wie die zahlreichen Liebhaber. Spätestens aber, als eine weitere Leiche gefunden wird, auf deren Stirn der Buchstabe "A" eingeritzt ist, weiß O'Loughlin, dass er es mit einem verstörten und gefährlichen Täter zu tun hat. Jemand, der sich rächen will, für etwas, das ihm einst angetan wurde. Jemand, der vor niemandem haltmacht, auch nicht vor O'Loughlins Familie ... [Text & Cover: Der Hörverlag]

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[wb] Viele Teile von Romanserien werden mit dem Schlagwort "persönlichster Fall" der jeweiligen Hauptfigur beworben. Dieses Etikett ist bei der Reihe um den an Parkinson erkrankten Psychologen Joseph "Joe" O'Loughlin nicht vonnöten, hier ist jeder Fall persönlich. Von der Polizei als Berater engagiert, gerät er oft selbst ins Visier des aktuellen Gegenspielers. Diesmal findet der persönliche Bezug jedoch in anderer, weitaus tiefer gehender Weise statt, was dem Roman seine Einzigartigkeit verleiht.


Aber der Reihe nach: Einmal mehr fungieren Joe und der pensionierte Polizist Vincent Ruiz als ein komplementäres, einander ergänzendes Team. Während ersterer mit beinahe sokratischen Fragen sein Gegenüber im Innersten erschüttert, stellt Ruiz eine britische Version des Josef Matua dar, einen Mann für's Grobe, der die Sprache der Straße spricht. Unter der rauhen Schale schlägt ein Herz aus freundschaftlicher Aufopferung. Für sich alleine entdeckt jeder der beiden mit seiner individuellen Herangehensweise Aspekte des Falles, die dem anderen verborgen blieben. Gemeinsam auftretend spielen sie einander geschickt die Bälle zu und perfektionieren das "Good cop - Bad cop"-Spiel, das immer wieder funktioniert, obwohl es jeder genau kennt. Insbesondere O'Loughlin wächst im rhetorischen Ringkampf über sich hinaus. Seine Gegner beziehen ihr Selbstbewußtsein aus körperlicher und verschanzen sich hinter Reichtum und sozialem Status verschanzt, doch wie in einer raffinierten Kampftechnik weiß der Psychologe deren Stärke gegen sie selbst zu wenden. Er wartet ab, beobachtet aufmerksam, läßt sie ins Leere laufen. Schließlich setzt er ihr Auftreten, persönliche Gegenstände, mit denen sie ihre vertraute Umgebung gestalten, jede kleinste Regung zu einem Persönlichkeitsbild zusammen, das sie auf eine Weise aus dem Gleichgewicht bringt, die dem nach Gerechtigkeit dürstenden Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Wenn es heißt, dass die Feder dem Schwert überlegen ist, verfügt Joe O'Loughlin über ein bunt gefiedertes Arsenal praktischer Psychologie.

Tatsächlich liegt der Schwerpunkt diesmal ganz auf dieser Figur, sodaß Freunde von Vincent Ruiz, die "Der Insider" genossen haben, sich wohl wieder auf den folgenden Band freuen müssen.

Joe O'Loughlin hadert diesmal in besonderer Weise mit Symptomen seines fortschreitenden Alters. Seine Tochter muß sich auf der Universität für ein Studium entscheiden, ist somit vollauf damit beschäftigt, in ihre Rolle als Erwachsene hineinzuwachsen. Mit einem ehemaligen Studenten namens Milo Coleman erwächst ihm in fachlicher Hinsicht ein unerwünschter Rivale. Er nennt sich selbst "Mindhunter" und betreibt das Profiling als eine Show, bei der er vermeint, vom akademischen Feldherrenhügel aus eine Armee aus Ermittlern befehligen zu können. Dabei geht es ihm weniger um die Bekämpfung des Verbrechens als vielmehr um den eigenen Ruhm. Bei jeder Gelegenheit läßt er daher auch durchklingen, wie sehr er Joe für ein Auslaufmodell seines Standes hält.

Dessen Sorgen sind hingegen weitaus ernsterer Natur. Als sich mit seiner geschiedenen Frau Julianne eine Versöhnung abzeichnet, werden sie mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert: Brustkrebs.
Das verzweifelte Suchen nach Hoffnung verleiht ihrer Beziehung eine nie gekannte Tiefe, das ins Bewusstsein gehämmerte Wissen um die Endlichkeit läßt sie jeden Moment auskosten. Sie suchen Zuflucht in der gemeinsamen Erinnerung, vermeiden es so lange, die Zukunft anzusprechen, bis es sich nicht mehr vermeiden lässt, wenden all ihre Kraft auf, den jeweils anderen zu stützen. Die Mörderjagd muss pausieren, die persönliche Katastrophe sprengt die Geschichte. In einem Gespräch Joes mit seiner Tochter liegen die Nerven beider blank. Beide suchen sie einen nicht existierenden Schuldigen, beide verbeißen sich in der Verzweiflung im anderen, bis sie erkennen, dass sie die Situation nur gemeinsam bewältigen können.

Joe schließlich weiß seine Wut konstruktiv zu kanalisieren, indem er seine Energie auf die Lösung des Falles konzentriert. Damit greift der Autor den roten Faden wieder auf und überrascht mit einer Wendung, die dem Leser alle Bewunderung abringt.

Das Hörbuch wird routiniert von Johannes Steck vorgetragen, der in kauzig-sprödem Tonfall die Hauptfigur so genau trifft, dass man vermeint, sich jederzeit mit ihr unterhalten zu können. Ihm zur Seite schlüpft Stefan Merki furchteinflössend-verschlagen in kurzen Passagen in die Rolle des Täters.


PERSÖNLICHES FAZIT


Obwohl der Roman auch isoliert keine Verständnisprobleme bereitet, ist er eindeutig als Teil einer fortgeschrittenen Serie konzipiert. Wer also Joe O'Loughlin bereits kennt, wird ob Robothams eindringlicher Erzählweise mit ihm triumphieren und leiden.

© Rezension, 2016 Wolfgang Brandner


Der Schlafmacher | Michael Robotham | der Hörverlag*

Übersetzt von Kristian Lutze
Gekürzte Lesung mit Johannes Steck, Stefan Merki
2016 | Hörbuch MP3-CD (gek.) | ISBN: 978-3-8445-2066-8


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