ICARUS | DEON MEYER

Donnerstag, 4. Februar 2016 0 Kommentare

Wer hoch fliegt ...

Bennie Griessel war ein trockener Alkoholiker - bis zu dem Tag vor Weihnachten, als ein Freund seine Familie und sich selbst erschießt. Er beginnt wieder zu trinken, und als seine Kollegen ihn suchen, sitzt er im Gefängnis. Dabei hat Bennie einen neuen, spektakulären Fall. Ein Mann wird stranguliert an einem Strand aufgefunden. Ernst Richter hatte ein besonderes Geschäftsmodell. Allen, die fremdgehen wollten, versprach er, für ein todsicheres Alibi zu sorgen. [Klappentext + Cover: © Aufbau Verlag]

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[wb] Deon Meyer scheint sich das Ziel gesetzt zu haben, in allen Subgenres, die unter "Krimi/Triller" firmieren, zu reüssieren. Nach dem Roadmovie "Das Herz des Jägers" oder zuletzt der Agentenjagd "Cobra" ist er nun mit "Icarus" bei einem Whodunnit nach bester klassischer Vorlage angekommen. Anders als im Vorgänger, wo ein Blutbad mit Sturmgewehren angerichtet wird, bildet ein einzelner Mordfall den Impetus. Das Tempo ist deutlich reduziert, atemberaubende Verfolgungsjagden, in der wie in "Cobra" Sekunden entscheiden, fehlen gänzlich. Vielmehr wird ein Teil sogar in Form von weit ausholdenden Rückblenden erzählt. Bennie Griessel und seine Kollegen müssen keine weiteren Morde verhindern, sondern einen bereits begangenen aufklären. Durch die Wahl dieses Themas befreit sich Deon Meyer geschickt von jedem Zeitdruck und kann sich somit darauf konzentrieren, drei Sub-Themen sorgfältig auszuarbeiten:
Zum einen ist da Bennie Griessel, der nach einem traumatisierenden Leichenfund wieder dem Alkohol erliegt. Dabei wird die Sucht nicht wie oft als heroisch verklärter Gradmesser für polizeiliche Berufserfahrung dargestellt, sondern als ein existenzenzerstörender Verführer, der seine Opfer zermürbt. Meyer zeichnet Schritt für Schritt den Weg in den Abgrund, vom ersten Ausrutscher über die Strategien der Rechtfertigung Griessels vor sich selbst bis hin zur gefährlichen Illusion, die Sucht kontrollieren zu können:

"Nur zwei, drei Jack Daniels nach der Arbeit. Jeden Abend. Das brauchte er. Um zu funktionieren, um das Ungeheuer von seiner Tür fernzuhalten ...", beschwichtigt die Figur sich. 

Der Autor lässt dabei so viel an abgeklärter Lebenserfahrung einfließen, dass er nicht weniger authentisch als Bruce Springsteen in seinen Songs wirkt. Weitaus mehr Energie als zur Klärung des Mordfalls wendet Griessel zunächst dafür auf, die kleinen Flaschen zu verbergen, den spezifischen Geruch seines Atems und die Ausdünstungen seines Körpers zu überdecken. Erst als er von seiner Freundin Alexa verlassen wird und den beruflichen Rückhalt zu verlieren droht, beschließt er, sich dem Feind zu stellen, und auch hier bleibt der Ausgang dieses Kampfes lange ungewiss. 

Zum anderen ist da die Figur Ernst Richter, ein detailverliebter Nerd, der mit einem erfolgreichen Startup bereits in jungen Jahren ein kleines Vermögen anhäuft. Mit einem brillanten Geist gesegnet, ringt er doch ständig um soziale Anerkennung, als hätte sein emotionaler Reifungsprozess nicht mit dem geistigen Schritt gehalten. Er ist konfliktscheu, überlässt das Überbringen schlechter Nachrichten lieber anderen, verwendet sehr viel Geld darauf, Statussymbole anzuhäufen, seine Mitmenschen zu beeindrucken. Kein Wunder also, dass er sich finanziell übernimmt und sich auf dubiose Geschäfte einlässt. Wer Deon Meyer kennt, weiß auch um seine Affinität zu den Produkten jenes IT-Unternehmens, dessen Kunden sich als Fans bezeichnen. Ernst Richter wirkt daher wie ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Steve Jobs gescheitert wäre? Was, wenn das Leben des Technologie-Pioniers eine gänzlich andere Wendung genommen hätte?


Schließlich skizziert Meyer anhand des Winzers Francois du Toit die Geschichte des südafrikanischen Weinbaus. Über mehrere Generationen entwirft er eine Dymnastie, die sich trotz exzentrischer Persönlichkeiten und mehrerer Schicksalsschläge zu einer lokalen Größe im der Veredelung der Rebenfrucht entwickelt. Trotz harter Arbeit und fundiertem Fachwissen, teils zugekauft, teils selbst erworben, gilt doch der südafrikanische Wein generell in seinem Renommee als dem französischen unterlegen. Was aber, wenn sich die Möglichkeit für einen Zusatzverdienst ergibt, wenn man die Herkunftsbezeichnung weniger genau angibt, als vorgeschrieben? Obwohl die Versuchung, die der Alkohol auf du Toit ausübt, anderer Art als die bei Griessel beobachtete ist, eine Parallele ist zweifellos gegeben. 

Die Entwicklung einer Geschichte anhand mehrerer Handlungsstränge, deren Zusammenhang sich dem Leser erst am Schluß offenbart, ist für den Autor nicht neu. Bereits "Der Atem des Jägers", der erste Teil in der Reihe um Bennie Griessel, stachelt zum Raten an, in welcher Weise die einzelnen Teilerzählungen miteinander verbunden sind. Dazu steckt er die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen anhand aktueller Bezüge ab. So ist immer wieder die Rede von dem international bekannten Fall um Oskar Pistorius, und auch die immer noch in den Köpfen verankerte Apartheid ist zwischen den Zeilen zu spüren. 

PERSÖNLICHES FAZIT


Verpackt als eine sorgfältig entworfene Mördersuche erzählt Deon Meyer vom Alkohol in seiner edelsten und in seiner schädlichsten Form und verpaßt in einem Gedankenexperiment dem bekanntesten börsennotierten Apfel einen faulen Kern.

© Rezension 2016, Wolfgang Brandner



Icarus | Deon Meyer | Rütten & Loening

Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
2015 | 1. Auflage, gebunden | 432 Seiten | ISBN: 978-3-352-00671-5


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