SCHÖNE SEELEN | PHILIPP TINGLER

Freitag, 19. Februar 2016 0 Kommentare


»Ich bin aufgewachsen in einer Sphäre, wo man nicht mal dann sagt, was man denkt, wenn das Haus in Flammen steht«, erklärt Lauren ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Oskar Canow. Denn Oskar will eine Therapie machen, für seinen Freund Viktor. Dort soll er stellvertretend dessen Eheprobleme vorbringen und das in einem gesellschaftlichen Milieu, wo man nichts mehr fürchtet als Peinlichkeit, wo Schein und Einbildung so real sind wie Botox-Spritzen und Diätpillen, wo Partygeschwätz das Leben ersetzt und der Psychotherapeut kleine Aufwallungen des Gemüts zu glätten hat wie der Schönheitschirurg die Haut. »Es gibt einfach keine Version dieses Szenarios, die nicht katastrophal endet« so bewertet Lauren Oskars Plan. Und sie hat recht. Oder doch nicht? [© Text und Bild: Kein & Aber Verlag]

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[mk] Mit 'Schöne Seelen' begeben wir uns in die High Society Zürichs, in eine Gesellschaft, die sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Und mit Schönheits-OPs, Inneneinrichtung und Haarstyling. Die Dinge, die sich 'normale' Menschen in ihrem Leben als Ziel setzen, bekommen sie praktisch in die Wiege gelegt. Und wenn sich doch mal ein Problem ergibt, geht man natürlich zu dem derzeit angesagtesten Therapeuten.

Die Idee, dass Oskar für seinen Freund Viktor zum Seelendoktor geht, ihm dessen Ehesorgen als seine darlegt und Viktor anschließend die Lösungsansätze berichtet, wirkt auf mich ziemlich konstruiert. Allerdings sehe ich diese Geschichte nur als Aufhänger, um aufzuzeigen, wie die Protagonisten so ticken. Wenn beispielsweise Lauren ihren Mann Oskar 'Kleines' nennt ist das eher unkonventionell.

Philipp Tingler nimmt diese Gesellschaft auf die Schippe. Normalerweise interessiert mich dieses Milieu gar nicht, aber hier sprühen die Dialoge von Ironie und enden häufig in pointierten, treffsicheren Spitzen. Ich spüre förmlich, welchen Spaß der Autor beim Schreiben hatte. Und den hatte ich auch, immer wieder musste ich Schmunzeln. Vor allem im zweiten Kapitel, wo sich die wichtigsten Einwohner Zürichs zu einer Beerdigung versammeln, bekommt die High Society ihr Fett weg. Ein wunderbares Vergnügen, da war so mancher Lacher drin. Allerdings hält dieses Niveau nicht das komplette Buch durch, ein paar Passagen haben sich etwas gezogen.

„Ich will dir mal was sagen, Lauren. Setz dich zu mir."
"Das geht nicht. Dieses Balenciaga-Kleid ist nicht zum Hinsetzen gemacht." (S. 158)


Der Roman ist nicht gerade in einem Rutsch lesbar. Die Sprache, die der Autor verwendet, passt zwar hervorragend zum Thema, viele Fremdwörter und ungewöhnliche Beschreibungen verlangen aber Aufmerksamkeit und lassen den Text ebenso wie die Beteiligten, sicherlich beabsichtigt, ziemlich gestelzt wirken.

Da es im Buch ja um eine Therapie geht, kommen auch einige Ansätze zur Sprache. Manches kann man ernst nehmen, anderes weniger. Die Aussagen führen nicht immer zu einem Ziel, anregend sind sie aber allemal. Ob die gewonnenen Erkenntnisse Sinn machen, darf jeder Leser für sich selbst entscheiden. 

PERSÖNLICHES FAZIT


Wer sich für die menschliche Psyche nicht interessiert, ist bei diesem Buch schlecht aufgehoben. Mit seinem therapeutischen Ansatz nimmt Philipp Tingler mit viel Ironie die High Society Zürichs auseinander. Trotz mancher Längen hatte ich sehr viel Spaß dabei. Die Schreibart ist nicht einfach zu lesen, passt aber zum Milieu, um das es hier geht.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Schöne Seelen | Philipp Tingler | Kein & Aber Verlag*

2015, gebunden, 336 Seiten, ISBN: 9783036957234



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