WINTERGÄSTE | SYBIL VOLKS

Dienstag, 2. Februar 2016 4 Kommentare

Eine Familiengeschichte, bei der die Autorin ganz neue Wege geht: Sie liefert einen Roman, bei dem die Protagonisten, ihre Gefühlswelt sowie ihre seelische Entwicklung und weniger die Handlung und die Spannung im Mittelpunkt stehen.


 Cover_Wintergaeste
Die Nachricht von Inge Boysens Tod war ein Fehlalarm. Doch da haben sich Kinder und Kindeskinder bereits in dem kleinen Haus hinter dem Deich versammelt. Kurz vor dem Jahreswechsel schneidet ein Schneesturm Haus Tide und seine Bewohner von der Außenwelt ab. Während draußen die Welt vereist, kochen im Innern alte Feindseligkeiten und neue Sehnsüchte hoch. Drei Generationen in einem eingeschneiten Inselhaus – in wenigen Tagen entfaltet sich zwischen ihnen das Leben in seiner ganzen Tragik, Komik und Magie. [Klappentext + Cover: dtv Verlag]

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[sk] Kennt ihr das auch, dass ihr ein Buch vor euch habt, den Klappentext lest und dann eine ganz bestimmte Art der Geschichte erwartet und letztlich schlagt ihr das Buch nach dem Lesen zu und die Geschichte war ganz anders als gedacht?
Genau diese Erfahrung machte ich bei dem Familienroman „Wintergäste" von Sybil Volks. Nachdem ich das wunderschöne, ruhige und auch idyllische Landschaftscover betrachtet und den Klappentext gelesen hatte, stellte sich bei mir der Gedanke an eine seichte Familiengeschichte ein, bei der im Laufe der Handlung so einige kleine Geheimnisse ans Licht kommen und bisher vielleicht noch unbekannte bzw. verdrängte Probleme gelöst werden. Im Grunde wurde dies auch umgesetzt, doch ganz anders als ich es erwartet hatte. Die Autorin setzte in diesem Buch den Fokus primär auf die Figuren selbst und deren eigenen Umgang mit ihren Problemen, Sorgen, Ängsten und auch Sehnsüchten. Diese Art von Familiengeschichte war mit gänzlich neu und ich wusste auch zunächst nicht, ob sie mir gefällt. Ich war hin und her gerissen zwischen meinen Erwartungen und dem, was die Autorin mir bot.

Die Familie Boysen ist für mich keine typische Familie. Das Schicksal führt sie zusammen, doch hatte ich die gesamte Zeit das Gefühl, dass sie zwar physisch in ein und demselben Haus lebten, aber von einer richtigen Familie weit entfernt waren. So war meistens jeder für sich, in seinem eigenen Zimmer mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Eine richtige Gemeinschaft, gegenseitige Fürsorge etc. kam in der ganzen Zeit nicht so recht auf. Am liebsten wäre ich zu der Familie gefahren und hätte ihnen einmal gehörig die Meinung gesagt. Was ist denn das auch für eine Familie, bei der nicht einmal der Tod eines geliebten Menschen die einzelnen Familienmitglieder zusammenschweißt und die eigenen Probleme unbedeutend werden lässt?

Die Autorin schafft es den Leser sehr stark in die Gefühlswelt der einzelnen Familienmitglieder eintauchen zu lassen. Ich fühlt mich den Personen emotional teilweise sehr stark verbunden und letztlich hat sich zu einigen sogar eine Art Hassliebe entwickelt. Einige wollte ich in den Arm nehmen, mit den beiden Jüngsten wollte ich auf Entdeckungstour gehen, manch anderen wollte ich anschreien oder mal richtig wachrütteln. Es war eine sehr emotionale Achterbahnfahrt, die mich sehr überrascht hat und die ich auch gar nicht erwartet hatte. Der Schreibstil der Autorin war für mich sehr authentisch, ausdrucksstark und hoch emotional zugleich. Er passte einfach perfekt zu diesem doch eher ungewöhnlichen Stil der gesamten Geschichte. Denn hier stand keine Handlung im Mittelpunkt, sondern die einzelnen Charaktere wurden mit viel Liebe zum Detail herausgearbeitet und weiterentwickelt.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich damit auch so meine Probleme beim Lesen hatte. Die fehlende Handlung sowie in gewisser Weise auch Spannung und damit verbunden dieser starke Fokus auf die Personen stellte mich nicht immer zufrieden. Eher im Gegenteil, es dauerte sehr lange, ja fast bis zum Ende des Buches, bis ich mit diesem Stil warm wurde und mich für ihn letztlich sogar begeistern konnte.

Der richtig große Wermutstropfen des gesamten Buches war allerdings dann doch dieses offene Ende. Sehr viele Fragen, etwa Was es mit Ennos Krankheit nun genau auf sich hat und ob er sie überwinden kann? Oder was aus Gesa und Jochen wird? Bzw. wie die Erbfrage nun letztlich geklärt wird? - blieben schlussendlich unbeantwortet. Das fand ich sehr schade, da es mich irgendwie ratlos zurückließ. Sicherlich ist nichts gegen ein offenes Ende einzuwenden, doch habe ich mich bei dem von der Autorin gewählten Abschluss der Geschichte irgendwie mittendrin allein gelassen gefühlt. Es endete für mich alles dann doch viel zu abrupt und viel zu viel blieb unausgesprochen. Schade eigentlich..

PERSÖNLICHES FAZIT


Dieses Buch besticht vor allem durch seinen besonderen Stil – den Leser erwartet hier eine Familiengeschichte, die ihren Fokus weniger auf die Handlung als vielmehr auf die Gefühlswelt der Charaktere sowie deren Entwicklung legt. Obwohl ich zunächst lange mit mir selbst gehadert habe, hat mich diese Form der Familiengeschichte letztlich vollends begeistert. Einzig und allein das sehr offene Ende voller Fragen in meinem Kopf hat mich etwas enttäuscht und auch ratlos zurückgelassen. Insgesamt kann ich das Buch dennoch jedem empfehlen, der Familiengeschichten der besonderen Art mag, die für den Leser auch etwas anspruchsvoller sind.

© Rezension: 2016, Sandra Krause


Wintergäste | Sybil Volks | dtv Verlag*

21.08.2015, Taschenbuch, ISBN: 9783423260800




Buchtrailer: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag 

*Amazon PartnerLink

Kommentare:

  1. Hallo liebe Sandra,

    dieses Buch liegt tatsächlich schon seit ein paar Monaten auf meinem SuB und hat bisher keine wirkliche Beachtung von mir bekommen. Es war Teil eines Buchpaketes das ich gewonnen hatte. Aber nun hast du es mir doch sehr schmackhaft machen können! Dennoch bin ich gar kein Freund von offenen Enden, da dies aber deine Einschätzung nur etwas zu schmälern scheint, freue ich mich trotzdem darauf!

    Vielen Dank!

    Ganz liebe Grüße,
    Deborah

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  2. Hallo Deborah,

    Oh, ich bin gespannt wie dirgendwie das Buch gefallen wird. Bei mir hat es etwas gedauert, bis mich das Buch begeistern konnte. Es ist eine sehr spezielle, aber wie ich finde auch besondere, Art eine Familiengeschichte zu schreiben. Ja, offenE Enden sind immer so eine Sache. Ich bin auch nicht wirklich ein Freund davon. Bei diesem Buch war es einfach nur schrecklich schade, da ich auch die meiste Zeit auf das Ende hingefiebert habe und dann war ich irgendwie doch enttäuscht, dass noch so vieles ungeklärt war.

    Dennoch meine Empfehlung : Lesen une auf den doch ein bisschen ungewöhnlichen Stil einlassen.

    Viel Spaß dabei wünscht dir
    Sandra vom Bücherkaffee

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  3. Der Roman ist auf jeden Fall anspruchsvoll und ist sicher nichts für jemanden, der mal eben schnell ein Buch so zwischendurch lesen will.

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  4. "Wintergäste" hat mir sehr gefallen. Ich fand es geradezu großartig, die einzelnen Personen selbst ihre Sichtweisen und Empfindungen darlegen zu lassen.Auch die Unsicherheiten der Familienmitglieder bis hin zu Entscheidungsfindungen oder auch nicht, finde ich sehr nachvollziehbar und aus dem Leben gegriffen.
    Nur das völlig offene Ende weist eher auf einen Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift hin und der Hinweis auf ein Folgebuch ist doch etwas "hart". Allerdings gebe ich zu, daß es bei mir die Wirkung nicht verfehlt hat und ich mich schon darauf freue.
    Liebe Grüße
    Helga

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