DER KAFFEEDIEB | TOM HILLENBRAND

Donnerstag, 10. März 2016 2 Kommentare


 Der_Kaffeedieb
Am Ende des 17. Jahrhunderts verfällt Europa dem Kaffee. Philosophen in London, Gewürzhändler in Amsterdam und Dichter in Paris: Sie alle treffen sich in Kaffeehäusern und konsumieren das Getränk der Aufklärung.
Aber Kaffee ist teuer. Und wer ihn aus dem jemenitischen Mocha herausschmuggeln will, wird mit dem Tod bestraft. Der Mann, der es trotzdem wagen will, ist der junge Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou. Er hätte allen Grund sich umzubringen, nachdem er an der Londoner Börse Schiffbruch erlitten hat. Nur ein großes Geschäft, ein ganz großes, könnte ihn vor dem Ruin bewahren. Und so geht er aufs Ganze: Mit finanzieller Unterstützung der Vereinigten Ostindischen Compagnie stellt er eine Truppe internationaler Spezialisten zusammen, um den Türken den Kaffee zu klauen. Die spektakuläre Reise scheint zunächst zu gelingen, doch dann sind immer mehr Mächte hinter ihnen her … [© Text und Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch]
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[mk] Kurz mal ins Arabische jetten und ein Säckchen Kaffeebohnen klauen kann doch nicht so schwer sein. Heutzutage. Im Jahr 1683 ist das doch deutlich schwieriger. Also macht sich Obediah an die Planung des Coups. Seine Auftraggeber wollen nicht nur ein paar Kaffeebohnen, sie wollen ganze Pflanzen, um sie in großem Stil selber zu züchten. Die sollten nach der langen Rückreise auch heil ankommen. Dazu benötigt er einen Biologen und einige andere, die er zu einem Team zusammenstellt. Obediah selber ist ein sehr guter Fälscher und das, was man auf Neudeutsch einen „Technik-Nerd" nennt. Er packt alles mit ein, was ihnen an technischen Hilfsmitteln dieses Zeitalters zur Verfügung steht. Nach der sorgfältigen Vorbereitung startet die Gruppe zu dem fernen Südzipfel der arabischen Halbinsel.

Von Beginn an stehen sie unter Beobachtung. Spione des französischen Königs haben Wind davon bekommen, dass der Engländer Obediah Chalon etwas Geheimes plant. Man vermutet eine Intrige gegen Louis XIV. und verfolgt möglichst jeden seiner Schritte. Europa war damals politisch sehr unruhig, deshalb hatten die großen Mächte in allen wichtigen Städten Agenten positioniert. Der Roman kommt mir manchmal wie ein Spionagethriller vor, wenn ich einen der Briefe des Franzosen an seinen König lese. Bei all den falschen Informationen, die dort enthalten sind, ist die Wahrheit kaum zu erkennen.




Die politischen Zusammenhänge haben auch Einfluss auf die Reise der Truppe. Die historische Genauigkeit des Buchs ist bemerkenswert, die akribische Recherche des Autors zahlt sich dabei aus. Ob Politiker, Wissenschaftler, Orte oder Ereignisse, alles ist im korrekten Kontext verknüpft, was durchaus lehrreich ist. Auch die Gespräche mit der damaligen Ausdrucksweise tragen dazu bei, mich in die Zeit zu versetzen. Allerdings geht dieser Detailreichtum deutlich zu Lasten des Tempos. Rasant wird es erst gegen Ende. Mehr in der Art wäre zwischendurch wünschenswert gewesen.

Obediah und seine Leute sind anfangs eher blass, es dauerte bei mir einige Zeit, bis sie mir sympathisch wurden. Etwas mehr Emotionen im Laufe der Geschichte hätten da bestimmt geholfen. Erst im hinteren Teil des Buchs leide und freue ich mich so richtig mit den Helden.


PERSÖNLICHES FAZIT


Sehr detailreich und historisch äußerst korrekt lässt Tom Hillenbrand das 17. Jahrhundert lebendig werden. Die Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Umstände finde ich interessant und faszinierend. Auch die Idee für die Expedition gefällt mir. Schade dass erst gegen Ende so richtig Tempo aufkommt. Dieser Schwung fehlt mir zwischendurch. Trotzdem ist „Der Kaffeedieb" für mich eine unterhaltsame und bemerkenswerte Reise in den Orient.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Der Kaffeedieb | Tom Hillenbrand | Verlag Kiepenheuer & Witsch*

10. März 2016, gebunden, 480 Seiten, ISBN: 9783462315608



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Kommentare:

  1. Das wandert gleich mal auf meine Wunschliste!

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  2. Schön, dass es Dich anspricht, liebe Kerstin. Viel Vergnügen damit, wenn Du es dann hast :)
    Marcus vom Bücherkaffee

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