DIE SEHNSUCHT DES VORLESERS | JEAN-PAUL DIDIERLAURENT

Samstag, 5. März 2016 0 Kommentare



Guylain Vignolles liebt Bücher und hasst seinen Job in einer Papierverwertungsfabrik. Darum liest er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug um 6 Uhr 27 laut ein paar Seiten vor, die er am Tag zuvor der Schreddermaschine entrissen hat: sein ganz persönlicher Akt der Rebellion gegen die Vernichtung von Literatur
Eines Tages entdeckt er im Zug einen USB-Stick, auf dem das Tagebuch einer jungen Frau gespeichert ist. Tief bewegt liest er nun ihre Geschichten vor - und der Zauber springt auch auf die Mitreisenden über. Viel wichtiger aber noch: Die Geschichten verändern Guylains Leben von Grund auf. Er muss diese Frau finden! [© Text und Bild: dtv Verlag]

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[mk] Guylain lebt ein unscheinbares Leben. Er geht täglich zur Arbeit, plagt sich mit seinem unangenehmen Kollegen und dem cholerischen Chef herum, bis er abends müde zu seinem Goldfisch nach Hause kommt. Die meisten würden wohl sagen, dass er verrückt ist, wenn er im Zug anfängt vorzulesen. Es macht ihn zu einem skurrilen Außenseiter, der mir aber schnell sehr sympathisch wird. Und schließlich warten die Mitfahrer in seinem Waggon darauf, dass er die Seiten herausholt und anfängt.

Die Charaktere sind die größte Stärke des Buchs. Jeder hat die eine oder andere Macke, und gerade das macht sie so liebenswürdig. Didierlaurent macht damit ganz unauffällige Menschen zu Helden, solche, an denen wir auf der Straße meist einfach vorbeigehen. Und sie haben ihr Herz am rechten Fleck. Ob das Guylains ehemaliger Kollege Giuseppe, der Pförtner Yvon oder Julie ist. 

Guylain und wir lernen Julie kennen, als er im Zug einen USB-Stick mit zweiundsiebzig Tagebucheinträgen von ihr findet. Er ist total geflasht von ihr, nachdem er sie durchgelesen hat. Klar, dass er davon auch seinen Zuhörern im Zug davon vorliest. Schließlich macht er sich mit Giuseppes Hilfe auf die Suche nach ihr.



Ich fand das gelungen gestaltete Cover des Buchs gleich ansprechend. Und auch im Inneren ist es sehr schön gestaltet. Die Texte, die Guylain vorliest, werden in einer anderen Schriftart dargestellt, das ganze Layout unterstreicht die Stimmung des Buchs sehr gut.


PERSÖNLICHES FAZIT


Ich mag keine Bücher mit allzu viel „Herzschmerz". Die schrulligen, skurrilen Charaktere von „Die Sehnsucht des Vorlesers" finde ich aber sehr sympathisch und liebenswürdig. Ein Buch, das man auf einen Rutsch durchlesen kann und seine Leser zurücklässt „wie frisch gestillte Säuglinge: satt, glücklich und rundherum zufrieden" (S. 179).

© Rezension: 2016, Marcus Kufner



Die Sehnsucht des Vorlesers | Jean-Paul Didierlaurent | dtv Verlag*

Aus dem Französischen von Sonja Finck
22. September 2015, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN: 9783423260787



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