LESUNG AUS "STILL" IN DER MOSBACHER BUCHHANDLUNG AM KÄFERTRÖRLE - VOLKER STEPHAN IM INTERVIEW MIT THOMAS RAAB

Dienstag, 15. März 2016 0 Kommentare


Wie der österreichische Bestseller-Autor Thomas Raab seine verfilmte Krimi-Kultfigur Metzger warten lässt, ein Fenster im Hirn öffnet und mit dem aktuellen Roman Still. Chronik eines Mörders (Droemer Verlag) ins große Literatur-Universum blickt. Und warum er sich in die Herzen von Frauen und Kindern schreiben möchte. Thomas Raab sprach mit dem Journalisten Volker Stephan

Eine absolute Empfehlung! Lesung am Donnerstag, 17. März - 19.30 Uhr: MOSBACH - Bücher am Käfertörle.  >> Tickets unter Tel. 06261-917277






Herr Raab, warum haben Sie die Erfolgsfigur Willibald Metzger für Still in die Warteschleife geschickt? 

Thomas Raab: Ich musste eine Altlast loswerden. Seit einem Griechenland-Urlaub mit meiner Frau vor 13 Jahren hatte ich die Idee für die Figur des Karl Heidemann. Am Strand sind wir einem älteren Herrn mit einem etwa 14 Jahre alten Jungen begegnet. Die beiden haben kein Wort miteinander geredet.


Hatten aber miteinander zu tun? 

Thomas Raab: Ja. Sie waren zusammen dort. Haben gemeinsam gebadet, gelegen, alle Mahlzeiten zu sich genommen. Ohne ein Wort. Irgendwann sagte meine Frau: "Der Jüngere belauscht uns. Der sagt nichts, hört aber alles." Unheimlich. Daraus entstand die Idee für einen Menschen, der ein sehr feines Gehör hat. Und damit einen Makel, mit dem er auf die Welt kommt. Was wird aus so einem? 


Ist Still also Ihr Wechsel ins seriöse Fach? 

Thomas Raab: Was ist seriös? 


Behandelt Still die großen Fragen des Lebens vielleicht auf ernsthaftere Weise, als eine schrullige Figur wie Metzger dies tun könnte? 

Thomas Raab: Um meinen großen Respekt vor Büchern aller Art deutlich zu machen, muss ich etwas ausholen. Als Legastheniker habe ich mich in der Schule mit dem Lesen extrem schwer getan. So viele tolle Bücher, die ich gerne lesen wollte. Das gelang mir aber nur in sehr langsamem Tempo, eine Katastrophe! Seither sträubt sich etwas in mir, wenn der Zugang zu Büchern künstlich erschwert wird, sei es durch Schubladendenken oder Abqualifizieren. 


Was meinen Sie genau? 

Thomas Raab: Dass Kritiker Bücher als seichte Literatur abstempeln oder als Frauenromane einordnen. Schauen Sie: Bei meiner Frau am Bett liegt ein Stapel Bücher mit diesen oft rosafarbenen Einbänden. Sie ist Schauspielerin, kommt spät nach Hause, wir haben dann noch bis 21 Uhr eine anstrengende Phase mit unseren beiden Mädchen. Und trotzdem greift sie vor dem Einschlafen noch zu jenen Büchern, die Kritiker in dreister Weise abwerten. Um Gottes willen, so etwas liest meine Frau..., könnte ich denken. Dann aber höre ich sie auf einmal lachen. 


Worüber? 

Thomas Raab: Weil es amüsant, weil es toll geschrieben ist. Es ist eine hohe Kunst, ein Buch zu verfassen, das Menschen die Schwere des Tages nimmt und sie unterhält. Das ist eine höhere Kunst, als über die Tragödien dieser Welt zu schreiben und sich darin zu suhlen, wie scheiße alles ist. 


Woher kam Ihre Überzeugung, Lieblingsbücher erschaffen zu können? 

Thomas Raab: Sie entstand zufällig. Die Inspiration zu Still ist ja viel älter als mein erster Metzger-Roman. Den habe ich angefangen zu schreiben, um mich selbst zu unterhalten und die Zeit zu überbrücken, bis meine Frau vom Dreh nach Hause kam. Aus dem Metzger ein Buch zu machen, war nie geplant. An Mut aber hat es mir trotz der Lese-Rechtschreib-Schwäche nie gefehlt, sonst wäre ich wohl nie Lehrer geworden. 


Und Musiker sowie schließlich „Metzger-Meister“... 

Thomas Raab: Der Metzger hat mein Leben komplett verändert. Ich liebe ihn, habe aber nach sechs Büchern eine Pause gebraucht. Lange konnte ich den Mut nicht fassen, das schwierige Thema von Still anzupacken. Es war allerdings zu drängend in mir, ich konnte den Bub vom Strand in Griechenland einfach nicht vergessen. 


Warum passt er nicht in einen Metzger-Band? 

Thomas Raab: Ich bin von der Figur des Karl Heidemann dermaßen verschluckt und übermannt worden, wie das noch nie zuvor bei meinen Metzger-Büchern der Fall war. Zu beschreiben, aus welcher Motivation jemand Böses tut ohne böse Absicht; meine Neugierde zu sehen, was mit der Figur passiert; knallhart an ihr dran zu bleiben – all das ließ nur einen eigenen Roman zu. Selbst auf die Gefahr hin, dass mir die Metzger- und Krimifans den Ausflug übel nehmen würden. 


Warum sollten sie? 

Thomas Raab: Ich hatte Angst, sie zu verprellen. Sie sind gewohnt, dass es auch sehr humorig zugeht. 


Und da kommen Sie mit Still aus einer Art Schreib-Therapie und verkünden: „Schluss mit lustig“? 

Thomas Raab: (lacht) Ja. Mit einem weiteren Metzger hätte ich die sichere Karte gespielt. In Österreich sind auch nicht alle Metzger-Fans mitgegangen. In Deutschland hat das Interesse dank Still schlagartig zugenommen. Ich habe das Gefühl, dort erst jetzt als Autor wahrgenommen zu werden. 


Anlass zur überschwänglichen Freude? 

Thomas Raab: Kommt darauf an. Ich hatte erst die Hosen voll, welche Kritiken Still bekommen würde. Eine gute wie im „Spiegel“ ist da natürlich erfreulicher als ein Verriss der „Welt“. Am Ende ändert es nichts daran, dass ich wieder in meine schreibende Einsamkeit am Computer zurückkehre. Als Autor versuche ich mich davon frei zu machen, ständig zu googeln, wie ich beurteilt werde. Ich muss unangreifbarer werden und emotional im Gleichgewicht bleiben. 


Hilft dabei ein Wagnis wie Still? 

Thomas Raab: Die Unsicherheit ist weg, das Glücksgefühl überwiegt. Ich habe eine große Lust entdeckt, mich als Schriftsteller auszuprobieren und anders zu schreiben. Auf einmal öffnet sich in meinem Hirn ein großes Universum. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ganz unbekannte Sachen, die ich mich trauen könnte. 


Zum Beispiel? 

Thomas Raab: Ich könnte mich an einen abgefahrenen Familienroman wagen. Das Heranzoomen an Figuren reizt mich einfach. Den Menschen unter die Haut zu schauen, über die ich schreibe, das fasziniert mich. Ich würde auch gerne eines dieser Bücher schreiben, die Menschen wie meine Frau abends noch auf leichte Art unterhalten. Das würde ich ganz in Rosa anfertigen lassen, mit einem Herzerl drauf. 


Während die alte Liebe zum Metzger vertrocknet? 

Thomas Raab: Nein. Der Metzger brüllt doch jetzt schon im Hintergrund - und wie! Das muss er aber noch ein wenig. Es hat Zeit gekostet, den alten Stil zu finden und mich wieder auf ihn einzulassen. Deshalb gab's den nächsten Band Der Metzger allein auch nicht schon im Januar, sondern er kommt erst im August 2016. 


Aus noch fernerer Zukunft erreicht Sie die letzte Frage. Sie wird 2040 gestellt, von Ihren beiden Mädchen: „Papa, tolle Karriere mit unglaublich vielen Preisen. Wir sind mächtig stolz, dass du eine so erfüllende Aufgabe gefunden hast. Aber warum hast du vergessen, uns eine Geschichte zu schreiben, als wir Kinder waren?“ 

Thomas Raab: Ich kriege gerade eine Gänsehaut. Ein Kinderbuch ist in der Tat eines meiner größten unvollendeten Projekte. Gerade mal ein paar Absätze habe ich zu Papier gebracht. Ich liebe es ja, meinen Kindern vorzulesen. Das passiert leider viel zu selten, weil ich oft unterwegs bin. Die Mädchen lassen alles stehen und liegen, wenn meine Frau und ich mit einem neuen Buch ankommen. Das macht mich glücklich, weil auch ich so aufgewachsen bin; und ich kannte das gefährliche Gift von Tablet-PCs und Smartphones nicht. Ja, ich will unbedingt in die Königsklasse des Kinderbuches aufsteigen. Ihr verspreche euch: Das wird passieren, meine Lieben! 


© Interview: Volker Stephan
in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Am Käfertörle in Mosbach


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