STOCKMANS MELODIE | JOÃO TORDO

Sonntag, 13. März 2016 0 Kommentare



Nach erfolglosen Jahren in Montreal kehrt der Kontrabassist Hugo nach Lissabon zurück, um dort mit seiner ersten Jazzkomposition endlich den musikalischen Durchbruch zu erzielen. Doch als er ein Konzert des berühmten wie geheimnisumwitterten Pianisten Luís Stockman besucht, verwandelt sich der erhoffte Neuanfang in seinen schlimmsten Alptraum: Stockman spielt eine Melodie, die Hugo mehr als vertraut vorkommt – denn es ist seine eigene. Als er dann auch noch auf der Straße mit dem Pianisten verwechselt wird, beginnt für Hugo eine obsessive Suche nach seinem Doppelgänger, bei der er sich immer mehr in einem Labyrinth aus Realität und Wahn verliert ... [© Text und Bild: Droemer Knaur Verlag]
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[mk] Hugo kehrt als gescheiterter Musiker in seine Heimatstadt Lissabon zurück. Er bezeichnet sich selbst als Verlierer, er ist melancholisch, gibt sich dem Selbstmitleid hin und weiß, dass er ein Alkoholproblem hat. Er ist über vierzig und ein Loser, allerdings keiner der sympathischen Art. Ich würde ihn am liebsten am Kragen packen und wachrütteln, damit er sich nicht so treiben lässt.

Alles was er noch hat ist seine Komposition, die ihm seit Jahren durch den Kopf geht. Es ist ein Schock für ihn, als er diese bei Stockmans Konzert hört. War sie das wirklich? Hat er sich das nur eingebildet? Wer ist dieser Pianist, der ihm so ähnlich sieht? Ist es der Geist seines Zwillingsbruders, der kurz nach ihrer Geburt gestorben ist? Hugo wird immer verzweifelter auf der Suche nach Antworten, er findet einfach keine plausible Erklärungen auf die Fragen.

Im ersten Teil des Buchs begleiten wir Hugo nach seiner Rückkehr nach Lissabon und wie er immer weiter in Sinnlosigkeit und Besessenheit abrutscht. Sprachlich ist es nicht so poetisch wie ich es erwartet hätte und inhaltlich eher ruhig. Mir wäre es fast schon zu langweilig, wenn es so bis zum Ende weiter gegangen wäre. Aber das tut es nicht. Die zweite Hälfte ist wie die Rückseite eines Spiegels, es ändert sich die Perspektive. Und damit ändert sich auch die Wahrheit – was ist echt, was ist nie passiert? 

Es ist für die Protagonisten wie auch für mich als Leser verstörend und aufwühlend, wenn man daran zweifelt, ob es die Person überhaupt gibt, ob es nur Einbildungen eines Trinkers sind, das kann doch eigentlich nicht sein, oder doch? Es kommt mir vor, als gäbe es mehrere Ebenen der Realität. João Tordo spielt hier gekonnt mit der Imagination seiner Leser. 

PERSÖNLICHES FAZIT


Musiker auf der Suche nach Sinn und Erfüllung – mutig, oder doch zwecklos? Nach der ruhigen, sehr melancholischen ersten Hälfte wird es im zweiten Teil dramatischer. Ich zweifle fast an allem, was bis dahin passiert war. Ein verblüffender Effekt, der sehr verstörend wirkt. Als ich beinahe schon gelangweilt war, hat das Buch noch eine Wendung genommen, die ich nicht erwartet hätte und mich letztlich doch von dem Roman überzeugt hat.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Stockmans Melodie | João Tordo | Droemer Knaur Verlag*

Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
1. Februar 2016, gebunden, 256 Seiten, ISBN: 9783426281253


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