REZENSION: DER RUF DES HENKERS | BJÖRN SPRINGORUM

Samstag, 23. April 2016 0 Kommentare


England, Mitte des 19. Jahrhunderts Unfreiwillig gerät Richard Winters in die Hände des berüchtigsten Henkers von ganz England. An der Seite von William Calcraft führt er fortan das finstere Leben eines Henkerslehrlings. Rasch merkt er, dass sein strenger Meister ein Geheimnis verbirgt, das seine Welt für immer aus den Angeln heben wird. Richard muss beweisen, dass er dieser Aufgabe gewachsen ist. Doch als er in London ausgerechnet seine große Liebe wiedertrifft, steht urplötzlich noch viel mehr auf dem Spiel … [Klappentext & Cover: © Thienemann Verlag]

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[az] Björn Springorum entführt mit "Der Ruf des Henkers" in eine historisch-fantastische Welt Mitte des 19. Jahrhunderts. Besser gesagt befinden wir uns in England und reisen zusammen mit den beiden Protagonisten ins düstere London seiner Zeit, wo im Verborgenen eine große Gefahr für die Menschheit lauert.

Die Geschichte wird von William Calcraft, dem berühmtesten Henker Englands und von seinem jungen Lehrling Richard Winters erzählt. Damit man gut den Überblick behält, wessen Part man gerade liest, wurden die jeweilig erste Seite eines Kapitels besonders durch eine Torbogen-Illustration hervorgehoben, der auch schon auf dem Cover des Schutzumschlages zu sehen ist. In diesem Torfboden steht immer der jeweilige Name des Erzählers. Auch die Kapitelzahl wird hier in altrömischen Zahlen ausgegeben. Eine optisch sehr gelungene Hervorhebung. Aber es gibt auch noch eine dritte Person, die nicht ganz unerheblich zum Geschehen beiträgt. Und war die junge Rose, Tochter des Hotelbesitzers Benjamin Goldberg in Whitechapel, wo Calcraft und Richard während ihres Auftrages in London leben.
Rose vertraut ihre Gedanken und Gefühle ihrem Tagebuch an und diese in einer anderen Schriftart dargestellten Einträge durchziehen ebenfalls die Geschichte und sorgen für die nötige Abwechslung im Geschehen.

Da Verbrechen und Brutalität in diesem viktorianischen Zeitalter stark vertreten war, galt das Gesetz der öffentlichen Hinrichtungen noch weitestgehend. Dafür werden natürlich Henker benötigt und keiner führt diesen unbeliebte Arbeit besser aus als der berüchtigte und weit über Londons Grenzen hinaus bekannte William Calcraft. Im Laufe der Zeit hat er sich einen dementsprechenden Ruf erarbeitet und wird gefürchtet, wo immer er auch auftaucht. Diesen Ruf hat er selbst vorangetrieben, hat er doch wahrlich sehr gute Gründe dafür.
Gnade ist ihm ein Fremdwort und er führt seine Arbeit immer äussert gewissenhaft aus, teilweise mit viel Tamtam drum herum, sodass es den Eindruck erweckt, er habe Spaß an dem, was er tut. Und doch lässt er in der kleinen Stadt Scheerness Gnade walten und schont ein junges Mädchen vor dem Strick. Diese Gnade hat das Mädchen dem jungen und verliebten Richard zu verdanken, der fortan - quasi als Gegenleistung -als Lehrling mit dem Henker ziehen muss.

William Calcraft - Ein berühmt-berüchtigter Henker und gleichzeitig ein ganz besonderer Jäger.


Auf ihrer gemeinsamen Reise macht Richard eine für ihn fast unglaubliche Entdeckung, denn er erfährt auf brutale Weise, dass sein geheimnisumwitterter Meister nicht nur ein Henker, sondern auch ein Jäger ist. Ein Jäger, der eine tiefböse und übernatürliche Macht jagt! Ehe Richard sich versieht, befindet er sich inmitten eines Kampfes zwischen Gut und Böse, ein Kampf auf Leben und Tod. Jetzt muss er sich beweisen - doch die Vergangenheit holt ihn ein und die jugendliche Liebe macht ihn blind und naiv.

Geübte Leser werden doch recht zügig herausfinden, was es mit dem Bösen auf sich hat und wer das Böse in London kontrolliert. Auch des Henkers größtes Geheimnis kann man früh lüften. Dennoch beeinträchtigt das nicht unbedingt das Lesevergnügen und die Spannung, man fiebert trotzdem ausgiebig mit.

Springorum verwendet einen sehr bildhaften Erzählstil und baut ein sehr authentisches Setting auf, wobei ihm sein Studium der Anglistik und der alten Geschichte sicher sehr unterstützt hat. Zudem fasziniert London den Schriftsteller sehr und er reist mehrmals jährlich dorthin und taucht gerne in die alten Zeiten dieser Stadt ein. So kursieren tatsächlich sehr viele Legenden um einen brutalen Henker William Calcraft der im 19. Jahrhundert für Angst und Schrecken gesorgt haben soll. Allerdings sind wenige Fakten auffindbar und so hat der Autor beschlossen, diesem Henker eine ganz eigene Geschichte zu widmen.

Schade finde ich, dass er sich recht wenig mit der Grundgeschichte des übernatürlich Bösen befasst hat. So ausführlich seine Beschreibung des Setting und der beiden Hauptcharaktere ist, so wenig erfährt man doch letztlich über diese fantastischen Wesen. Immer wieder wird etwas angerissen, aber nicht wirklich vertieft und so bleibt man letztlich mit dem Gefühl zurück, dass der fantastische Part der Geschichte etwas zu kurz gekommen ist.

PERSÖNLICHES FAZIT


Eine spannende historische Geschichte durchzogen mit fantastischen Elementen, die sich mit dem Thema Tod befasst und auseinandersetzt. Denn dieser ist letztlich immer unausweichlich. Meiner Meinung nach hätte der Hintergrund dieser übernatürlichen Wesen etwas ausführlicher dargestellt werden dürfen. Auch hätte es weniger vorausschauend sein müssen, hier darf man der Zielgruppe (ab ca. 13 Jahren) ruhig mehr zutrauen! Nichtsdestotrotz sorgt "Der Ruf des Henkers" für ein spannendes Lesevergnügen.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Der Ruf des Henkers | Björn Springorum | Thienemann Verlag*

Ab ca. 13 Jahren
Illustrationen: Maximilian Meinzold
2016, HC mit 352 Seiten, ISBN 978-3-522-20216-9


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[alexandra]

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