S.I.N.O.N | DAN T. SEHLBERG

Dienstag, 12. April 2016 0 Kommentare


Hanna, die Frau des IT-Professors Eric Söderqvist, hat die Infektion mit dem neuartigen Virus NCoLV überlebt. Angeblich steht die Biotechfirma Cryonordic in Uppsala kurz vor der Entwicklung eines Impfstoffs, doch die dafür benötigten Antikörper lassen sich nur aus Hannas Blut gewinnen. Eric hat Bedenken; es gibt Gerüchte, dass die Eigentümer von Cryonordic in terroristische Aktivitäten verwickelt sind. Akim Katz, Deckname Sinon, wird in Israel festgehalten. Der langjährige enge Berater des israelischen Ministerpräsidenten war als Spion der Hisbollah enttarnt worden. Nach einer dramatischen Befreiungsaktion schickt ihn Cryonordic auf eine Geheimmission. Doch Sinon sinnt auf Rache ...
Eric erkennt, dass seine geliebte Hanna in großer Gefahr schwebt. Wer könnte da zu ihrem Schutz willkommener sein als die knallharte Mossad-Agentin Rachel Papo, die plötzlich im Haus der Söderqvists in den Stockholmer Schären auftaucht. Doch Eric weiß nicht, für wen Rachel wirklich arbeitet und wie skrupellos sie in Wahrheit ist ... [© Text + Cover: KiWi Verlag]

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[wb] Für alle, denen der Abschluss von Dan Sehlbergs Erstling, M.O.N.A, zu glatt, zu reibungslos, zu schnell zum Happy End geführt wurde, gibt es gute Neuigkeiten: S.I.N.O.N setzt nahtlos an und zeigt, dass ein Glücksmoment nicht durch einen Abspann verewigt wird, sondern das Leben weiterhin seinen Lauf nimmt.
Noch immer destabilisieren Scharmützel den Nahen Osten, noch ist die Arbeit der Geheimdienste nicht getan, noch immer ist die biologische Variante des Computervirus Mona nicht eingedämmt. Im Gegenteil, von Saudi-Arabien aus gesteuert, wird er in schwedischen Labors zu einer biologischen Waffe weiterentwickelt. Nachdem Hanna Söderqvist als einziger Mensch dagegen immun zu sein scheint, ist ihr Blut daher heiß begehrt.

Der Leser wird zunächst durch eine wahren Flut einzelner Episoden in den Roman hinein gesogen, die ihn rasch den leicht esoterischen Charakter der Ausgangssituation - ein Computervirus, das auch biologische Organismen infiziert - vergessen lässt. Viele Ereignisse an unterschiedlichen Schauplätzen verleihen dem Roman einen dokumentarischen Charakter, erschweren es, sich mit einzelnen Figuren zu identifizieren oder auch einen Handlungsverlauf zu erkennen. Einzig das todbringende Virus erweist sich als roter Faden, der die Neugier weckt, so lange, bis sich aus den einzelnen Fragmenten ein Gesamtbild zusammenzufügen beginnt. Bis dahin hetzt der Leser über Basare, nimmt erschrocken das sporadische Maschinengewehrfeuer in der Entfernung als Zeichen der permanenten Terrorgefahr in Israel wahr und darf sich in das Gespinst größenwahnsinniger Verschwörungstheorien einwickeln lassen.

Besonders schockierend wirkt die Erkenntnis, dass es offensichtlich möglich ist, künstlich einen Krankheitserreger mit genau definierten Eigenschaften herzustellen. 


Will man also den Börsenwert eines pharmazeutischen Unternehmens, das über einen bestimmten Impfstoff verfügt, steigern, züchtet man - auf dieses Vakzin abgestimmt - ein Virus, der möglichst furchteinflössende Symptome verursacht und den Abnehmerkreis nur so weit dezimiert, wie es dem Geschäftsgang nicht abträglich ist. Theoretisch ist es daher auch möglich, unter dem Mikroskop ein Monstrum zu züchten, das alle Wege der Verbreitung nutzt und in kürzester Zeit zu hundert Prozent tödlich ist. Zum Zwecke der gegenseitigen Abschreckung, gleichsam einem kalten Krieg mit biologischen Waffen, wird diese Möglichkeit jedoch nicht in die Praxis umgesetzt - die Folgen wären unabsehbar.

In Sehlbergs neuem Roman wird diese mentale Grenze jedoch überschritten, der schlimmste aller möglichen Viren tatsächlich entwickelt. Dieses sehr konkrete Risiko verbindet der Autor mit der latenten Terrorbedrohung, die in der Golfregion herrscht und die immer öfter nach Europa vordringt. Damit erzeugt er einen Superlativ, der als Bedrohungsszenario für einen einzelnen Roman unverhältnismäßig groß wirkt, wie ein raffiniertes Gericht, das durch zu starkes Würzen seine Geschmacksvielfalt verliert. Und natürlich muß er die Gefahr auch greifbar erscheinen lassen, ihr ein Gesicht verleihen. Dies gelingt ihm, indem er das undurchschaubare Geflecht verschiedenster ideologischer Interessen in zwei Figuren abbildet, die einerseits fanatische Verblendung und andererseits monetären Eigennutz verkörpern. Eine solche Verengung der Geschichte auf das Schicksal einzelner Figuren ist für ein filmreifes Finale auch unumgänglich, um in einem hollywoodtauglichen Showdown letztendlich wieder das zu erzeugen, was zu Beginn noch implizit relativiert wurde: ein Happy End.

PERSÖNLICHES FAZIT


Eine etwas geringere Bedrohung als gleich die Ausrottung der gesamten Menschheit hätte dem Roman mehr Seriosität verliehen, nichtsdetotrotz ist er schlafraubend brisant und hochaktuell. Der erneute Einsatz der Software "Mind Surf" wirkt außerdem wie eine kurze, ehrfürchtige Hommage an den 1980er-Film TRON.

© Rezension 2016, Wolfgang Brandner


Sinon | Dan T. Sehlberg | KiWi-Paperback*

10.03.2016 | Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt | ISBN: 978-3-462-04778-3 | 400 Seiten | Klappenbroschur


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