REZENSION: DER ZIRKUS DER STILLE | PETER GOLDAMMER

Sonntag, 8. Mai 2016 0 Kommentare


Thaïs Leblanc wächst nach dem Tod der Mutter bei ihrer Großmutter auf, der unvergleichlichen Victoria, wie sie auf Zirkusplakaten tituliert wird. Thaïs verabscheut das Zirkusleben und zieht, kaum volljährig, nach Paris; sie will nur eins: Normalität. Doch als die Großmutter stirbt, konfrontiert deren seltsames Testament sie mit ihrer Familiengeschichte, die sie zum wundersamen Cirque perdu und seinem Direktor Papó bringt. Dort lernt Thaïs, dass man sich seinen Ängsten stellen muss und für die wichtigsten Dinge im Leben keinen Applaus von anderen braucht. [© Text und Cover: Atlantik Verlag]

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[mk] Bei „Der Zirkus der Stille" fällt mir sofort der schöne Umschlag ins Auge. Da verspricht die Aufmachung doch gleich die Magie, die von einem Zirkus ausgeht. Und magisch wird es durchaus im Buch. Doch der Reihe nach.

Thaïs hat alles, was ein modernes Leben ausmacht: sie lebt in der Großstadt, hat einen Freund, verdient ihr eigenes Geld und ist vor allem unabhängig. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie von ihrer Großmutter, ihrer letzten Verwandten, großgezogen. Im Laufe der Jahre ist der Kontakt jedoch immer mehr eingeschlafen, sie hatten zuletzt auch kaum noch miteinander telefoniert. Sie ist jetzt vierundzwanzig, als sie die Nachricht erhält, dass ihre Oma verstorben sei und sie sich um die Bestattung und den Nachlass kümmern muss.

Als sie in das jetzt leere Haus ihrer Großmutter zurückkehrt und mit ihrer Vergangenheit im Zirkus konfrontiert wird, trifft sie der Verlust schwer. Sie fühlt sich einsam und allein auf der Welt und fällt in ein Loch. Zur Beerdigung tauchen die Wagen des „Cirque perdu" auf ihrem Grundstück auf. Eine kleine, heruntergekommene Truppe, die nicht einmal ein Zirkuszelt besitzt. Sie machen die Beerdigung zu einem ungewöhnlichen Ereignis. Und Thaïs merkt, dass sie etwas über ihre Familie wissen, was ihre Oma ihr gegenüber verheimlicht hat. Nach der seltsamen Ansage, dass sie nach vierzig Tagen Trauer den „Cirque perdu" suchen soll, macht sich Thaïs tatsächlich auf den Weg. Sie lässt ihr geregeltes Leben hinter sich und lernt sich damit selbst neu kennen.

Ich finde es immer bemerkenswert, wenn ein männlicher Autor aus weiblicher Sicht schreibt. Peter Goldammer gelingt das in seinem Debütroman sehr einfühlsam und nachvollziehbar. Thaïs merkt, dass sie vor sich selbst davonläuft. Sie ist wie die meisten von uns modernen Menschen vernunftgelenkt und hat Schwierigkeiten damit, ihren Gefühlen zu trauen. Es gehört schon Mut dazu, aus den bequemen Gewohnheiten auszubrechen und sich auf eine ungewisse Zukunft einzulassen.

Die Charaktere seines Zirkus' sind -wie es sein muss- recht kurios, aber warmherzig. Als Zigeuner werden sie von den meisten Mitmenschen verachtet und schlecht behandelt. Sie sind aber tatsächlich nicht automatisch Diebe und Gesindel, was jeder erkennt, der hinter die Kulissen blickt. Ein Aufruf zu mehr Toleranz.

PERSÖNLICHES FAZIT


Der schöne Umschlag verspricht nicht zu viel: je mehr sich Thaïs auf den Zirkus einlässt, desto magischer wird es. Ein Weg, auf dem sie zu sich selbst findet. Einfühlsam und mitreißend geschrieben, mit sehr sympathischen Zirkusleuten.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


16.04.2016, gebunden, 256 Seiten, ISBN: 9783455600438


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