REZENSION: ROMAN OHNE U | JUDITH W. TASCHLER

Donnerstag, 5. Mai 2016 0 Kommentare

 „Die Schreibmaschine funktioniert noch einwandfrei. Nur das U macht Faxen."



So beginnt ein gebrochener Mann Mitte der Sechziger Jahre, nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, seine Aufzeichnungen, den Roman ohne U. 1945 wurde er nach einem Dummejungenstreich in ein sibirisches Arbeitslager verschleppt. Mit der Pianistin Ludovica wagt er schließlich eine abenteuerliche Flucht.
Jahrzehnte später erhält die Biografin Katharina Bergmüller, Mutter von vier Kindern, den Auftrag, aus diesen Erinnerungen ein Buch zu verfassen. Lange Zeit kann sie die Zusammenhänge zwischen dem Roman ohne U und der Geschichte ihrer Familie nicht erkennen. Dann stellt der Unfalltod ihres Mannes ihr Leben völlig auf den Kopf … [© Text und Bild: Droemer Verlag]

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[mk] Nachdem mir die wunderbare Kurzgeschichtensammlung APANIES PERLEN sehr gefallen hat, konnte ich mir Judith W. Taschlers neues Buch natürlich nicht entgehen lassen. Der „Roman ohne U" ist eine Familiengeschichte, besser gesagt zwei, denn es geht nicht nur um die Bergmüllers, sondern auch um die Steiners. Auch wenn sie es nicht wissen, sind die beiden Familien irgendwie miteinander verbunden. Natürlich erfahren wir erst am Schluss, wie.

Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Thomas, der 1945 nach Kriegsende nach einem dummen Vorfall von den russischen Truppen verhaftet wird und als Krimineller mit hunderten anderer nach Sibirien verschleppt wird. Allein die wochenlange Fahrt ist voller Entbehrungen: Hunger und Kälte sind ständige Begleiter und viele überleben das nicht. Im Lager am Ende der Welt ist es nicht besser. Krankheiten grassieren, in den Kohlemienen sehen die Zwangsarbeiter wochenlang das Tageslicht nicht und sie sind den Launen des brutalen Lagerkommandanten ausgeliefert. Die Schilderungen sind sehr dramatisch und es scheint sehr schwer zu sein, sich in dieser Hölle fern von der Heimat seinen Lebensmut zu bewahren.

Thomas gelingt das, weil er die Pianistin Ludovica kennen lernt, die ebenfalls als russische Gefangene nach Sibirien unterwegs ist. Sie verlangt von ihm eindringlich, dass er am Leben bleiben soll. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die wundervolle Höhepunkte, aber angesichts des unwirtlichen Umfelds auch dramatische Wendungen erfährt.

Im zweiten Handlungsstrang geht es um Julius und Katharina. Sie schreibt im Auftrag von Klienten Biografien und soll eine für Thomas anfertigen, der inzwischen weit über achtzig ist und im Altersheim lebt. Sie sind verheiratet und haben vier Kinder. Auch die Historie der Familie Bergmüller ist ungewöhnlich und liest sich interessant mit den Verwicklungen, Hoffnungen, Missverständnissen und Schicksalen, die eine Familie ausmachen.

Die Autorin springt für die Erzählung der Handlungen immer wieder in der Zeit hin und her. Das verlangt zwar Aufmerksamkeit, überfordert aber nicht. Langeweile kam bei mir nicht auf. Immer wieder erfahren wir Neues über die Personen, immer weiter baut sich ein Gesamtbild auf, bis dann zum Ende der gesamte Zusammenhang klar wird.

PERSÖNLICHES FAZIT


„Roman ohne U" ist ein sehr unterhaltsamer Familienroman mit einer dramatischen Geschichte. Die Grausamkeiten und Entbehrungen, die die Gefangenen in Russland erfahren, sind eindringlich und packend. Der Aufbau der Handlung ist gut gelungen und ist bis zur Auflösung am Ende gekonnt geknüpft.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner


2016, Taschenbuch, 336 Seiten, ISBN: 9783426304778



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