REZENSION: KIRSCHBLÜTEN UND ROTE BOHNEN | DURIAN SUKEGAWA

Mittwoch, 8. Juni 2016 4 Kommentare



Sentaro ist gescheitert, nach allen Regeln der Kunst: Er ist vorbestraft, trinkt zu viel, und sein Traum, Schriftsteller zu werden, ist unerfüllt geblieben. Stattdessen arbeitet er in einem Imbiss, der Dorayaki verkauft: Pfannkuchen, die mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt sind. Tag für Tag steht er in dem Laden mit dem Kirschbaum vor der Tür und bestreicht lustlos Gebäck mit Fertigpaste. Bis irgendwann die alte Tokue den Laden betritt. Die weise, aber sichtlich vom Leben gezeichnete Frau kocht das beste Bohnenmus, das man sich nur denken kann. Die Begegnung mit ihr verändert alles. Tokue lehrt Sentaro ihre Kunst und tatsächlich gewinnt er nicht nur die Lust am Backen, sondern auch die Freude am Sinnlichen und an den kleinen Dingen des Lebens zurück. Wenig später wird Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, zur Stammkundin des Imbisses und schließt Freundschaft mit Tokue und Sentaro. Doch die Welt meint es nicht gut mit den dreien … [© Text und Bild: DuMont Buchverlag]

----------------

[mk] Was für eine ungewöhnliche aber wunderbare Freundschaft. Drei Leute, die eigentlich so gar nicht zusammenpassen. Sentaro, der von einem Tief ins andere rutscht, Tokue, Mitte siebzig, den größten Teil ihres Lebens hinter sich, und Wakana, die noch zur Schule geht. Und doch können sie viel füreinander tun. Sie geben sich Halt, sie machen dem anderen Mut und sind da, ganz ohne erhobenem Zeigefinger.

Durian Sukegawa benutzt einen ruhigen und unsentimentalen Schreibstil. Kein Drücken auf die Tränendrüse, keine übertriebene Tragik – das macht die Geschichte sehr gut nachfühlbar und auch gerade durch die leisen Töne sehr kraftvoll. Auffällig ist die typische japanische Mentalität, die unterscheidet sich doch deutlich von unseren Ansichten und Verhaltensweisen.

Auffällig ist auch der Respekt, den vor allem Sentaro Tokue entgegenbringt. Sind doch für so manchen die Alten nur noch Ballast, zusammengepfercht und abgeschoben in Altenheimen. Dabei kann man viel von ihnen lernen, man muss halt zuhören. Und das macht Sentaro nachdem er Tokues Bohnenmus probiert hat.

Er hört sich aber nicht nur ihre Zubereitungstipps an, sondern auch ihre Lebensgeschichte. Und die ist bemerkenswert. In ihrer Jugend wurde bei ihr Lepra diagnostiziert, was gleichbedeutend war mit lebenslang Gefängnis. Leprakranke wurden in einem Sanatorium eingesperrt, von der Familie und der Gesellschaft geächtet. Auch nachdem ein Heilmittel gefunden wurde dauerte es noch lang, bis die Betroffenen sich wieder frei bewegen durften. Durch die mehr oder weniger schlimmen körperlichen Entstellungen wurden sie von den meisten trotzdem nach wie vor gemieden. Deprimierend, dass Menschen so sein können, aber schön, dass es welche gibt, die die Person hinter der Behinderung sehen. Sentaro gelingt das, zugegeben auch mit einem mulmigen Gefühl, aber er gewinnt dadurch eine wertvolle Freundschaft.

PERSÖNLICHES FAZIT


Mit seinem Leineneinband ist „Kirschblüten und rote Bohnen" ein auffallend hübsches Buch. Eine Geschichte über eine Freundschaft dreier Außenseiter. Gerade durch seinen ruhigen, unsentimentalen Schreibstil packt und berührt mich die Geschichte. Eine Geschichte, die Mut macht und zeigt, dass es auch ihn schlechten Zeiten Hoffnung gibt.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
16.03.2016, gebunden, 224 Seiten, ISBN: 9783832198121


Kommentare:

  1. Ein wunderbares Buch! Ich habe danach auch den Film gesehen, der auch nicht schlecht ist, aber leider ein paar kleine Längen hat. Ein Buch, das einen besonderen Platz in meinem Bücherregal einnehmen wird!
    Liebe Grüße
    Martina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Martina,

      den Film will ich mir gelegentlich auch noch ansehen. Da bin ich neugierig, wie sie das Buch umgesetzt haben.

      Viele Grüße,
      Marcus

      Löschen
  2. Ich habe in meinem Blog auch vor Kurzem über das Buch geschrieben und war genauso begeistert wie du. Aber das Prinzip der Ausgrenzung ist sehr traurig, ist aber auch hier nicht unbekannt.
    Viele Grüße
    Ina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Ina,

      stimmt schon, Ausgrenzungen gibt es in vielen Bereichen. Meist wird das so übernommen, wie es vorgelebt wird. Gut dass es Menschen wie Sentaro gibt, die diese Hemmschwelle überwinden.

      Viele Grüße,
      Marcus

      Löschen

Wir freuen uns, wenn ihr unsere Beiträge kommentiert, denn dadurch wird dieser Blog lebendig! Bitte habt Verständnis, dass Beiträge vorab geprüft werden, um Spam zu verhindern. Daher kann es einen Moment dauern, bis Kommentare sichtbar werden. Lieben Dank.