REZENSION: STERBENSWORT | SIEGFRIED LANGER

Dienstag, 14. Juni 2016 0 Kommentare

Was tust Du, wenn die Vergangenheit plötzlich ihre blutbefleckten Hände nach Dir ausstreckt?


Als ihr klar wird, dass in ihrer Abwesenheit regelmäßig jemand in ihre Wohnung eindringt, klettert Panik in der jungen Mutter Kathrin hoch. Als dann noch ihre Tochter im Kindergarten von Kathrins totgeglaubtem ehemaligen Mitbewohner angesprochen wird, weiß sie, dass etwas Schreckliches bevorsteht. Wird die tragische Entscheidung, die sie und ihre Freunde damals in der WG getroffen haben, sie nun einholen? Getrieben von Schuld und Rache beginnt ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit, und zum ersten Mal in ihrem Leben muss Kathrin die Kontrolle abgeben ... [Text + Cover: Amazon Publishing]

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[wb] Die Geschichte läßt sich wohl am ehesten als Rachedrama nach dem Vorbild von Dumas' "Graf von Monte Christo" oder dem etwas neueren Film "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" charakterisieren. Im Rahmen einer Feier unter Studenten, deren überschwengliche Stimmung nicht zuletzt auf bewußtseinserweiternde Substanzen zurückzuführen ist, kommt es zur Katastrophe:
Unter dubiosen Umständen findet einer der jungen Männer den Tod. Mit getrübtem Urteilsvermögen beschließen die übrigen, die Leiche verschwinden zu lassen, um ihre akademischen Karrieren nicht zu gefährden. Jahre später gibt der Totgeglaubte deutliche Lebenszeichen von sich und wirft zugleich die Frage auf, ob es tatsächlich ein Unfall war, der seitdem das Gewissen der Verschwörer belastet, oder nicht doch Mord.

Die Handlung unterteilt sich in zwei parallel verlaufende Stränge, von denen der eine die Ereignisse in der Vergangenheit aufrollt, während sich der zweite mit deren Konsequenzen in der Gegenwart der Erzählung beschäftigt. Die Kapitel sind entsprechend mit "Damals" und "Heute" bzw. "Neulich" übertitelt und so ineinander verschränkt, daß nach einem Spannungspunkt auf den jeweils anderen Strang gewechselt wird. Eine bewährte Technik im Thriller-Genre, die auch hier hohes Lesetempo gewährleistet. Allerdings werden die Ereignisse der Vergangenheit nicht in streng chronologischer Reihenfolge wiedergegeben, was einerseits Verwirrung stiftet, andererseits falsche Spuren schafft, die vom Autor in der gegebenen Form möglicherweise nicht bewußt gelegt wurden.

Das konstant hohe Lesetempo gewährleisten auch zahlreiche Dialoge, die den Text dominieren. Die Figuren leben anhand ihrer verbalen Äußerungen gezeichnet, innere Monologe oder differenzierte Überlegungen, die Einblick in ihre Gedankenwelt gäben, unterbleiben. Die jeweilige Gefühlslage ist lediglich anhand - deutlich gezeichneter - körperlicher Reaktionen ersichtlich, eine nuancierende Erzählstimme ist nicht zu vernehmen. Die jeweiligen Örtlichkeiten werden durch ihre Requisiten dargestellt, nicht jedoch als Wahrnehmungen kommentiert oder bewertet. Insgesamt bildet sich durch diese vorwiegend auf der visuellen Ebene stattfindende Erzählung der Eindruck von WYSIWYG-Lektüre: 

What You See Is What You Get, nämlich ein Kopffilm im wahrsten Sinne des Wortes, jene Art von Roman, die dem Leser keinerlei Informationsvorsprung gegenüber einer etwaigen Verfilmung bietet.


Aus diesem Thema spinnt der Autor jedoch implizit einen Roten Faden. Der Themenbereich "Film" ist latent in die Geschichte eingewoben. Abgesehen vom stark visuellen Stil, stellt natürlich jeder Kapitelwechsel einen Schnitt dar, wie er auch auf der Leinwand zu beobachten wäre. Zudem wird die Bedrohung auf die Protagonisten auch durch kurze Filme, die ihnen auf DVD zugespielt werden, ausgeübt. Für diese beschreibt der Autor die Abfolge der einzelnen Bilder, die Wechsel der Perspektiven und die begleitende Tonspur so präzise, daß sich der Verdacht aufdrängt, hier habe er seine zweite Leidenschaft gefunden. Zudem handelt es sich bei dem zu Tode gekommenen Studenten um einen Filmstudenten, dessen kreatives Potential niemals zur Entfaltung gelangte. In seinen Szenen sprüht er vor Ideen, nimmt die Welt wie durch eine permanente Kamera wahr, wodurch die Botschaft des Autors deutlich wird: Hier ist mit einem Menschen ein nie verwirklichter Traum gestorben.

PERSÖNLICHES FAZIT


Eine cineastische Rachegeschichte über Filme, vor allem jedoch wie ein Film: mitreißend erzählt, jedoch so stark am Visuellen orientiert, daß die stilistischen Möglichkeiten der rein verbalen Form nicht ganz genutzt werden.

© Rezension, 2016 Wolfgang Brandner




Sterbenswort | Siegfried Langer

Amazon Publishing | 2016 | 290 Seiten | ISBN: 978-1503938700

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