REZENSION: LEONS ERBE | MICHAEL THEIßEN

Dienstag, 12. Juli 2016 0 Kommentare



Für Katja bricht eine Welt zusammen, als ihr Sohn Leon bei einem Autounfall ums Leben kommt. Es ist der zweite schwere Schicksalsschlag in kurzer Zeit. Erst vor sechs Monaten ist ihre Schwester spurlos verschwunden. Als Katja nach Leons Trauerfeier einen Anruf erhält, überschlagen sich die Ereignisse: Ein Notar ist im Besitz einer Kiste, die Leon seiner Mutter vererbt hat. Als Katja die Kiste öffnet, entdeckt sie darin ein Armband, das ihrer Schwester gehörte. Wie ist ihr Sohn in den Besitz dieses Armbandes gekommen? Und warum hat er es bei einem Notar hinterlegt? Was will Leon seiner Mutter aus dem Tod heraus damit sagen? Für Katja beginnt eine Suche nach der Wahrheit - nichtsahnend, dass sie damit die Tür zu einem dunklen Familiengeheimnis öffnet ... [Text + Cover: © Bastei Lübbe]

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[wb] Wie mag es sich für eine Mutter wohl anfühlen, ihren einzigen Sohn bei einem Autounfall zu verlieren? Das emotionale Spektrum reicht vermutlich vom bodenlosen Loch, den der Verlust reißt, über zerstörerische Selbstvorwürfe bis hin zu dem Bedürfnis, einen Schuldigen auszumachen und zur Verantwortung zu ziehen. Obwohl unvorstellbar, unsagbar, versucht der junge Autor Michael Thießen, sich in seinem Roman einer solchen Situation zu nähern.

Sein Zugang ist ein sehr behutsamer, empathischer. Dementsprechend setzt die Geschichte auch nicht auf spektakuläre Effekte, sondern entwickelt sich leise und dezent. Erzählt wird sie in erster Person aus der Sicht der trauernden Mutter, was intime Einblicke in ihre Gedanken ermöglicht. Sie hadert mit den Erinnerungen, die an jeder Ecke im Haus lauern, mit der plötzlichen eingetretenen Stille:
"Was aber noch viel weniger zu begreifen war: Es würden keine neuen Erinnerungen mehr hinzukommen."
Urplötzlich ist der Lebensfaden abgerissen, einzig die Leere bleibt. Einen anderen Umgang mit der erdrückenden Ohnmacht wählt Katjas Mann Markus: Verbittert engagiert er einen dubiosen Detektiv, um den Verursacher des tödlichen Unfalls zu finden:

"'Wer auch immer das war - er soll für den Tod unseres Sohnes bezahlen!' Seine Simme zitterte vor Wut, und der Hass in seinen Augen machte mir Angst."

Schließlich wird Katja durch eine ihr zugespielte Nachricht Leons aus ihrer Lethargie gerissen. Die Erkenntnis, sich von ihrem Sohn entfremdet zu haben, weckt das verständliche Bedürfnis, diese Distanz posthum zu überbrücken. Der Autor arbeitet dabei nach einem Hänsel-und-Gretel-Prinzip: Wie im Märchen streut er seiner Protagonistin Brotkrumen in Form einzelner Informationshappen, anhand derer der Weg zur Auflösung gezeichnet wird. Nach und nach erarbeitet sich so der Leser gemeinsam mit der Figur die Geschichte, zuverlässig wird nach jeder neuen Erkenntnis durch einen Kapitelwechsel eine Zäsur gesetzt. Die zahlreichen kurzen Unterbrechungen markieren wie Szenenwechsel somit formell Spannungshöhepunkte, ohne den Erzählfluß merklich zu unterbrechen. Dabei verläuft dieser großteils linear, überraschende Wendungen bleiben aus. Der Leser wird also nicht - wie für das Genre Psychothriller üblich - in die Irre geführt, sondern verfügt über einen Informationsstand, der mit jenem der Erzählerin vergleichbar ist und darf sich ausnahmsweise darauf verlassen. Dabei unterstützt diese Art der Entwicklung den bewußt gewählten Tonfall: Ein Übermaß an Umwegen hätte die außergewöhnliche emotionale Authentizität nur unnötig beeinträchtigt.

Zu dieser Wirklichkeitsnähe trägt auch die lebendig gestaltete Szenerie bei. Sinneswahrnehmungen wie Gerüche im Krankenhaus, beiläufige Ereignisse, wie in einem Auto gestikulierende Personen oder einzelne Requisiten, mit denen ein Schlafzimmer ausgestaltet ist und die Persönlichkeit seines Bewohners offenbart, zeugen von der bemerkenswerten Beobachtungsgabe des Autors. Der Leser wird - überspitzt ausgedrückt - gezwungen, jedes Staubkorn wahrzunehmen, jede noch so banal wirkende Erinnerung der Mutter zu durchleben. Was der Roman dadurch an Tempo verlieren mag, das gewinnt er definitiv an Erzählschärfe.

PERSÖNLICHES FAZIT


Der Leser erarbeitet in detektivischer Manier mit einer trauernden Mutter die letzten Tag im Leben ihres verstorbenen Sohnes. Wenig spektakulär, doch dafür umso eindringlicher und lebendiger erzählt.

© Rezension, 2016 Wolfgang Brandner



Leons Erbe | Michael Theissen | Bastei Entertainment*

ISBN: 978-3-7325-2510-2 | 300 Seiten | 02.05.2016


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