Rezension: Die Vermissten | Caroline Eriksson

Mittwoch, 31. August 2016 2 Kommentare



Das grünschwarze Wasser leuchtet geheimnisvoll in der untergehenden Sommersonne. Der Abend könnte nicht schöner sein, als Greta, Alex und Tochter Smilla mit dem Boot zur kleinen Insel in der Mitte des Sees fahren. Greta bleibt am Ufer, während die anderen beiden neugierig auf Entdeckungstour gehen. Aber sie kommen nicht mehr zurück. Beunruhigt macht sich Greta auf die Suche – doch von Alex und Smilla fehlt jede Spur … In ihrer wachsenden Verzweiflung wendet sie sich an die Polizei. Schnell wird klar, dass Gretas eigene Geschichte ebenso große Rätsel aufwirft wie das Verschwinden ihrer Lieben. Und die Frage: Hat sie etwas damit zu tun? [© Text und Cover: Penguin Verlag]

[trennlinie]

Ich hatte schon öfter Bücher mit der Bezeichnung „Psychothriller" gelesen, bei denen ich mich hinterher gefragt habe, was daran denn „Psycho" war. Das wird hier ziemlich schnell klar. Die Geschichte wird größtenteils von Greta erzählt, und schon nach wenigen Kapiteln erkenne ich: die hat einen an der Waffel. Es macht schon einen ziemlich wirren Eindruck, was sie berichtet, da steige ich zunächst gar nicht richtig durch. Gibt es Alex und Smilla wirklich oder entspringen sie ihrer Einbildung? Wieso ruft sie nicht sofort die Polizei sondern erst Tage nach dem Verschwinden der beiden?

Tatsächlich war Greta schon in psychologischer Behandlung, sie weiß auch durchaus, dass etwas mit ihr nicht stimmt.

„Was würden andere Menschen in meiner Situation tun? Was ein vernünftiger, normaler Mensch?" (S. 36)
Immer wieder gibt es Andeutungen, dass in der Vergangenheit etwas mit ihrem Vater geschehen ist, was sich auch noch viele Jahre danach in Gretas Verhalten niederschlägt. Ich rätsele bis zum Ende, wie die Zusammenhänge sind. Die Autorin löst dieses Geflecht auf, ohne dass bei mir Fragen offen bleiben. Man merkt, dass sie Psychologie studiert hat und ihr Fach versteht. Die Auswirkungen von Entscheidungen in der Vergangenheit, von Kindheitstrauma und unverarbeiteten Ereignissen können die menschliche Psyche erheblich belasten. Es ist faszinierend, aber auch beängstigend, dass Greta ihrem Verstand nicht trauen kann.

„Jedes Mal, wenn ein klarer Gedanke in meinem Kopf Gestalt annehmen will, löst er sich wieder auf." (S. 165)
Nach den ersten für mich etwas verwirrenden Kapiteln kann ich mich auf Gretas Gedanken einlassen. Die Ausgangslage mit den beiden Verschwundenen erzeugt genug Spannung, um hier dran zu bleiben.

Persönliches Fazit

Caroline Eriksson gelingt es, Einflüsse auf die menschliche Psyche sehr glaubwürdig und nachvollziehbar in ihrem Psychothriller zu verarbeiten. Am Ende ist die Geschichte doch deutlich komplexer als ich vermutet hätte und hat mich damit durchaus beeindruckt.  

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Die Vermissten | Caroline Eriksson | Penguin Verlag
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
2016, Paperback, 272 Seiten, ISBN: 9783328100386
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[marcus]

Aufgelesen 23: Das gibt mir Berge.

Dienstag, 30. August 2016 0 Kommentare




"Das gibt mir Berge."

Diese Redewendung drückt üblicherweise persönliche Erbauung durch eine Erfahrung, eine Begegnung, ein Erlebnis aus.
Das gibt mir Berge ... dieser Gedanke zieht sich wie der berühmte rote Faden durch den Vortrag eines bekannten Alpinisten, dem ich kürzlich beiwohnen durfte.

Bereits das Foyer des Veranstaltungszentrums ist überfüllt, die Erwartungshaltung beinahe greifbar. Eine lange Schlange läßt erahnen, wo der prominente Gast geduldig seinen Namenszug wiederholt zu Papier bringt. Endlich bin ich an der Reihe, schüchtern reiche ich ihm die aufwendig gestaltete Eintrittskarte. Der Mann selbst wirkt unscheinbar, würde wahrscheinlich in einer Menschenmenge verschwinden. Nur die charakteristische Gesichtsbehaarung, die man von unzähligen Bildern kennt, der intensive Blick seiner Augen machen klar, wer da vor mir sitzt: Reinhold Messner.
"Kommen's, ich hab was Besseres", meint er schmunzelnd und signiert mir eine seiner Autogrammkarten.

Plakatsujet der Veranstaltung
Foto: Claude Langlois


Schließlich ist der Saal gefüllt, gespanntes Schweigen. Er betritt die Bühne, nicht mit Fanfaren wie ein Rockstar oder einer aufwendigen Lichtershow. Auf einmal ist er da, spricht erste Begrüßungsworte. Mit brüchiger Stimme, leicht lispelnd, erzählt er zunächst von seinen Jugendtagen auf einem Bergbauernhof in den Südtiroler Dolomiten, wo eine ein ganzes Leben lang lodernde Sehnsucht nach den Bergen entfacht wurde. Heimat, so Messner, ist der Platz, von dem aus man auf die Welt schaut. Als wäre die Besinnung auf dieses Fundament notwendig gewesen, findet er nun auch stimmlich seinen Halt im Vortrag wie die Finger in der Steilwand. In eine solche nimmt er die Zuhörer mit, läßt es gemeinsam mit ihm eine zermürbende gefühlte Ewigkeit dort ausharren, wo es kein Vor und kein Zurück mehr gibt.

"Das Können ist des Dürfens Maß"

Keiner wagt zu atmen, alle Blicke sind auf die Leinwand gerichtet, auf der in langsamer Abfolge Bilder der mächtigen Gipfel der Westalpen projiziert werden. Viele der Menschen im Saal sind in den Bergen aufgewachsen, in vielen Beinen stecken etliche bezwungene Höhenmeter. Und doch flößen bereits die zweidimensionalen Abbilder, neben denen die Gestalt des Redners beinahe verschwindet, Respekt ein. Oft genug fand dieser Mann sich nahe, zu nahe am Abgrund. Erfahrung, das Wissen um die eigenen Grenzen, die Demut vor dem Elementaren ermöglichten es ihm, nun vor uns zu stehen.

"Das Können ist des Dürfens Maß" zitiert er den gebürtigen Altausseer Bergsteiger Paul Preuß und umreißt damit auch klar seine eigenen Grenzen. Aber was motiviert diesen Mann, immer wieder die Extremsituation zu suchen? Und weiter, was motiviert einen nicht nach Pionierleistungen strebenden urbanen SUV-Piloten, die Reichweite seines Mobilfunknetzes zu verlassen? Drei Zutaten sind es, die das Abenteuer ausmachen, nämlich Anstrengung, Gefahr und die Preisgabe an die Unsicherheit. Man geht dorthin, wo man sterben könnte, um eben nicht zu sterben. Der Gipfel ist dabei keinesweigs das erlösende Ziel, vielmehr ist er der Punkt der größten Zivilisationsferne. Das Überleben wird zur Kunst, die sichere Rückkehr wird als Wiedergeburt empfunden. So gesehen ist es auch falsch zu behaupten, ein Berg habe Menschen auf dem Gewissen. Der Berg ist weder gut noch böse. Konsequenterweise wird der Diskurs im Alpinismus nicht auf der moralischen Ebene geführt, sondern allein entlang der Dimension der Möglichkeit. Ist es möglich, eine bestimmte Route zu bewältigen, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Immer wieder bringt Messner dieses Ausloten der eigenen Möglichkeiten in Kontakt mit Kulturen, die der unseren nicht vertraut sind. 

Allen von ihnen ist gemeinsam, daß die lokalen Gegebenheiten sie geprägt haben. Sie erklären Berge für heilig, sie bestatten ihre Toten auf eine Weise, die auf den ersten Blick bizarr wirkt, jedoch einer zwingenden Logik folgt. Je weniger Menschen eine Region mit dem Notwendigsten versorgen kann, desto mehr von ihnen müssen diese Region verlassen, desto mehr von ihnen sind auf eine fundierte Ausbildung angewiesen, um einen Arbeitsplatz in der Ferne zu finden. Je höher der Grad der Bildung, desto geringer ist weiters auch die Motivation, die erträumten Annehmlichkeiten im medial verklärten Westen zu suchen. Damit schlägt Messner elegant den Bogen zu einem aktuellen Diskurs in unseren Breiten: Indem er Schulen in Nepal gründet, trägt er zum Wohlstand vor Ort bei, nimmt der Ferne ihre Attraktivität.

Man mag Reinhold Messner vorwerfen, die von ihm gegründeten Mussen zu offensiv zu bewerben. Man mag ihm vorwerfen, gerade als Alpinist, der oft genug auf ein Seil angewiesen ist, dem Publikum einen roten Faden im Vortrag vorzuenthalten. Der Respekt vor dem unzerbrechlichen Überlebenswillen, vor der Inhaltsdichte, mit der sein Leben gefüllt ist, lassen derartige Gedanken zu kleingeistiger Pedanterei schrumpfen. Immerhin vermag er durch seine Präsenz etwas zu vermitteln, das nur wenige beherrschen: Ich verlasse den Saal im Bewußtsein, an Erfahrung reicher zu sein.

Steirische Kalkspitze, © Wolfgang Brandner



Freudiges Weiterlesen!

© Wolfgang Brandner

[wolfgang]

Rezension: Die Punkte nach dem Schlussstrich | Laura Lackmann

Montag, 29. August 2016 0 Kommentare

 Cover: Die Punkte nach dem Schlussstrich


Für die Berufsfreundin Luzy sind Männer der Mittelpunkt ihrer Welt. Auch wenn es ihr gar nicht passt: Sie kann nicht alleine sein. Also, in einem Raum geht das schon, aber ohne einen Freund im Leben wird es schwierig. Bislang konnte Luzy sich immer retten. Wenn das Beziehungsende nahte, suchte sie sich rechtzeitig den Nächsten. Apollo, Peter, Jonas. Von einem zum anderen wie der Affe im Dschungel. Sie investiert all ihre Energie in den Erhalt der oft nicht einfachen Beziehungen mit Männern, die sich so flüchtig verhalten wie Edelgase. Aber plötzlich geht etwas schief, und Luzys Putzerfisch-Verhalten kann ihre Trennungsangst nicht mehr kaschieren. Sie flippt aus. Im Streit bricht sie Jonas den Arm und muss fortan 100 Meter Abstand zu ihm wahren. Mit Liebeskummer im Herzen und einem Entfernungsmesser in der Hand stellt sie fest, dass sich etwas ändern muss, denn von aufrichtiger Liebe versteht sie nichts. [Text & Cover: © Ullstein Verlag]

"Ich wollte Apollo unbedingt lieben. „Ich liebe dich." Apollo sagte nichts. Nur ein leises, zartes Männerseufzen, das mich wie ein Soundtrack durch mein ganzes Leben begleiten würde. Plötzlich fing es in meinem Bauch an zu flattern. Keine Schmetterlinge, sondern Motten. Giftige, riesige Motten taumelten kopflos in meinem Magen. Solche, die mit ihrem Urin Löcher in Autolack brennen. Weil ich den Unterschied zwischen Motten und Schmetterlingen im Bauch nicht kannte, hielt ich diese Angst aus Versehen für die echte große Liebe."

[trennlinie]
Wow, was für eine Geschichte. Das Lesen dieses Buches hat mich einiges an Nerven gekostet, aber ich konnte auch nicht aufhören. Es ist eben eines DIESER Bücher, die einen so hin und her reißen.

Die Protagonistin Lucy löste eine Art von Hassliebe in mir aus. Mehr als einmal machte sie mich verrückt und ich wollte sie schütteln und rütteln, um sie aufzuwecken, damit sie endlich einen klaren Gedanken fasst. Aber andererseits hatte ich auch Mitleid und konnte verstehen, dass sie in einem Teufelskreis feststeckte. Also las ich weiter und weiter und hoffte und litt Seite um Seite mit ihr.

Bei Lucy läuft nichts wirklich rund. Ihre Familienverhältnisse sind schwierig und prägen ihr eigenes Verhalten sehr. Sie schlittert von einer Beziehung in die nächste - gewollt natürlich. Denn sie kann nicht alleine sein. Ihr Beziehungsleben ist eine einzige Planung und Organisation und sie entwickelt ein Gespür dafür, wenn mal wieder ein Ende einer ebensolchen naht, und trifft auch hier schon die nötige Vorsorge für einen quasi nahtlosen Übergang.
Sie will und muss die perfekte Freundin sein. Sie hat ihre ganz eigene wirre Vorstellung des Begriffes "Liebe" und ihre verzerrte Sichtweise lässt sie Dinge tun, über die man nur den Kopf schütteln kann. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie hinten an und verbiegt sich, passt sich den Hobbys und Leidenschaften ihrer jeweilen Errungenschaft an. Sie lügt, erfindet dramatische Geschichten, verstrickt sich darin und gerät dabei immer wieder ins Straucheln - wenn sie etwas unvorbereitet trifft. So wie der Streit mit Jonas, der sie unüberlegt handeln lässt und das ihr direkt eine Unterlassungsklage einbringt. Sie darf sich ihm nur noch bis 100 Meter nähern. Aber Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie nicht Mittel und Wege finden würde, Jonas so nah wie möglich zu sein - eben exakt mit dem 100 Metern Abstand.

Genau das sind diese Momente, wo man denkt "das kann nicht wahr sein!" - aber dennoch spürt man ihre Zerrissenheit und man bekommt Mitleid und möchte ihr gerne helfen.
Denn so verrückt es sich liest, denke ich, dass es in unserer Gesellschaft viele "Lucys" gibt, ob männlich oder weiblich, die sich vor der Einsamkeit fürchten und vor lauter Panik, nicht geliebt zu werden, einem fast undenkbaren Verhaltensmuster verfallen. Viele Passagen regen sehr zum darüber nachdenken an.

Über 15 Jahre pausenlos Vollzeitfreundin - 15 Jahre, in denen sie alles und jeden hinten anstellt, Freude vergrämt und sich aufopfert. Sie ist süchtig nach Liebe und erkennt dies erst nach so langer Zeit in vollem Umfang. Mit Anfang 30 blickt sie zurück und nimmt uns mit, lässt uns teilhaben an dem einigen großen Vorhaben "Liebe", dass sie in dieser Zeit ambitionierte.

Sprachlich kommt der Text oft etwas rotzig daher, aber letztlich ist es genau das, was Lucy ist und ausmacht. Dennoch bewährt sich der Roman eine gewisse Leichtigkeit und die Geschichte liest sich flott an einem Stück weg. Ein wenig fühlt es sich an, als ob man Einblick in ihr Tagebuch bekommt, ein Einblick in das Innere eines Teenagers auf dem Weg zur Frau, die es nicht schaffen will, zu sich selbst und zu einer eigenen inneren Stärke zu finden.

Persönliches Fazit

Lucy, eine Anti-Heldin, für die ein Schlussstrich kein Schlusstrich ist, sondern ein Anfang vieler Punkte, die es noch zu versuchen bzw. die es zu retten gilt. Ein Buch mit vielen Ecken und Kanten, so wie Lucy selbst. Eine Geschichte, die im Leser eine wilde Achterbahn der Emotionen auslöst und vielleicht gerade deshalb einfach wirklich richtig gut ist. Und wirklich nachdenklich stimmt.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Die Punkte nach dem Schlussstrich | Laura Lackmann | Ullstein Verlag
2016, Klappenbroschur, ISBN 9783471351208
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[alexandra]

Rezension: König der Strasse | Nigel Bartlett

Sonntag, 28. August 2016 0 Kommentare



Eigentlich ist alles wie immer: Der elfjährige Andrew verbringt ein Wochenende bei seinem Onkel David – doch plötzlich verschwindet er spurlos. Eine düstere Vorahnung überkommt David, und er alarmiert die Polizei. Während die Ermittlungen voranschreiten, bleibt der Junge verschollen. Stattdessen tauchen immer mehr Indizien auf, die einen schrecklichen Verdacht auf David selbst lenken. Als sich die Schlinge um seinen Hals langsam zuzieht, sucht er fieberhaft nach einem Weg, den Jungen zu retten, und ihm bleibt keine andere Wahl, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: Ohne konkreten Plan flieht er vor den Anschuldigungen der Polizei und den Vorwürfen seiner eigenen Familie und begibt sich auf eine gefährliche Reise mit ungewissem Ausgang… [© Text und Cover: Albino Verlag]

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Was für eine fiese, erdrückende Situation: Andrew ist verschwunden, und David trifft sich mit seiner Familie. Sein Bruder, seine Schwägerin, seine Eltern, die Schwiegermutter...bei jedem einzelnen spürt man förmlich die Anspannung und den unterdrückten Vorwurf. Wo ist Andrew? David kann das nicht beantworten, und die Vorwürfe an ihn brodeln kaum verborgen unter der Oberfläche. Eine auch für mich als Leser spürbare explosive Stimmung.

Immer wieder taucht bei mir die Frage auf, ob David wirklich so unschuldig ist, wie er selbst beschreibt. Die Indizien lassen ihn nicht gut aussehen, und er reitet sich immer tiefer hinein. Da schwanke ich immer wieder zwischen den beiden Möglichkeiten.

Dabei ist mir David eigentlich sehr sympathisch. Es ist nachvollziehbar, dass er nicht nur dasitzen will, die Grübelei macht ihn irre. Daher macht er sich selbst auf die Suche nach seinem Neffen. Er hat eigentlich keinen Plan wo er anfangen soll, und er macht immer wieder Fehler, die er sich selbst nicht erklären kann. Die außergewöhnliche Situation belastet ihn mit einer ständigen Anspannung. Kein Wunder, dass er kaum einen kühlen Kopf behalten kann. Das macht ihn zu einem Helden wider Willen, mit dem ich gut mitfühlen kann.



Ich verfolge gespannt seine Suche, seine Begegnungen und sein Versteckspiel mit der Polizei. Und was ist mit Andrew geschehen? Lebt er überhaupt noch? Die Geschichte entwickelt sich dramatisch und wird dabei durch eine klare und unkomplizierte Sprache unterstützt. Da fliegen die Seiten schnell dahin.

Persönliches Fazit

Das Verschwinden des elfjährigen Andrew entwickelt von Beginn an eine spannende Atmosphäre. Es ist ja auch eine sehr emotionale Sache, wenn Kinder plötzlich weg sind. Sein Onkel David ist ein sympathischer Charakter mit seiner Planlosigkeit und seinen Fehlentscheidungen. Ein sehr spannendes Buch, ich konnte mich kaum davon losreißen.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


König der Strasse | Nigel Bartlett | Albino Verlag
Aus dem Englischen von Andreas Diesel
2016, gebunden, 384 Seiten, ISBN: 9783959850803
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[marcus]

Rezension: Im Jahr des Affen | Que Du Luu

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"Hast du heute schon Reis gegessen?"


Mini ist eine Banane: außen gelb und innen weiß. Ihr Vater hingegen bleibt durch und durch gelb: Er spricht nur gebrochen Deutsch und betreibt ein Chinarestaurant.
Als ihr Vater ins Krankenhaus kommt, muss Mini im Restaurant schuften, sich mit dem trotzigen Koch streiten – und sie kann Bela nicht wiedertreffen, bei dem sie so viel Ruhe gefunden hat. Dann reist auch noch Onkel Wu an. Der traditionsbewusste Chinese holt die Vergangenheit wieder hoch: das frühere Leben, die gefährliche Flucht als Boatpeople aus Vietnam. [Text & Cover: © Carlsen Verlag, Königskinder]

[trennlinie]
Minh Thi - von ihren Freundinnen der Einfachheit halber Mini gennant - ist auf dem Weg, erwachsen zu werden und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen, weiß sie nicht so recht, wo ihr Platz ist im Leben. Was bedeutet Heimat? Muss sie sich für ihre Herkunft schämen?
Es ist ihr sehr peinlich, von ihren Mitschülern und Freundinnen arbeitend im chinesischen Restaurant ihres Vaters in Herford gesehen zu werden. Sie fängt an, sich für Jungs zu interessieren und vor allem Bela, der ihr Herz schneller schlagen lässt, soll sie dort nicht sehen. Ihr Vater schuftet regelrecht, es gibt keinen Ruhetag im Restaurant und kleine Pausen verbringt er liegend auf den Stühlen. Doch das wird irgendwann zu viel und er bricht zusammen, muss plötzlich mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus. Mini bleibt gar nichts anderes übrig, als für ihn einzuspringen und zu arbeiten. Dort muss sie sich aber auch dem Personal gegenüber beweisen. Und Onkel Wu ist auch keine wirkliche Unterstützung, denn auch er hat immer etwas an ihr auszusetzen. So kommt es ihr zumindest vor.

Onkel Wu hält Mini "für eine Banane" – außen gelb und innen weiß. Er sagt, sie sei vom Aussehen her eine Chinesin, aber innerlich eine Deutsche. Er ärgert sich, dass sie fast nichts über ihre Abstammung und über die chinesische Kultur weiß bzw. gelernt hat und sich auch ganz offensichtlich nicht dafür interessiert.
Mini jedoch kämpft mit den kulturellen als auch sprachlichen Unterschieden, sie findet tatsächlich nicht so recht den Mut, sich mit ihrer Herkunft zu befassen, ahnt sie doch im tiefsten Inneren, dass es da ein Geheimnis geben muss. Nach und nach erfährt sie mehr, von Onkel Wu, vom Koch Bao, der sie aus für sie unerfindlichen Gründen immer ignoriert. Erfährt mehr darüber, wie sie eigentlich nach Deutschland kam. Von der Flucht aus Südvietnam, vom Aufenthalt in dem thailändischen Flüchtlingslager bis hin zur Ankunft in Deutschland. Und dabei lernt sie auch mehr über ihren Vater kennen und merkt, dass er ihr bisher regelrecht fremd war.

Que Du Luus gewählter Sprachstil ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, aber es lohnt sich, sich auf diesen Stil einzulassen, denn gerade das macht es letztlich so sehr aus. Durch ihre kurze, knappe und teilweise - wie es scheint - emotionslose Sprache spiegelt sich gut Minis Innerstes wider. Dazu trägt natürlich auch bei, dass Mini als ich-Erzählerin auftritt.

IM JAHR DES AFFEN ist in Teilen ein autobiografischer Roman. Que Du Luu, 1973 geboren in Saigon/Südvietnam, ist chinesischer Abstammung. Nach Ende des Vietnamkriegs flüchtete sie wie Millionen andere Boatpeople über das Meer. In Bielefeld betrieb die Familie ein China-Restaurant.

Persönliches Fazit

Ein Jugendroman, der mit leisen Tönen daher kommt, aber deren Protagonistin Mini einem nach und nach ans Herz wächst. Klug und unterhaltsam, oftmals auch sehr nachdenklich stimmend, erzählt der Roman über die Schwierigkeit der Selbstfindung, der eigenen Identität und über die Suche nach Zugehörigkeit und Glück - und kommt dabei völlig ohne Action und Cliffhanger aus, was für ein Jugendbuch sehr mutig und ungewöhnlich ist, aber perfekt zur Thematik passt.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Im Jahr des Affen | Que Du Luu | Carlsen Verlag, Königskinder
ab 14 Jahren
2016, Hardcover, ISBN 9783551560193
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[alexandra]

Rezension: Der Turm der Welt | Benjamin Monferat

Freitag, 26. August 2016 2 Kommentare

Spannender Spionagethriller in historischem Gewand


Oktober 1889: Die Pariser Weltausstellung geht dem Ende zu. Millionen von Menschen strömen in die Lichterstadt, um Zeuge des Spektakels zu werden. Die brisante internationale Lage scheint für einen Augenblick vergessen. Und doch würde gerade hier, im bunten Gewimmel der Nationen und Interessen, ein Funke genügen, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Ausgerechnet da werden zwei Ermittler des französischen Geheimdienstes tot aufgefunden - sie waren einer Verschwörung auf der Spur.
Was niemand weiß: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger Besucher der Ausstellung eng verknüpft: Eine französische Adelige - Königin der Pariser Salons - fürchtet um ihr Geheimnis: dessen Enttarnung würde weit mehr als nur einen gesellschaftlichen Skandal bedeuten. Ein deutscher Offizier, unterwegs in einer sehr persönlichen Agenda, wird zum Spielball der Großmächte. Ein junger Fotograf schließt einen folgenschweren Pakt, um das Herz seiner großen Liebe zu gewinnen. Ist die bildschöne Kurtisane in Wahrheit eine Spionin?
Schließlich versammelt sich alles, was Rang und Namen hat, an der Spitze des Eiffelturms, um das Abschlussfeuerwerk zu bestaunen. Wann wäre der Zeitpunkt für einen Anschlag besser gewählt, um die Welt im Chaos versinken zu lassen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: zu Lande, zu Wasser – und in der Luft ... [© Text und Cover: Rowohlt Verlag]

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Nachdem ich von „Welt in Flammen" sehr begeistert war, war ich schon gespannt auf das neue Werk von Benjamin Monferat alias Stephan M. Rother. Diesmal entführt er uns also auf die Weltausstellung nach Paris in eine Zeit, als die meisten Häuser noch nicht einmal elektrischen Strom hatten. Die Technologie fasziniert die Menschen, Erfinder und Ingenieure wie Edison oder Daimler feiern große Erfolge. Das Highlight im doppelten Sinne ist natürlich der Eiffelturm, mit 300 Metern damals der höchste Turm der Welt. Es ist spürbar, wie die Menschen über diese fast unvorstellbaren Dinge staunen. Paris ist mit seiner Ausstellung der Nabel der Welt.

Spannend sind auch die politischen Verhältnisse in Europa. Deutschland hat sich mit vielen anderen Ländern verbündet. Bis auf eine Allianz mit den Briten steht Frankreich ziemlich isoliert da. Man spekuliert darüber, dass ein Krieg kurz bevor stehen würde, es fehlt nur noch der Funke, der die Lunte entzündet. Die französische Republik steht dazu momentan auch noch auf wackeligen Beinen. Verschiedene Gruppen wie beispielsweise die Monarchisten würden die Regierung gerne ersetzen und die Staatsform in ihrem Sinne ändern.

In diesem Umfeld strickt Monferat eine komplexe Spionagegeschichte. Deutsche, Briten und natürlich Franzosen verfolgen ihre gegenläufigen Interessen. Immer wieder kreuzen die verschiedenen Handlungsstränge, und wie ein großes Puzzle fügen sich Stück für Stück die Teile und Fragmente zusammen. Es gibt des Öfteren Wendungen, bis zum Ende bleibt es deshalb rätselhaft, wer den Anschlag am letzten Tag der Ausstellung plant. Dass etwas passieren wird, ist von Anfang an klar, denn jedes Kapitel ist mit dem aktuellen Count Down überschrieben. Ein gutes Spannungselement, die gesamten Ereignisse finden somit innerhalb von nur 60 Stunden statt.



Das brisante Umfeld ist aber nur ein Element für den Roman. Es sind die interessanten Figuren, die mich über die 700 Seiten fesseln. Von der prominenten Adeligen, die für ihre Tochter die beste Partie sucht, bis zum abgehalfterten Agenten, der dem Absinth erlegen ist, geht die Bandbreite. Da ist viel Platz für Emotionen und Leidenschaften. Die Protagonisten sind hervorragend in den historischen Kontext eingebunden, das macht die Geschichte glaubhaft und lebendig. Dazu trägt auch die Sprache bei, die sich in das historische Umfeld gut einfügt.

Persönliches Fazit

Bei „Der Turm der Welt" passt alles: interessante Figuren, eingebettet in eine spannende und wendungsreiche Spionagegeschichte, die in einer aufregenden Zeit spielt. Paris mit der Weltausstellung ist ein stimmungsvoller Schauplatz. Nach „Welt in Flammen" waren meine Erwartungen hoch, wurden aber voll erfüllt.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner

>> Rezension zu "Welt in Flammen"
>> Interview mit Benjamin Monferat



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[marcus]

Rezension: Totenlied | Tess Gerritsen

Mittwoch, 24. August 2016 3 Kommentare

Eine verstörende Melodie, ein tragisches Schicksal, ein tödliches Geheimnis ...


Von einer Italienreise bringt die Violinistin Julia Ansdell als Souvenir ein altes Notenbuch mit nach Hause. Es enthält eine handgeschriebene, bislang völlig unbekannte Walzerkomposition. Julia ist fasziniert von dem schwierigen Stück, doch jedes Mal, wenn sie die aufwühlende Melodie spielt, geschehen merkwürdige Dinge. Etwas Bösartiges geht von dem Walzer aus, etwas, was das Wesen von Julias dreijähriger Tochter auf beunruhigende Weise zu verändern scheint. Weil niemand ihr Glauben schenkt, reist Julia heimlich nach Italien, um nach der Herkunft der mysteriösen Komposition zu forschen ... [Text + Cover: © Limes Verlag]

[trennlinie]

[SPOILERWARNUNG]

Zugegeben, die Inhaltsangabe ist irreführend: Angesichts der Beschreibung würde man sich eine Geschichte erwarten, die harmlos, unschuldig, subtil mit einem verschollenen Musikstück beginnt und dann wie auf einer schiefen Ebene langsam aber unausweichlich auf die Katastrophe zusteuert. Die ersten Kapitel bestätigen diesen Eindruck ja noch. Als die Violinistin Julia die Melodie zum ersten Mal spielt, verfällt sie selbst in eine Art Trance, ihre vierjährige Tochter hingegen ersticht auf brutale Weise die Hauskatze. Eine diabolische Komposition also, die eine Persönlichkeitsveränderung bewirkt und Menschen in mörderische Bestien verwandelt, wo das Grauen sich erst hinterhältig einschmeichelt, bevor es sich als solches zu erkennen gibt ... eine solche Geschichte würden wir am ehesten von Stephen King oder Marc Raabe erwarten. Wenn eine Mutter plötzlich nicht mehr weiß, ob sie ihrer Tochter noch trauen kann - eine solche Situation erinnert auch an das schaurige Debüt von S. K. Tremayne, "Eisige Schwestern".

Doch als man sich bereits mitten im Rätseln findet, ob nun Julia ihren Verstand oder ihre Tochter die kindliche Unschuld verliert, ändert die Autorin schlagartig den Kurs. Der Leser findet sich im Venedig des frühen zwanzigsten Jahrhundert. Lorenzo, Sohn eines Geigenbauers, entpuppt sich als ein musikalisches Wunderkind, das über die seltene Gabe des Absoluten Gehörs verfügen dürfte. Im Zuge der Vorbereitungen auf einen Wettbewerb verliebt er sich in seine Partnerin, die Tochter eines befreundeten Professors. Tess Gerritsen zelebriert ihre Hingabe an die Musik, setzt geschickt Harmonien und Akkorde als Metaphern für jugendliche Leidenschaft ein. Die universelle Sprache artikuliert sich über zwei Saiteninstrumente im Gleichklang, und jede verbale Kommunikation wird redundant.
Doch nicht nur der nahende Wettbewerb markiert ein fixes Ablaufdatum der regelmäßigen nachmittäglichen Probespiele. Immerhin schreiben wir das Jahr 1938, und Lorenzos jüdische Herkunft stößt immer öfter auf Argwohn unter seinen Zeitgenossen. Die Anzeichen, daß der jungen Liebe ein furchtbares Ende beschieden sein wird, mehren sich, die schwere Melancholie erinnert an den Film "Casablanca". Schließlich erreicht der Krieg auch Italien, und die ersten Deportationen beginnen. Menschen werden wie Tiere zusammengepfercht, ein Gerangel um die letzten verbliebenen Nahrungsreste setzt ein:

"... weil Brot wie Luft war, etwas, was man als selbstverständlich hinnahm. Und dabei war es doch der Grundstock jeder Mahlzeit."

Nun entfaltet die Geschichte ihre wahre Tragik. Im Interview mit dem Büchermagazin (Ausgabe 5/2016) verweist die Autorin auf eine Gedenktafel für 246 getötete Juden in Venedig, denen sie mit ihrem Roman ein weiteres Denkmal setzen wollte. Der Name Tudesco erregte ihre Aufmerksamkeit, er wurde zum sympathischen Protagonisten. So vollzieht sie das Schicksal dieser Menschen nach, verleiht den Namen Gesichter, ihren Stimmen Gehör.

"Wie schnell man doch aus einem Menschen ein jämmerliches Häufchen Elend machen kann", entlädt sich die Ungewißheit in einem Seufzen ...

Natürlich kann die Geschichte um Lorenzo, den venezianischen Virtuosen nur tragisch enden, alles andere würde der Ernsthaftigkeit des Themas nicht gerecht werden. Und natürlich muß diese aus der Distanz der Gegenwart - in Julias Part - aufgelöst werden. Die Weise jedoch, in der sie dazu motiviert wird, die Herkunft des Moll-Walzers zu erkunden, verwässert die Gesamtkomposition, indem sie einer Geschichte, die ihre intensivste Wirkung entfaltet, wenn sie wohl geerdet ist, eine unnötige metaphysische Komponente verleiht. Die kleinen Anleihen im Genre Psychothriller wirkt, als würde der titelgebende Moll-Walzer durch eingeflochtene Polka-Variationen aufgelockert, um ihm an Schwere zu nehmen. Somit dient lediglich dieses Musikstück als verbindendes Element. Was über weite Strecken fehlt, ist die schlüssige Erklärung, die zwingende Notwendigkeit, warum genau diese beiden Teilgeschichten - und keine anderen - zusammengehören. Erst, als man Julia in Venedig nach dem Leben trachtet, weil sie durch ihren Fund unfreiwillig zur Schlüsselfigur einer politischen Verschwörung geworden ist, scheinen die beiden Erzählstränge so etwas wie eine gemeinsame Tonart gefunden zu haben. Erst ab diesem Zeitpunkt wirken sie nicht mehr so, als würden sie der Autorin als Füllstoff für den jeweils anderen dienen. Erst ab diesem Zeitpunkt sind die gedanklichen Hindernisse beiseite geräumt, ist der Weg frei für eine Auflösung, für die man der Autorin für alle Zweifel Abbitte leistet.

Mechthild Großmann, die Sprecherin der Hörbuchfassung, klingt, als würde sie ihre rauchige Erzählstimme täglich mit einem Übermaß an Zigarettenkonsum kultivieren. Dem resultierenden Vortrag möchte man stundenlang lauschen ... wenn er als Erzählinstanz die Ereignisse aus der Vogelperspektive schildert oder bedächtige Männerstimmen intoniert. Höhere Tonlagen wie Frauen- und Kinderstimmen hingegen klingen spröde und brüchig, und auch der Akzent italienischer Figuren läßt eher an sibirische Auftragsmörder als an heißblütige Südländer denken. Großmann mag in ihrer Rolle als Stammsprecherin von Tess Gerritsen engagiert worden sein, für diese spezielle Geschichte hingegen scheint sie nicht die optimale Wahl darzustellen.

Ein ganz besonderes Zuckerl hat die Hörbuchversion gegenüber der gedruckten ganz bestimmt zu bieten: Das zentrale Musikstück ist nämlich keine bloße Fiktion, sondern wurde von der Autorin selbst komponiert. Wenn also auf den tief bewegenden Epilog melancholische Walzer folgt, erlebt der Roman einen letzten, aufwühlenden Höhepunkt, der ihn zu einem synästhetischen Gesamterlebnis abrundet.

Persönliches Fazit 

"Totenlied" ist eine hoch einfühlsam erzählte Geschichte der amerikanischen Erfolgsautorin, die ausnahmsweise nicht von der burschikosen Bostoner Polizistin und ihrer perfektionistische Kollegin aus der Pathologie handelt. Gerade weil sie ihre berührendsten Momente in jenen Passagen offenbart, die am stärksten auf historischen Begebenheiten beruhen, wirken die anderen, die stärker von erzählerischer Freiheit geprägt sind, oft nicht gänzlich stimmig.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Totenlied | Tess Gerritsen | Random House AudioAus dem Amerikanischen von Andreas Jäger
2016, Hörbuch MP3-CD (gekürzt), ISBN: 978-3-8371-3562-6
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[wolfgang]

Buchvorstellung: Quietsche-Entchen häkeln | Carola Behn

Montag, 22. August 2016 0 Kommentare

Ente gut – alles gut



Wer kennt sie nicht? Die süßen gelben Entchen, die schon beim Anschauen gute Laune verbreiten? Nun gibt es die kleinen Racker mit dem Kuschelfaktor! Ruckzuck sind sie mit der Häkelnadel gezaubert und sind als witzige Geschenke oder süße Deko immer für einen Lacher gut.
Mit der einfachen Grundente haben Sie schnell den Bogen raus und können aus ihr kinderleicht jede Version zaubern, die Ihnen gefällt. [Vorwort der Autorin | Cover: @TOPP Verlag]

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Schon als ich das Buch zum ersten mal gesehen habe, habe ich mich regelrecht in die süßen Entchen verliebt, deshalb wollte ich es mir unbedingt einmal anschauen. Und siehe da - es wurde noch besser als vermutet! Die kleinen Kerlchen sind mit ganz viel Liebe zum Detail entworfen. Mich hat es gleich in den Fingern gejuckt und ich habe sofort zur Häkelnadel gegriffen. Einmal angefangen, konnte ich kaum noch aufhören - wie ihr an den Bildern unten gut sehen könnt :) 

Angefangen habe ich aber erst einmal mit dem Grundmodell (quietschegelber Klassiker).

Nach dieser Anleitung werden dann alle anderen Entchen auch gehäkelt. Die verschiedenen Charaktere entstehen nur durch entsprechende Farbwechsel und das jeweilige Zubehör.

Es gibt insgesamt 23 verschiedene Entchen zu häkeln (z.B. Franzoden-Ente, Gärtner-Ente, Fußballer-Ente, Hochzeitspaar usw.).
Da beim Häkeln nur feste Maschen benötigt werden und die Anleitung ganz ausführlich und leicht verständlich ist, können sich durchaus auch Häkelanfänger ran wagen. Sollte es dennoch einmal ein kleines Problem geben, findet man auf den Umschlagklappen eine kleine Häkelschule.
Desweiteren werden hier auch die je nach Teil benötigten Stickstiche ausführlich beschrieben. Das Ausarbeiten der Teile ist durch die ganzseitigen Fotos dann auch kein Problem mehr.

Die Entchen haben noch einen positiven Nebeneffekt:

Jeder, der die kleinen Kerlchen gesehen hat, hatte sofort ein Lächeln auf dem Gesicht, egal, wie griesgrämig er vorher auch dreingeschaut hat. Das will doch mal was heißen.
Das Häkeln der Entchen hat mir so viel Spaß gemacht, daß ich erst aufgehört habe, als mir tatsächlich die gelbe Wolle ausgegangen ist. Schaut euch meine „Entenparade doch auf den Fotos an!





Persönliches Fazit


Ein total gelungenes Häkelbuch, dass mir große Handarbeits-Freude bereitet hat. Die kleinen Racker sind wirklich leicht anzufertigen und ein geniales Mitbringsel und Jung und Alt. Aber Vorsicht – es besteht Suchtgefahr, was ich mittlerweile aus eigener Erfahrung weiß.
Von meiner Seite aus geht hiermit ein ganz dickes Dankeschön an die Autorin für viele wundervolle Häkelstunden!

© Buchvorstellung: 2016, Gitta Handarbeitsfee


Quietsche-Entchen häkeln | Carola Behn | frechverlag – Topp-kreativ
2016, Softcover mit 48 Seiten, ISBN 978-3-7724-6974-9
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[gitta]

Rezension: Die Rückkehr | Rebecca West

Sonntag, 21. August 2016 0 Kommentare



Ein englisches Landgut im Süden Londons während des Ersten Weltkriegs: Die zwei Frauen Jenny und Kitty Baldry kümmern sich um das Anwesen der Familie, während der Herr des Hauses, Kittys Ehemann und Jennys Cousin Chris, in Frankreich an der Front ist. Schon bald muss er versehrt nach Hause zurückkehren. Doch es ist keine der üblichen Kriegsverletzungen, die ihn in Mitleidenschaft gezogen hat: Er leidet unter einem Granatenschock, einem schrecklichen Trauma, das ihn glauben lässt, wieder zwanzig Jahre alt zu sein. Alles um ihn herum ist ihm fremd, selbst seine eigene Ehefrau. Obwohl Kitty diese Kränkung kaum ertragen kann, sucht sie gemeinsam mit Jenny und Margaret, einer alten Liebe von Chris, einen Weg, um ihren Mann ins Jetzt zurückzuholen. [© Text und Cover: dtv Verlag]

[trennlinie]

Knapp einhundert Jahre alt musste der Roman werden, bis er jetzt erstmals auf Deutsch erscheint. Ich kann gleich vorwegnehmen: es war höchste Zeit!

Als Chris vorzeitig aus dem Krieg heimkehrt, ist sein Gedächtnis so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass für ihn die Zeit um fünfzehn Jahre zurückgedreht wurde. Die Veränderungen im Haus seither machen ihn nervös, dass er selbst und die Menschen, die er kennt, älter aussehen als sie sein dürften, kann er nicht wahrhaben, und seine eigene Ehefrau Kitty kennt er nicht mehr. Mit Anfang zwanzig war Margaret seine große Liebe, und auf diesem Stand befindet er sich jetzt – er will sie unverzüglich wieder sehen.

Seine Cousine macht sich auf den Weg, Margaret abzuholen und zu Chris zu bringen. Die ist inzwischen verheiratet, ist aber gern bereit, ihm zu helfen. Wird diese alte Flamme wieder aufglimmen? Wie hält seine Frau Kitty dieses Vakuum aus? Gibt es eine Möglichkeit, ihn zu heilen, und wer will das überhaupt? Das sind die Fragen, die sich im Laufe des Buches ergeben. Eine Vierecksgeschichte mit Reibungspunkten.



Was mich an Rebecca Wests Debütroman am meisten begeistert ist die Sprache. Sie sprüht immer wieder vor Poesie.

„Der Wind, der aufkam, um die Sonne in Schach zu halten, hatte der Zeder die Würde ihrer ausladenden Form genommen, die dunklen Tannen dazu gebracht, gemeinsam mit den Armen zu schlagen, und den Himmel mit enorm grauen Wolken gefüllt, die das Leuchten der Krokusse dämpften." (S. 102)

Auch wenn der Text schon älter ist, wirkt er auf mich keineswegs angestaubt. Besonders bei der Beschreibung von Chris' und Margarets Kennenlernen vor fünfzehn Jahren fängt sie die Stimmung von Landschaft, Jahreszeit und erblühender Liebe wunderbar ein.

Persönliches Fazit

Rebecca Wests Roman aus dem Jahr 1918 ist ein literarisches Kleinod. Die poetische Ausdrucksweise hat mich begeistert und erschafft eine wunderbare Atmosphäre. Wer sich gerne in eine solche Sprache fallen lässt, ist bei diesem Buch gut aufgehoben.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner



Die Rückkehr | Rebecca West | dtv Verlag
Aus dem Englischen von Britta Mümmler
2016, gebunden, 160 Seiten, ISBN: 9783423280808
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[marcus]

Rezension: Das Spiel von Liebe und Tod | Martha Brockenbrough

Mittwoch, 17. August 2016 2 Kommentare



Romeo und Julia, Kleopatra und Mark Anton, Napoleon und Josephine, sie alle waren schon Figuren in dem jahrtausendealten Spiel von Liebe und Tod. Die Regeln sind einfach. Verlieben sich die Paare vor dem ausgewürfelten Termin, hat die Liebe gewonnen, trennen sie sich, triumphiert der Tod und einer der Liebenden muss sterben.
Immer wieder steht Henry vor der Tür des Jazzclubs, in dem Flora allabendlich singt. Er ist hingerissen von der schönen jungen Frau, ihrer Stimme und ihrer Musik. Flora dagegen versucht lange, sich gegen ihre Gefühle zu wehren. Ihre Haut ist schwarz und eine Beziehung mit einem weißen jungen Mann ist im Seattle des Jahres 1937 völlig ausgeschlossen.
Was Flora und Henry nicht wissen: Sie sind nur Figuren in einem uralten Spiel, in dem die Liebe selbst und ihr alter Widersacher Tod menschliche Gestalt angenommen haben. Und beide nutzen all ihre manipulativen Fähigkeiten, um zu gewinnen. [© Text und Cover: Loewe Verlag]

[trennlinie]

Die Geschichte von Flora und Henry wäre auch ohne das Auftreten von Liebe und Tod interessant und bewegend. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Gesellschaft zwischen schwarz und weiß noch weit mehr getrennt als heute. Eine Vermischung, besonders in der Öffentlichkeit, wurde verpönt. Die schwarze Bevölkerung wurde stark diskriminiert und oftmals ausgeschlossen.

Die Liebe ist stark zwischen den beiden, und Henry ist bereit, alles für Flora aufzugeben. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er als Ziehsohn bei einer befreundeten Familie. Sein Studienplatz ist gesichert und eine Karriere beim Zeitungsverlag des Pflegevaters ist fest eingeplant. Der führt die Firma wie auch die Familie mit strenger Hand. Allein dass Henry Musik macht wird schon als unnötige Zeitverschwendung angesehen. Dass er sich in Jazzclubs herumtreibt kann ihm richtig Ärger bereiten, dass er sich mit einem schwarzen Mädchen einlassen will, ist allerdings völlig undenkbar. In diesen Kreisen folgt man nicht seinem Herzen, sondern man macht das „Richtige".

Flora zweifelt daran, dass eine Beziehung mit Henry eine Zukunft hat. Sie ahnt die Schwierigkeiten, die auf sie zukommen würden und kämpft gegen ihre Gefühle an. Hier kommen Liebe und Tod ins Spiel: sie können sich personifizieren und versuchen Flora und Henry zu beeinflussen, natürlich mit gegensätzlichen Zielen. Hier wurde es für mich etwas holprig. Liebe und Tod werden zu James und Helen, dabei musste ich mir immer mal wieder bewusst machen, dass die eben nicht sie selbst sind. Als Freund oder Cousine sind sie nämlich auch sehr glaubhaft dargestellt.

Das Konzept, die Liebesgeschichte in ein geplantes Spiel von Liebe und Tod zu verpacken, ließe sich auch in ein tiefphilosophisches Werk umsetzen. Ganz so weit geht Martha Brockenbrough in ihrem Jugendbuch nicht, vermisst habe ich in diese Richtung allerdings nichts. Somit ist „Das Spiel von Liebe und Tod" nicht nur für Jugendliche ab 14 Jahren, sondern auch für Erwachsene lesenswert.

Persönliches Fazit

Eine emotionale Reise zurück in die dreißiger Jahre. Kann die Liebe, die nicht sein darf, bestehen, sogar unter dem Einfluss von Liebe und Tod? Ein Konzept, das funktioniert, und das Jugendliche aber auch Erwachsene emotional abholt und mitfiebern lässt.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Das Spiel von Liebe und Tod | Martha Brockenbrough | Loewe Verlag
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Ab 14 Jahren
2016, gebunden, 400 Seiten, ISBN: 9783785582626
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[marcus]

Aufgelesen 22: Und ... bedarf es nicht mehr?

Dienstag, 16. August 2016 0 Kommentare



Wie jedes Jahr in den Sommermonaten haben sich auch heuer wieder die Straßen, Brücken und Promenaden Salzburgs mit Schaulustigen und Kulturhungrigen gefüllt, gleicht die Innenstadt um Mozarts Geburtshaus mehr denn je einem Freilichtmuseum und schallt abends der ehrfurchtgebietende "Jedermann"-Ruf über den Domplatz, einem barocken "Memento mori" gleich. Es herrscht wieder Festspielzeit ... und einer weiteren Tradition folgend, wurde auch heuer wieder die Eröffnungsrede von einem prominenten Vertreter des Geistes- und Kulturlebens bestritten.

Bestritten im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit akademischem Furor wetterte da der österreichische Kulturphilosoph Konrad Paul Liessmann von der Kanzel.

"Wir leben in bewegten Zeiten"

konstatierte er gleich zu Beginn das Offensichtliche, um zur provokanten Frage überzuleiten, ob es angesichts allgegenwärtiger Krisen noch angemessen ist, sich "dem Genuß eines rauschenden Festes" hinzugeben. Beispielhaft verwies er auf Theordor Adorno, der im Sommer des Jahres 1967 einen Vortrag über Goethe halten sollte, wo kurz zuvor der Student Benno Ohnesorg während einer Demonstration erschossen worden war. Adorno wurde aufgefordert, nicht über den Dichterfürsten, sondern die aktuellen politischen Entwicklungen zu sprechen und Partei für die Aufbegehrenden zu ergreifen. Der Philosoph weigerte sich, strich stattdessen die politische Dimension in Goethes "Iphigenie" hervor. Damit sollte er recht behalten, wie leicht wäre er wohl sonst von der RAF instrumentalisiert worden. Bewegte Zeiten seien also keineswegs ein Spezifikum unserer Tage, so Liessmann, der ein Gedicht Georg Friedrich Hölderlins ins Zentrum seiner Rede stellt ... entstanden in den Tagen der Napoleonischen Kriege.

Wie viel Bildung braucht die Kunst, wie viel Kunst braucht die Bildung?


Copyrightangabe: SN/Neumayr
Einmal mehr bezog sich der Festredner auf den Zweck der Kunst, ihre Aufgabe innerhalb der Gesellschaft, ihre Funktion an der Seite der Politik. Wird der Wert der Kunst am Grad ihrer Verwertbarkeit bemessen? Liessmann konstatierte die schwindende Rolle der Kunst in der Bildung und warf auf: "Wie viel Bildung braucht die Kunst, wie viel Kunst braucht die Bildung?" Dem pädagogischen System, dem die Kinder überantwortet werden, diagnostizierte er "Kompetenzorientierung" und "Output-Optimierung". Zu seinem Herzensanliegen, der Kunst zurückkehrend, schloß er mit dem strahlenden Zentrum aus Hölderlins "Ode an die Parzen", der zugleich seinen roten Faden darstellte:

"Und mehr bedarfs nicht."

Konrad Paul Liessmann wußte dabei zahlreiche Verantwortungsträger und einflußreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien und Unterhaltung vor sich. Er präsentierte jenen, in deren Macht es steht, Veränderungen anzustoßen, ein - wenn auch kulturpessimistisch geprägtes - Bild des kollektiven Geisteszustandes. Sein Vortrag war zugleich auch eine Anklage der Passivität. Ein "Warum macht ihr es nicht besser?" hing da implizit in der Luft, eine Verwunderung über die Kurzsichtigkeit schickte er mit seinen Worten in den Saal.
Und wußte zugleich, daß er bestenfallls ein geduldeter Sonntagsredner war. Einer, der die obligate Funktion des Stachels im Fleisch des renommierten Kulturfestivals erfüllen soll, einer, dessen Worte man über sich ergehen läßt, um sich die Köstlichkeiten am Buffet zu verdienen.

Bereits in seinem 2008 erschienenen Essayband "Theorie der Unbildung" prangert Konrad Paul Liessmann den Bildungsbegriff unserer Gesellschaft an. Anhand der beliebten Quizshow "Wer wird Millionär" bezeichnet er diesen als "Erscheinungsform der Unbildung" (S. 17) und verortet die Ursache ihres Erfolges in dem Umstand, daß sie mit "jedem Bildungsdünkel radikal Schluß macht." Alle möglichen Wissensgebiete stünden gleichberechtigt nebeneinander, kurzlebige Geschichten aus der Klatschpresse nähmen denselben Stellenwert wie Fragen nach Goethes Faust ein, und keinem Kandidaten sei es bisher eingefallen, eine Frage aufgrund mangelnder Relevanz zurückzuweisen. Das Schlagwort, das allerorts herumgeistert, ist jenes der "Wissensgesellschaft". Daß jede beliebige Information jederzeit verfügbar ist, mag zur trivialen Plattitüde geworden sein, die Frage nach dem richtigen Umgang mit dieser Informationsflut ist keineswegs trivial. Nicht nur der österreichische Kultur (und Vorzeige-)philosoph, auch der Verfasser dieser Zeilen begibt sich zuweilen auf die Suche nach dem Begriff des Allgemeinwissens. Was kann als grundlegender intellektueller Konsens einer Gesellschaft festgelegt werden, was kann dem Begriff "Bildung" als Fundament dienen? Anders gefragt: Über welche Kenntnisse sollt ein Absolvent der Pflichtschule zumindest verfügen?

Beim Lesen, Schreiben und Rechnen - also den elementaren Kulturtechniken - mögen wir uns noch einig sein...
Tatsächlich?


Bestrebungen, die Handschrift von den Lehrplänen zu nehmen und die Grundrechenarten an Maschinen zu delegieren, relativieren diese Einigkeit schon wieder. Und sollten nicht auch schon die Bedienung eines Comupters, sogar rudimentäre Programmierkenntnisse zum intellektuellen Rüstzeug gehören? Ist es überhaupt noch zeitgemäß, tote Sprachen zu unterrichten, oder sollte man die entsprechende Zeit nicht durch eine tägliche Turnstunde ersetzen? Ist es noch relevant, das auslösende Moment des Dreißigjährigen Krieges zu kennen, den Satz von Thales, das Wissen um die Photosynthese? Bemißt sich der Wert dieses Wissens ohnehin nur an den Prämien in Quizshows, und können etwaige Lücken nicht ohnehin in Sekundenschnelle durch Wikipedia geschlossen werden? Ist Religionsunterricht überhaupt noch zeitgemäß, sollte er nicht längst durch das Fach "Ethik" ersetzt werden?

Die Details mögen volatil sein und der Notwendigkeit der Zeit unterworfen, am Grundsätzlichen der Bildung will Konrad Paul Liessmann jedoch nicht rütteln. Bildung sieht er als "Menschwerdung des Menschen", die dafür auf Kunst und Wissenschaft angewiesen ist, die laut Friedrich Schiller "edelsten Werkzeuge des Menschen."

© Kolumne: 2016, Wolfgang Brandner

Literatur:

Zsolnay, Wien 2006, ISBN 978-3-552-05382-3
(2.-6. Aufl. 2006, 7. -15. Aufl. 2007, 17. Aufl. 2008; Taschenbuchausgabe (Piper) 2008)



[wolfgang]

Rezension: Das geheime Evangelium | Ian Caldwell

Montag, 15. August 2016 0 Kommentare



Der griechisch-orthodoxe Priester Simon will sich in den Gärten von Castel Gandolfo heimlich mit dem Kurator einer Ausstellung treffen, die die Geschichte der Kirche verändern soll. Doch vor Ort findet er dessen Leiche. Schnell stellt sich heraus: Es war Mord - und Simon wird verdächtigt. Gleichzeitig wird in die Wohnung seines Bruders Alex eingebrochen. Alex versucht, einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen herzustellen. Ist das geheime Evangelium, das ausgestellt werden sollte, der Grund? Alex ahnt, dass er der Wahrheit immer näherkommt, denn plötzlich wird er selbst gejagt. [Text + Cover: Rütten & Loening]

[trennlinie]

Der Autor Ian Caldwell, so erfährt man in der kurzen Vita, kann stolz auf ein abgeschlossenes Geschichtsstudium der angesehenen Universität von Princeton verweisen. Und sein neuer Roman erweckt den Eindruck, als würde er keinen Hehl daraus machen.

Was zunächst ins Auge fällt, ist die gewählte Perspektive der ersten Person, die bereits sehr viel über die erzählende Hauptfigur verrät. Der Priester Alex ist ein hochgebildeter, ebenso scharfsinniger wie aufmerksamer Beobachter, dem kein Detail entgeht. Insofern gibt es in den geschilderten Situationen und Lokalitäten keinerlei Unschärfen, die Bilder, die auf den Leser eindringen, wirken, als wären sie in ihren Konturen noch nachträglich betont worden. Somit entsteht vielfach der Eindruck eines Stillebens, von Kulissen, die erst errichtet werden, bevor die Figuren vor ihnen ihr Spiel bestreiten. Die Dialoge werden häufig in indirekter Rede wiedergegeben, was außerdem wenig zur Dynamik beiträgt. Insgesamt wirkt die Erzählweise somit sehr dokumentarisch und nüchtern, eher der Textsorte eines Zeitungsartikels als eines narrativen Stückes entsprechend. 

Mit einem Geistlichen als Hauptfigur wird ein ungewöhnlicher Weg beschritten. Alex lebt als allein erziehender Vater und gleichzeitig griechisch-orthodoxer Priester innerhalb der Mauern des Vatikans. Selbst aufgewachsen als Sohn eines griechischen Priesters, ist er von Kind auf geprägt von Altruismus und tief empfundenem Glauben. Sein Beruf ist ihm Berufung, Respekt vor der Schöpfung, vor anderen Menschen und dem unermesslich reichen Wissensschatz, der in allen Winkeln seines Wohnortes zu finden ist, prägen seine Wahrnehmung und sein Handeln. Jeden Gegenstand assoziiert er mit einer Anekdote, jede Begegnung mit einer anderen Person weckt Erinnerungen. Der Entwurf einer solchen Figur wirkt angesichts eines stark ausgeprägten Säkularismus wie ein Gegengewicht zum Zeitgeist und trotz - oder vielleicht gerade wegen - ihres ungewöhnlich strengen Wertekanons und der stark ausgeprägten Prinzipientreue erfrischend andersartig und als ein verlässlicher Begleiter durch die Geschichte.

Die erwähnten gedanklichen Brücken, die Alex von Personen und Objekten zu ihren Geschichten schlägt, nutzt der Autor immer wieder als Anknüpfungspunkte für Rückblenden. Leider sind diese oft nicht unmittelbar als solche gekennzeichnet, sodass einzelne Passagen wiederholt werden müssen. 

Der ganz alltägliche Alltag der Kurie im Vatikan, die architektonische Ausrichtung des Castel Gandolfo, Sommersitz des Papstes ... in Aspekten wie diesen stellt der Autor nun sein umfangreiches Wissen unter Beweis. Die Funktionsweise der Radiocarbondatierung, mit der das tatsächliche Alter des Turiner Grabtuchs festgestellt wurde, erläutert er im Detail und wählt sich diesen Vorgang als Ausgangspunkt für seinen Roman. Mit der Annahme eines Irrtums in der Datierung bietet er seinen Protagonisten weiten Raum für Spekulationen und Recherchen, die sie zunächst in eine unterirdische Bibliothek, die intellektuellen Eingeweide des Kirchenstaates, führen. In der Beschreibung des Ausmaßes der religiösen Verehrung von Reliquien, das Innenleben der Säulen im Petersdom oder die Kanonisierung der Evangelien droht der Autor oft ins Dozieren zu verfallen und den Kontakt zum Leser zu verlieren. Wer allerdings seinen Ausführungen interessiert folgt, dem eröffnet sich kein Thriller mit Sachbuchelementen - wie wohl ursprünglich beabsichtigt - sondern eher ein Sachbuch mit belletristischen Stilmitteln. 

Persönliches Fazit

Die geschickte Wahl der Hauptfigur ermöglicht selten intime Einblicke in den Vatikan. Leider erstickt jedoch die akademische Begeisterung des Autors die Spannung, sodass der Roman letztlich ein wenig wie Dan Brown in Zeitlupe wirkt. 

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Das geheime Evangelium | Ian Caldwell | Rütten & Loening
Übersetzt von Wolfgang Thon
2016, Klappenbroschur, 560 Seiten, ISBN: 978-3-352-00666-1
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[wolfgang]

Rezension: Wie der Atem in uns | Elisabeth Poliner

Freitag, 12. August 2016 0 Kommentare



Die Leibritzkys sind eine jüdische Großfamilie und einander in inniger Hassliebe verbunden. Jedes Jahr fahren sie gemeinsam in ihr Sommerhaus ans Meer, nach Woodmont in Connecticut. Bis ein tödlicher Autounfall alles für immer ändert. David Leibritzky ist erst acht Jahre alt, als er sterben muss. Das Jahr 1948, in dem er umkommt, ist das Jahr der Unabhängigkeit Israels. Doch frei wird keiner der Leibritzkys je mehr sein.

Rund fünfzig Jahre später versucht die ältere Schwester Molly die Ereignisse zu ergründen, die zu Davids Tod geführt haben. Sie umkreist den einen Tag, den sie alle nicht vergessen können, und spürt dabei der Geschichte ihrer Familie nach. Sie erzählt von drei Schwestern, die füreinander einstehen und sich doch gegenseitig verletzen, von der Auseinandersetzung mit dem schweren Erbe der Religion und der Unentrinnbarkeit familiärer Bande. [© Text und Cover: DuMont Buchverlag]

[trennlinie]

Das Zentrum dieser Familiengeschichte bilden die drei Schwestern Vivie, Ada und Bec. Sie führen die Tradition ihrer Eltern fort und treffen sich jeden Sommer mit ihrem Anhang in ihrem Haus am Meer. Alles wirkt eingespielt und friedlich, jeder kennt seinen Platz und seine Rolle. Wie in den meisten Familien trügt dieses Bild allerdings. Molly, Adas Tochter, erzählt fokussiert über jeden einzelnen von ihnen. Dabei springt sie in der Zeit mal zurück und mal nach vorne und charakterisiert ihre Verwandten dabei intensiv. Sie spürt die Ängste und Träume auf und definiert die Beziehungen untereinander. Dabei kommt kein großes Erzähltempo auf, aber ich gewinne einen sehr guten Eindruck über die komplexen emotionalen Zusammenhänge.

Von Anfang an ist klar, dass Davys Tod in jenem Sommer eine wichtige Rolle spielt. Auch wenn das Ereignis selbst nur selten direkt angesprochen wird, ist es doch meist latent im Bewusstsein der Protagonisten wie auch mir als Leser. Wie ein roter Faden zieht sich das durch das Buch, und am Ende werden mir die Auswirkungen dieses tragischen Tages auf die Beteiligten klar.

Ein wesentlicher Zusammenhalt der Familie ist die Religion. Auch im Sommerhaus wird freitags der Schabbat gefeiert. Für die Juden fällt das Jahr 1948 in eine besondere Zeit: der Krieg ist noch nicht lange vorbei, das Ausmaß der Gräuel der Nazis sind noch nicht lange bekannt, und der Staat Israel wurde gegründet. Die Ausgrenzung gibt es auch in anderen Kulturkreisen noch. Die Großeltern der drei Schwestern wurden in Russland mehrmals vertrieben, bevor sie nach Amerika ausgewandert sind. Das schweißt einerseits zusammen, andererseits muss man sich an die Regeln halten.

„Doch so ist es in Familien: Sie sagen uns, was wir sind, und das sind wir dann, und deshalb besteht ein Teil des großen Lebenskampfes darin, so kam es mir immer vor, sich jenseits der Last der erdrückenden kollektiven Definition selbst kennenzulernen." (S. 88)

Unbeschwert sind die Wochen, die die Familie in Woodmont vor dem Unfall verbringt. Der Autorin gelingt es gut, diese leichte Atmosphäre durch ihre Sprache einzufangen. Molly, Adas Tochter, die uns die Geschichte erzählt, ist damals zwölf Jahre alt. Gerade aus Sicht der Kinder sind das wunderbare Tage im Kreis der Familie, mit Geschwistern und Cousine, mit Freunden am Strand, behütet von Eltern, Tanten und Onkeln. Wer wünscht sich nicht in so eine Zeit zurück? Kann es das nach Davys Tod noch geben?

Persönliches Fazit

Ein Familienporträt mit dramatischem Unterton. Die Erzählweise ist ruhig, dafür werden die Protagonisten intensiv charakterisiert. Mir gefällt es sehr gut, wie Elizabeth Poliner die damalige Zeit und die sommerliche Atmosphäre einfängt. Eine Geschichte, die sehr wirklichkeitsnah und ohne Effekthascherei erzählt wird.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Wie der Atem in uns | Elizabeth Poliner | DuMont Buchverlag
Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff
2016, gebunden, 428 Seiten, ISBN: 9783832198176
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[marcus]