Aufgelesen 23: Das gibt mir Berge.

Dienstag, 30. August 2016 0 Kommentare




"Das gibt mir Berge."

Diese Redewendung drückt üblicherweise persönliche Erbauung durch eine Erfahrung, eine Begegnung, ein Erlebnis aus.
Das gibt mir Berge ... dieser Gedanke zieht sich wie der berühmte rote Faden durch den Vortrag eines bekannten Alpinisten, dem ich kürzlich beiwohnen durfte.

Bereits das Foyer des Veranstaltungszentrums ist überfüllt, die Erwartungshaltung beinahe greifbar. Eine lange Schlange läßt erahnen, wo der prominente Gast geduldig seinen Namenszug wiederholt zu Papier bringt. Endlich bin ich an der Reihe, schüchtern reiche ich ihm die aufwendig gestaltete Eintrittskarte. Der Mann selbst wirkt unscheinbar, würde wahrscheinlich in einer Menschenmenge verschwinden. Nur die charakteristische Gesichtsbehaarung, die man von unzähligen Bildern kennt, der intensive Blick seiner Augen machen klar, wer da vor mir sitzt: Reinhold Messner.
"Kommen's, ich hab was Besseres", meint er schmunzelnd und signiert mir eine seiner Autogrammkarten.

Plakatsujet der Veranstaltung
Foto: Claude Langlois


Schließlich ist der Saal gefüllt, gespanntes Schweigen. Er betritt die Bühne, nicht mit Fanfaren wie ein Rockstar oder einer aufwendigen Lichtershow. Auf einmal ist er da, spricht erste Begrüßungsworte. Mit brüchiger Stimme, leicht lispelnd, erzählt er zunächst von seinen Jugendtagen auf einem Bergbauernhof in den Südtiroler Dolomiten, wo eine ein ganzes Leben lang lodernde Sehnsucht nach den Bergen entfacht wurde. Heimat, so Messner, ist der Platz, von dem aus man auf die Welt schaut. Als wäre die Besinnung auf dieses Fundament notwendig gewesen, findet er nun auch stimmlich seinen Halt im Vortrag wie die Finger in der Steilwand. In eine solche nimmt er die Zuhörer mit, läßt es gemeinsam mit ihm eine zermürbende gefühlte Ewigkeit dort ausharren, wo es kein Vor und kein Zurück mehr gibt.

"Das Können ist des Dürfens Maß"

Keiner wagt zu atmen, alle Blicke sind auf die Leinwand gerichtet, auf der in langsamer Abfolge Bilder der mächtigen Gipfel der Westalpen projiziert werden. Viele der Menschen im Saal sind in den Bergen aufgewachsen, in vielen Beinen stecken etliche bezwungene Höhenmeter. Und doch flößen bereits die zweidimensionalen Abbilder, neben denen die Gestalt des Redners beinahe verschwindet, Respekt ein. Oft genug fand dieser Mann sich nahe, zu nahe am Abgrund. Erfahrung, das Wissen um die eigenen Grenzen, die Demut vor dem Elementaren ermöglichten es ihm, nun vor uns zu stehen.

"Das Können ist des Dürfens Maß" zitiert er den gebürtigen Altausseer Bergsteiger Paul Preuß und umreißt damit auch klar seine eigenen Grenzen. Aber was motiviert diesen Mann, immer wieder die Extremsituation zu suchen? Und weiter, was motiviert einen nicht nach Pionierleistungen strebenden urbanen SUV-Piloten, die Reichweite seines Mobilfunknetzes zu verlassen? Drei Zutaten sind es, die das Abenteuer ausmachen, nämlich Anstrengung, Gefahr und die Preisgabe an die Unsicherheit. Man geht dorthin, wo man sterben könnte, um eben nicht zu sterben. Der Gipfel ist dabei keinesweigs das erlösende Ziel, vielmehr ist er der Punkt der größten Zivilisationsferne. Das Überleben wird zur Kunst, die sichere Rückkehr wird als Wiedergeburt empfunden. So gesehen ist es auch falsch zu behaupten, ein Berg habe Menschen auf dem Gewissen. Der Berg ist weder gut noch böse. Konsequenterweise wird der Diskurs im Alpinismus nicht auf der moralischen Ebene geführt, sondern allein entlang der Dimension der Möglichkeit. Ist es möglich, eine bestimmte Route zu bewältigen, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Immer wieder bringt Messner dieses Ausloten der eigenen Möglichkeiten in Kontakt mit Kulturen, die der unseren nicht vertraut sind. 

Allen von ihnen ist gemeinsam, daß die lokalen Gegebenheiten sie geprägt haben. Sie erklären Berge für heilig, sie bestatten ihre Toten auf eine Weise, die auf den ersten Blick bizarr wirkt, jedoch einer zwingenden Logik folgt. Je weniger Menschen eine Region mit dem Notwendigsten versorgen kann, desto mehr von ihnen müssen diese Region verlassen, desto mehr von ihnen sind auf eine fundierte Ausbildung angewiesen, um einen Arbeitsplatz in der Ferne zu finden. Je höher der Grad der Bildung, desto geringer ist weiters auch die Motivation, die erträumten Annehmlichkeiten im medial verklärten Westen zu suchen. Damit schlägt Messner elegant den Bogen zu einem aktuellen Diskurs in unseren Breiten: Indem er Schulen in Nepal gründet, trägt er zum Wohlstand vor Ort bei, nimmt der Ferne ihre Attraktivität.

Man mag Reinhold Messner vorwerfen, die von ihm gegründeten Mussen zu offensiv zu bewerben. Man mag ihm vorwerfen, gerade als Alpinist, der oft genug auf ein Seil angewiesen ist, dem Publikum einen roten Faden im Vortrag vorzuenthalten. Der Respekt vor dem unzerbrechlichen Überlebenswillen, vor der Inhaltsdichte, mit der sein Leben gefüllt ist, lassen derartige Gedanken zu kleingeistiger Pedanterei schrumpfen. Immerhin vermag er durch seine Präsenz etwas zu vermitteln, das nur wenige beherrschen: Ich verlasse den Saal im Bewußtsein, an Erfahrung reicher zu sein.

Steirische Kalkspitze, © Wolfgang Brandner



Freudiges Weiterlesen!

© Wolfgang Brandner

[wolfgang]

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