Rezension: Die Punkte nach dem Schlussstrich | Laura Lackmann

Montag, 29. August 2016 0 Kommentare

 Cover: Die Punkte nach dem Schlussstrich


Für die Berufsfreundin Luzy sind Männer der Mittelpunkt ihrer Welt. Auch wenn es ihr gar nicht passt: Sie kann nicht alleine sein. Also, in einem Raum geht das schon, aber ohne einen Freund im Leben wird es schwierig. Bislang konnte Luzy sich immer retten. Wenn das Beziehungsende nahte, suchte sie sich rechtzeitig den Nächsten. Apollo, Peter, Jonas. Von einem zum anderen wie der Affe im Dschungel. Sie investiert all ihre Energie in den Erhalt der oft nicht einfachen Beziehungen mit Männern, die sich so flüchtig verhalten wie Edelgase. Aber plötzlich geht etwas schief, und Luzys Putzerfisch-Verhalten kann ihre Trennungsangst nicht mehr kaschieren. Sie flippt aus. Im Streit bricht sie Jonas den Arm und muss fortan 100 Meter Abstand zu ihm wahren. Mit Liebeskummer im Herzen und einem Entfernungsmesser in der Hand stellt sie fest, dass sich etwas ändern muss, denn von aufrichtiger Liebe versteht sie nichts. [Text & Cover: © Ullstein Verlag]

"Ich wollte Apollo unbedingt lieben. „Ich liebe dich." Apollo sagte nichts. Nur ein leises, zartes Männerseufzen, das mich wie ein Soundtrack durch mein ganzes Leben begleiten würde. Plötzlich fing es in meinem Bauch an zu flattern. Keine Schmetterlinge, sondern Motten. Giftige, riesige Motten taumelten kopflos in meinem Magen. Solche, die mit ihrem Urin Löcher in Autolack brennen. Weil ich den Unterschied zwischen Motten und Schmetterlingen im Bauch nicht kannte, hielt ich diese Angst aus Versehen für die echte große Liebe."

[trennlinie]
Wow, was für eine Geschichte. Das Lesen dieses Buches hat mich einiges an Nerven gekostet, aber ich konnte auch nicht aufhören. Es ist eben eines DIESER Bücher, die einen so hin und her reißen.

Die Protagonistin Lucy löste eine Art von Hassliebe in mir aus. Mehr als einmal machte sie mich verrückt und ich wollte sie schütteln und rütteln, um sie aufzuwecken, damit sie endlich einen klaren Gedanken fasst. Aber andererseits hatte ich auch Mitleid und konnte verstehen, dass sie in einem Teufelskreis feststeckte. Also las ich weiter und weiter und hoffte und litt Seite um Seite mit ihr.

Bei Lucy läuft nichts wirklich rund. Ihre Familienverhältnisse sind schwierig und prägen ihr eigenes Verhalten sehr. Sie schlittert von einer Beziehung in die nächste - gewollt natürlich. Denn sie kann nicht alleine sein. Ihr Beziehungsleben ist eine einzige Planung und Organisation und sie entwickelt ein Gespür dafür, wenn mal wieder ein Ende einer ebensolchen naht, und trifft auch hier schon die nötige Vorsorge für einen quasi nahtlosen Übergang.
Sie will und muss die perfekte Freundin sein. Sie hat ihre ganz eigene wirre Vorstellung des Begriffes "Liebe" und ihre verzerrte Sichtweise lässt sie Dinge tun, über die man nur den Kopf schütteln kann. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie hinten an und verbiegt sich, passt sich den Hobbys und Leidenschaften ihrer jeweilen Errungenschaft an. Sie lügt, erfindet dramatische Geschichten, verstrickt sich darin und gerät dabei immer wieder ins Straucheln - wenn sie etwas unvorbereitet trifft. So wie der Streit mit Jonas, der sie unüberlegt handeln lässt und das ihr direkt eine Unterlassungsklage einbringt. Sie darf sich ihm nur noch bis 100 Meter nähern. Aber Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie nicht Mittel und Wege finden würde, Jonas so nah wie möglich zu sein - eben exakt mit dem 100 Metern Abstand.

Genau das sind diese Momente, wo man denkt "das kann nicht wahr sein!" - aber dennoch spürt man ihre Zerrissenheit und man bekommt Mitleid und möchte ihr gerne helfen.
Denn so verrückt es sich liest, denke ich, dass es in unserer Gesellschaft viele "Lucys" gibt, ob männlich oder weiblich, die sich vor der Einsamkeit fürchten und vor lauter Panik, nicht geliebt zu werden, einem fast undenkbaren Verhaltensmuster verfallen. Viele Passagen regen sehr zum darüber nachdenken an.

Über 15 Jahre pausenlos Vollzeitfreundin - 15 Jahre, in denen sie alles und jeden hinten anstellt, Freude vergrämt und sich aufopfert. Sie ist süchtig nach Liebe und erkennt dies erst nach so langer Zeit in vollem Umfang. Mit Anfang 30 blickt sie zurück und nimmt uns mit, lässt uns teilhaben an dem einigen großen Vorhaben "Liebe", dass sie in dieser Zeit ambitionierte.

Sprachlich kommt der Text oft etwas rotzig daher, aber letztlich ist es genau das, was Lucy ist und ausmacht. Dennoch bewährt sich der Roman eine gewisse Leichtigkeit und die Geschichte liest sich flott an einem Stück weg. Ein wenig fühlt es sich an, als ob man Einblick in ihr Tagebuch bekommt, ein Einblick in das Innere eines Teenagers auf dem Weg zur Frau, die es nicht schaffen will, zu sich selbst und zu einer eigenen inneren Stärke zu finden.

Persönliches Fazit

Lucy, eine Anti-Heldin, für die ein Schlussstrich kein Schlusstrich ist, sondern ein Anfang vieler Punkte, die es noch zu versuchen bzw. die es zu retten gilt. Ein Buch mit vielen Ecken und Kanten, so wie Lucy selbst. Eine Geschichte, die im Leser eine wilde Achterbahn der Emotionen auslöst und vielleicht gerade deshalb einfach wirklich richtig gut ist. Und wirklich nachdenklich stimmt.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Die Punkte nach dem Schlussstrich | Laura Lackmann | Ullstein Verlag
2016, Klappenbroschur, ISBN 9783471351208
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[alexandra]

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